Aktivisten besetzen das Kino Razzia

Im Seefeld besetzt zurzeit eine Gruppe von Aktivisten das ehemalige Kino Razzia für eine illegale Wochenendparty. Der Besitzer lässt die Jugendlichen gewähren und schickt die Polizei weg.

Sturm auf das vernagelte ehemalige Kino Razzia im Seefeld: Verkleidete Aktivisten am Freitag um 18 Uhr. (Foto: Esther Michel)

Sturm auf das vernagelte ehemalige Kino Razzia im Seefeld: Verkleidete Aktivisten am Freitag um 18 Uhr. (Foto: Esther Michel)

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18 Uhr, Kino Razzia im Seefeld. Der rote Teppich wird ausgerollt, die Securitys in gelben Westen postieren sich. Ein Tisch wird aufgestellt, und zwei anständig gekleidete Personen stellen sich mit Listen vor die Tür. Kein ungewöhnliches Bild für das ehemalige Kino, das bis im September für kulturelle Veranstaltungen zwischengenutzt wurde. Irritierend sind nur die vielen Menschen in schwarzer Kleidung, die still und schnell die Holzabdeckungen durchsägen, welche für den Umbau des leer stehenden Gebäudes montiert wurden.

«Was machen sie hier?» fragt ein Mitglied des Quartiervereins Seefeld verdutzt, das zufällig vorbeigeht. Ein «Herr Keller», der sich als Mitarbeiter der Soziokultur Zürich vorstellt, hat eine Medienmitteilung bereit und erklärt, dass es sich hier angeblich um eine legale Besetzung handle, von der Stadtentwicklung Zürich bewilligt und mitorganisiert. Der Quartierbewohner ist beruhigt und möchte eine Kopie der Mitteilung auf die Vereinswebsite stellen.

Zusammenarbeit mit Subkultur

«Mitenand nöd gägenand» – dieser Spruch ziert das aufgespannte Spruchband vor dem Eingang. «Das ist unser Motto», erklärt «Herr Keller» und zeigt auf das Transparent, «nach den jüngsten Ausschreitungen anlässlich illegaler Partys versuchen wir in einem Pilotprojekt ein neues Partykonzept. Wir arbeiten mit Leuten aus der Subkultur zusammen und lassen diese gewähren. Die Subkultur ist unglaublich wichtig. Aus ihr spriesst die ganze Kulturszene.»

Am Wochenende sollen im ganzen Haus auf drei Etagen Lesungen, Konzerte, politische Diskussionen und Partys stattfinden. «Ganz in der Tradition der illegalen Partyaktionen Shanty Town und Brotäktschen, nur eben legal», erklär ein «Herr Huber», der sich als Vermittler zwischen Stadt und den verschiedenen Gruppen der Subkultur vorstellt. Die Polizei sei informiert. Immer mehr Leute tragen Bretter, Mobiliar und Getränke in das Haus. Ein paar mitgebrachte Neonröhren erlauben einen Blick auf die Wandmalereien. Im ehemaligen Kino wird eine Bühne aufgebaut, die Bar installiert und das DJ-Pult in die richtige Position gebracht. Alle sind still und konzentriert am Arbeiten, in zwei Stunden soll hier die erste Party steigen. «Wir rechnen mit ein paar Hundert Leuten», sagt «Herr Keller».

Polizei lässt die Party laufen

Um 18.45 Uhr kommt die Polizei mit zwei Kastenwagen und sucht das Gespräch mit den Verantwortlichen. Die angeblichen Vertreter der Stadt geben eine Erklärung und bestehen auf ihrer Zusammenarbeit mit der Stadt. Die Polizisten unternehmen vorerst nichts. Als sie sich im Innern des Hauses umsehen wollen, wird dies von Kulturveranstaltern verhindert – eine Menschentraube stellt sich vor den Eingang. Dann betritt Razzia-Besitzer Urs Ledermann den roten Teppich und sieht sich um. Als seine Frage nach den Verantwortlichen unbeantwortet bleibt, sagt er zu einer Gruppe, die sich um ihn gebildet hat: «Aha, alle ein bisschen. Ich sage euch jetzt Folgendes: Ich will keine Toten, der obere Stock ist sehr gefährlich. Die Wandmalereien dürfen auf keinen Fall beschädigt werden, und am Sonntag müsst ihr wieder gehen. Haltet ihr euch an diese Abmachungen, schicke ich die Polizei sofort weg und wünsche euch eine schöne Party.»

Dem «Tages-Anzeiger» gegenüber sagte er: «Das Haus war immer ein kultureller Ort, deshalb stört mich die Aktion nicht. Schade finde ich, dass die Leute nicht gefragt haben.» Bis Redaktionsschluss um 22.30 Uhr verlief die Party im gestürmten Razzia friedlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2011, 09:28 Uhr

Geschichtsträchtig: Vom Prachtkino zum Grillrestaurant

Das Kino Razzia soll dieses Jahr zu einem Grillrestaurant umgebaut werden. Der Immobilienunternehmer Urs Ledermann erwarb das geschichtsträchtige Haus 2008 und liess es für drei Jahre als kulturellen Veranstaltungsort zwischennutzen. 1922 als Kino Seefeld eröffnet, war das spätere Razzia eines der ersten repräsentativen Zürcher Kinos. Damals galt der Film noch als Feierabendablenkung für Proletarier. Der Architekt Wilhelm Pfister-Picault wollte dem gegensteuern und lehnte seinen Bau an die Form eines griechischen Tempels an. Die neoklassizistischen Wandgemälde steuerte der Dekorationsmaler Otto Haberer-Giller bei. 1952 wurde das Stummfilmkino renoviert und über die Jahre mehrmals baulich verändert. Die Wandmalereien waren bald nicht mehr zu sehen. Aus dem Stummfilmkino wurde ein Pornokino, aus dem Pornokino ein modernes Kino – bis es 1989 seine Tore schloss. Die Erbengemeinschaft, der das Gebäude gehörte, wollte es durch einen Geschäftsbau ersetzen. Kinobetreiber Jürg Judin war verärgert und schlug ein Loch in die Wand. Wie durch ein Wunder legte er ein Gemälde von Otto Haberer frei. Judin informierte die Denkmalpflege, und der Stadtrat stellte das ganze Haus unter Schutz. Die Rettung war paradoxerweise der Beginn des Zerfalls. Die Auflagen des Denkmalschutzes verteuerten die Renovationsarbeiten, das Kino verlotterte und stand bis 2008 leer. (TA)

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