Alle reden über Food, sie übers Essen

Ein neues Magazin will ohne Werbung über Essen schreiben. Das benötigte Startkapital wollen die Zürcher Initianten mit einem Crowdfunding und einem Festival sammeln.

Kommt das «Gut» gut? Das Team um Chefredaktorin Anna Pearson (am Laptop). Foto: Doris Fanconi

Kommt das «Gut» gut? Das Team um Chefredaktorin Anna Pearson (am Laptop). Foto: Doris Fanconi

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Gut ist die Idee für ein Magazin über das Essen und die Kulinarik, gut ist auch der Name dieses Magazins: «Gut». Das «Gut» zum Druck wird es aber nicht geben. Die sechs Zürcherinnen und der eine Zürcher, die das Projekt ausgeheckt haben, wollen ihre Geschichten ausschliesslich multimedial im Internet erzählen. Diese setzen sich mit verschiedenen Aspekten des Essens auseinander. Das gewählte Thema – zum Beispiel ein konkretes wie das Ei oder ein abstraktes wie Rituale – wollen sie über drei Monate hinweg weiter­entwickeln und so erlebbar ­machen.

Bei «Gut» wird es keine Abonnenten geben, sondern Mitglieder. Diese sollen die Artikel lesen oder die Videos anschauen. Zusätzlich bekommen sie die Möglichkeit, an ­Veranstaltungen teilzunehmen und sich bei der Themenentwicklung selber einzubringen. Rund um «Gut» sollen so ein Netzwerk und eine Community wachsen. Diese nimmt entsprechend Einfluss auf die Entwicklung der Themen und des ganzen Projekts.

Damit das Team rund um Chefredaktorin Anna Pearson überhaupt starten und auf einem professionellen Niveau durchziehen kann, benötigt es Geld. In einem Monat will es über ein Crowdfunding mindestens 360'000 Franken sammeln, heute startet die Aktion. «400'000 Franken ist unser Jahresbudget. Bevor wir ‹Gut› lancieren, wollen wir das erste Jahr finanziert haben», sagt Pearson. Nur so sei das Magazin auch längerfristig gesichert.

Für 120 Franken kann man sich beim Crowdfunding die Mitgliedschaft für das erste Jahr sichern, für 5000 Franken die lebenslange. Auch Gönnerbeiträge für 500 und 1000 Franken sind möglich. Es ist die grösste Sammelaktion, die auf der Plattform Wemakeit je gestartet wurde.

Sechs vom Fach

Im Projektteam haben sich Leute zusammengefunden, die sich mit Essen, Ernährung und Kulinarik beschäftigen und eine gute Portion Erfahrung mitbringen. Anna Pearson etwa, die Gourmet-Autorin bei der «Annabelle» war, hat mit ihrer Schwester Cathrine das Kochbuch «Zu Tisch» geschrieben, fotografiert, gestaltet und im Eigenverlag herausgegeben. Die beiden Auflagen mit 6000 Exemplaren sind ausverkauft. Laura Schälchli, die bei «Gut» für die Events zuständig ist, hat ein Studium der Gastronomischen Wissenschaften in Bra, Italien, abgeschlossen und bietet heute auf ihrer Plattform «Sobre Mesa» verschiedene Kurse im kulinarischen Bereich an.

Mit dabei sind auch die Germanistin Sara Witmer, die Grafikdesignerinnen Martina Walthert und Ursina Völlm sowie der Programmierer Dominik Ogilvie. Das Magazin wollen die Initiantinnen selber produzieren, darüber hinaus planen sie, Fachkräfte aus Journalismus und Kulinarik beizuziehen. Diese Mitarbeiter sollen angemessene Honorare bezahlt bekommen.

Ein Festival rund ums Ei

«Die Themen, die wir behandeln, wollen wir für die Leute auf verschiedenen Ebenen erlebbar machen», sagt Pearson. Was sie damit meint, zeigen sie und ihre Mitinitiantinnen im Mai exemplarisch mit einem Festival zum Thema Ei.

Sie wollen einerseits die kulinarischen Aspekte des Eis beschreiben, sich aber auch mit der Problematik im Zusammenhang mit der Eierproduktion auseinandersetzen. «Bei der Zucht werden die männlichen Tiere kurze Zeit nach der Geburt ausgeschieden und geschreddert – das wissen viele Leute nicht.» Das Magazin «Gut» will beschreiben, welche Lösungen es für dieses Problem gibt und wie diese funktionieren könnten. Zudem wird es am Redaktionssitz an der Anwandstrasse 67 einmal wöchentlich ein Mittagessen geben, bei dem Eier im Zentrum stehen. Künstler sollen Plakate rund um das Thema Ei gestalten, die Originaldrucke sind käuflich, Kopien können in verschiedenen Geschäften an einem Abreissblock bezogen werden; an der Vernissage werden sogar Eiercocktails serviert.

Daneben werden zwanzig Restaurants für mindestens eine Woche ein spezielles Eiergericht auf der Karte führen und für «Gut» Werbung machen. Im Weiteren bieten sie in Zusammenarbeit mit Marlen Halter im Restaurant Metzg einen Suppenhuhn-Workshop an, Anna Pearson wird zudem einen Blitzkurs veranstalten, in dem die Teilnehmer lernen, Pasta all’Uovo herzustellen.

Bewusst verzichten die Initiantinnen auf Werbung, Sponsoring und Publireportagen. «Wir wollen unabhängig sein – die Formate zwischen Journalismus und Werbung verschwimmen immer mehr», sagt Martina Walthert. Tatsächlich haben die beiden Grossverteiler Coop und Migros kürzlich aufwendige Food-Plattformen im Internet eröffnet, sie spannen dabei erfolgreiche Blogger ein und publizieren unter dem gleichen Titel Printmagazine in Millionenauflage, die möglichst jeden Schweizer Haushalt erreichen sollen. «Das ist getarnte Werbung – und darunter leidet die Glaubwürdigkeit», sagt Walthert.

«Wir stehen in Kontakt und unterstützen uns gegenseitig.»Anna Pearson über das Journalismus-Projekt «Republik»

Beim Projekt «Gut» geht es nicht einzig um das Thema Essen, sondern auch darum, im Journalismus neue Wege zu finden. Nicht zufällig startet zum gleichen Zeitpunkt ein anderes Medienprojekt seine Geldsuche. Das Projekt «Republik» um die Journalisten Constantin Seibt und Christoph Moser versucht, in der gleichen Frist eine noch grössere Summe zu sammeln. Anna Pearson sagt: «Wir stehen in Kontakt und unterstützen uns gegenseitig. Wir sehen uns nicht als Konkurrenten.» Den Zeitpunkt des Crowdfundings haben die beiden Projekte aufeinander abgestimmt.

Auffallend ist, dass Pearson und Walther das Wort «Food» im Gespräch kaum benutzen. Und wenn doch, dann nur um ihr Magazin zu erklären: «Alle reden über Food, wie reden übers Essen.» Der Ausdruck Food liege aus ihrer Sicht voll im Zeitgeist, oft werde er für Marketingzwecke gebraucht. Sie schreiben dem Essen eine tiefere Bedeutung zu: Diese reiche von der Produktion von Lebensmitteln über das Kochen bis hin zum Genuss. Auch etwas Spass gehört für sie dazu: «Geschichten übers Essen darf man auch mit vollem Mund erzählen.»

www.eswirdgut.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2017, 10:56 Uhr

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