Ärzteverband ruft zum Boykott der Stadtspitäler auf

Oberärzte müssen im Triemli und im Waidspital bis zu 65 Stunden wöchentlich arbeiten. Ihr Verband wird nun ungewohnt deutlich.

65 Stunden wöchentlich sind zu viel: Oberärzte der Stadtspitäler machen politischen Druck für ihr Anliegen. Bild: Eddy Risch/Keystone

65 Stunden wöchentlich sind zu viel: Oberärzte der Stadtspitäler machen politischen Druck für ihr Anliegen. Bild: Eddy Risch/Keystone

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Der Kampf der Spitalärzte für bessere Arbeitsbedingungen ist lang. Es brauchte diverse Gerichtsverfahren und politische Diskussionen, bis die Arbeitszeit der Assistenz- und Oberärzte reduziert wurde. Heute gilt laut Arbeitsgesetz für beide die 50-Stunden-Woche. Arbeiten die Ärztinnen und Ärzte wegen des Schichtbetriebs zwischenzeitlich mehr, muss das Spital eine zeitliche oder finanzielle Kompensation sicherstellen.

Im Kanton Zürich gilt diese Vorschrift in allen Spitälern – ausser in den Zürcher Stadtspitälern Triemli und Waid. Dort arbeiten die Oberärzte bis zu 65 Stunden. Und der Stadtrat will daran nichts ändern. Er lehnt eine Motion ab, die eine Besserstellung verlangt. Illegal ist das nicht, denn das Arbeitsgesetz gilt nicht für Verwaltungen – die Stadtspitäler sind organisatorisch Teil der Stadtverwaltung.

In seiner Weisung zur Motion begründet der Stadtrat seine ablehnende Haltung mit zwei Argumenten. Erstens enthalte das Arbeitsgesetz zu viele formalistische Vorgaben, die «zu einer Starrheit der Schichtplanung führen». Die Regelung der Stadt sei besser und biete auch Vorteile wie grosszügige Ferien oder Altersentlastungen. Zweitens würde eine Reduktion der Arbeitszeit mehrere Millionen Franken kosten. Das sei in der heutigen Finanzlage der Stadt «nicht vertretbar», schreibt der Stadtrat.

Mehr Arbeit, weniger Lohn

Die Vorlage wird derzeit von einer Kommission des Gemeinderates behandelt. Bereits haben 132 Oberärztinnen und Oberärzte der beiden Stadtspitäler mit einer Petition politischen Druck für ihr Anliegen aufgebaut und Verhandlungen mit dem Stadtrat verlangt. Nun doppelt ihr Verband (VSAO) nach. Im aktuellen Newsletter ruft Präsident Rudolf Reck die Verbandsmitglieder implizit zu einem Boykott auf, indem er schreibt: «Der Stellenantritt bei einem Zürcher Stadtspital kann nicht mehr empfohlen werden.» Reck kritisiert, dass die Oberärzte im Triemli und im Waid nicht nur länger arbeiteten, sondern auch weniger verdienten als ihre Kollegen. So betrage ihr Anfangslohn bei der Stadt 116 000 Franken, beim Kanton hingegen 129 000 Franken. Vollends verärgert hat Reck die Rückmeldung von Oberärzten, denen angeblich die geleistete Überzeit kompensationslos gestrichen wurde.

Das Argument, die Anstellungsbedingungen der Stadt seien besser als jene von Privaten, traf laut Reck zwar früher zu und erklärt auch, weshalb die öffentliche Hand vom Arbeitsgesetz ausgenommen wurde. Heute sei es aber nicht mehr so. Reck argumentiert zudem mit dem Markt: Triemli und Waid hätten zunehmend Mühe, Ärztinnen und Ärzte zu rekrutieren.

Das städtische Gesundheitsdepartement seinerseits teilt mit, es plane «eine Auslegeordnung» zusammen mit den Oberärzten und hoffe, «eine konstruktive Lösung finden zu können».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.10.2014, 21:43 Uhr)

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