Zürich

Aeppli will Schulstunden streichen, um die Lehrer zu entlasten

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 18.09.2010

Lehrer, Schulleiter und Behörden haben sich darauf geeinigt, wie die Arbeit in den Volksschulen besser verteilt und verringert werden könnte. Herzstück des Vorschlags: Die Entlastung der Klassenlehrer.

Bild: Schaad

Es war ein ansehnlicher Stoss Papier, den der Luzerner Organisationsberater Beat Bucher gestern an die Medienkonferenz mitbrachte. Der Stapel ist das Resultat eines von Bucher geleiteten Projektes, an dem alle Akteure der Zürcher Volksschule beteiligt waren: fortschrittliche und konservative Lehrerverbände, die Gewerkschaft VPOD, Schulleiter, -sekretäre, -präsidenten und natürlich die Beamten der Bildungsdirektion. Die Gruppe hatte von Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) vor über einem Jahr den Auftrag bekommen, gemeinsam Vorschläge zu machen, wie überlastete Lehrpersonen und Schulleiter entlastet werden könnten, und zwar so, dass keine Mehrkosten entstehen.

Nun liegen die Vorschläge vor, und alle Beteiligten zeigten sich «zufrieden» oder gar «begeistert» vom Gemeinschaftswerk. Aeppli selber sprach von einer «neuen Dialogkultur» im Zürcher Schulwesen. Der Schlussbericht der Gruppe sei für sie persönlich aufschlussreich und wegweisend: «Ich weiss jetzt, wo der Schuh drückt.» Und sie stehe voll hinter den Vorschlägen zur Entlastung.

Bürokratie kleiner als gedacht

Interessant ist, worauf die Projektteilnehmer die Belastungen in der Schule zurückführen. In jüngster Vergangenheit war immer von der überbordenden Bürokratie die Rede gewesen. «Der administrative Aufwand ist kleiner als angenommen», sagt nun Bucher. Seine Gruppe hat festgestellt, dass Lehrpersonen unter Administration im weitesten Sinn alles verstehen, was nicht direkt mit dem Unterricht zu tun hat. Also Absprachen in den Teams, Sitzungen und Elterngespräche und selbst Korrekturaufgaben.

Von der Bildungsdirektion verursachte Bürokratie gibt es kaum. Gemäss Schlussbericht haben Schulleiter jährlich elf Arbeitsstunden für statistische Erhebungen aufzuwenden, einzelne Lehrer im Schnitt gar nur anderthalb Stunden. Die wirklich belastenden administrativen Aufgaben seien in den Schulen oft hausgemacht – oder würden von den kommunalen Schulbehörden verlangt. Unbestritten gross ist der Koordinationsaufwand in den Schulteams. Schon in der Primarschule gibt es Schulklassen, die von bis zu 10 Personen betreut und unterrichtet werden.

Um die Belastungen zu senken, hat die Gruppe eine Reihe von Entlastungsmassnahmen vorgeschlagen. Zentral ist der umstrittene Vorschlag, zwei Lektionen aus dem Stundenplan zu streichen. Dies sei die einzige Möglichkeit, um das Geld für die Finanzierung der Entlastung zu beschaffen. Welche Stunden gestrichen werden sollen, lässt die Projektgruppe offen. Darüber haben sie laut Bucher keinen Konsens erzielt.

80 Millionen Einsparungen

Eine Lektion auf der Stundentafel kostet über den ganzen Kanton gesehen rund 40 Millionen Franken, zusammen könnten so rund 80 Millionen freigespielt werden, um Lehrpersonen zu entlasten. In erster Linie wird dieses Geld den Klassenlehrpersonen zugutekommen. Um die Klassenführung besser wahrnehmen zu können, sollen sie wöchentlich zwei Lektionen weniger unterrichten. Das eingesparte Geld würde laut Bucher darüber hinaus auch noch reichen, um weitere, besonders belastete Lehrpersonen und Schulleitungen zu unterstützen. Letztere müssen heute mindestens vier Lektionen pro Woche unterrichten. Diese Verpflichtung soll wegfallen.

Offen bleibt, was mit den Kindern geschehen würde in der zusätzlichen freien Zeit. Damit alles Geld voll für die Entlastung eingesetzt werden kann, müssten die Kinder nach Hause geschickt werden. Laut Johannes Zollinger, Präsident der Zürcher Schulpräsidenten, gäbe es wahrscheinlich einen zusätzlichen freien Nachmittag.

Bildungsdirektorin Aeppli zeigte sich gewillt, alle Entlastungsvorschläge weiterzuverfolgen. Bei einigen ist ein Regierungsbeschluss nötig oder sogar eine Vernehmlassung, etwa beim Abbau der Lektionen. Dieser wird am Ende vom Bildungsrat beschlossen. Dessen Präsidentin Aeppli sagte nicht, wann mit einem Entscheid zu rechnen ist. Der Stundenabbau werde aber «eine grosse Kontroverse auslösen». Die ersten Entlastungsmassnahmen, die keine Kostenfolgen haben, werden auf Beginn des nächsten Schuljahres in Kraft treten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2010, 15:43 Uhr

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