Allein im Wald – das war einmal

Früher war das ganze Quartier ein Spielplatz, heute wagen sich die Kinder kaum mehr vors Haus. Ihr Bewegungsradius nimmt seit 60 Jahren stetig ab. Die Kinder leiden heute an der Indoor-Krankheit.

Unbeschwert und allein im Wald herumtollen: Dieses Privileg bleibt Kindern von heute zumeist verwehrt.

Unbeschwert und allein im Wald herumtollen: Dieses Privileg bleibt Kindern von heute zumeist verwehrt. Bild: Laif/Keystone

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Seit kurzem marschiert der 7-jährige Moritz (Name geändert) in Wipkingen allein einen Kilometer in die Turnstunde. Für ihn ist das ebenso selbstverständlich wie für seine Eltern. «Ich kenne ja den Weg», sagt er. Doch das Umfeld seiner Familie sah es anders: Die Eltern trauten ihrem Sohn bei all den Gefahren zu viel zu, so der Tenor. Viele Eltern finden es heute normal, dass sie ihre Kinder bis in die Mittelstufe auf den Spielplatz begleiten, sie in den Sportunterricht bringen und sie bei Kollegen abholen. Unbeaufsichtigt dürfen Kinder einzig im eingezäunten Garten spielen, und noch viel lieber drinnen, nicht selten vor dem Computer oder Fernseher.

Vor 60 Jahren wären die Reaktionen anderer Eltern ausgeblieben. Kurt Gammeter, 1948 in Wipkingen geboren, bewegte sich als 7-Jähriger frei bis in den Käferbergwald. Selbst Zorica Welti-Kostic, Jahrgang 1968, streifte als Kindergärtlerin allein durchs Quartier.

Der gesellschaftliche Wandel über die drei Generationen ist offensichtlich. Doch das kulturell verankerte Überbehüten der heutigen Generation hat Folgen. Forscher sprechen von der IndoorKrankheit und vom Natur-Defizit-Syndrom. Kinder, die darunter leiden, seien psychisch beeinträchtigt, heisst es, sprich gestresster, weniger ausgeglichen. Geprägt hat diesen Begriff in erster Linie der amerikanische Journalist Richard Louv mit seinem Bestseller «Last Child in the Woods». Kinder wollten nämlich nur eins, sagt er: an wilden, ungeordneten Plätzen spielen, wo sie sich frei von jedem elterlichen Einfluss bewegen können.

Nachbars Schelte

«Meine Kindheit war paradiesisch», sagt Kurt Gammeter. An der Nordstrasse aufgewachsen, spielte er jede freie Minute vor dem Haus. «Wir waren immer eine Schar von Kindern, die jüngsten kaum älter als drei», sagt Gammeter. Sie spielten Fussball, Verstecken oder Räuber und Polizist. Von Erwachsenen, die sie beaufsichtigten, keine Spur. Diese waren zwar zu Hause beschäftigt. Gammeters Eltern führten eine Bäckerei. Die Mutter bediente die Kundschaft im Laden. «Sie vertraute uns. Selbst dass wir auf die Kleinsten aufpassten.» Der ganze Bereich zwischen Bahnlinie und Rosengartenstrasse gehörte zu Gammeters Spielplatz. Die Kinder waren im Quartier präsent. Ihr Geschrei, ihre Kämpfe und Streiche waren geduldet. Und manchmal musste sich Gammeter der Schelte der Nachbarn auch stellen, wenn er sie mit den durch ein Glasrohr geblasenen Erbsen attackiert hatte.

Spielplätze gab es weniger. Der Landenbergpark war zu wenig attraktiv, da die Wiese gesperrt war. Der RobinsonSpielplatz im Gemeinschaftszentrum Wipkingen wurde erst gebaut. Stattdessen ging Gammeter mit 8 Jahren mit Freunden allein in den Wald, gut 20 Minuten zu Fuss auf den Käferberg oder auch ins dortige Freibad. Als er ein Jahr später ein Fahrrad bekam, fuhr er nicht selten zu Franz Carl Weber in die Innenstadt. Oder zu Honold, um Bruchguetsli zu holen. Und bald schon unternahm er nach der Schule eine Velotour nach Rapperswil und zurück. «Wir waren völlig frei. Konnten, wohin wir wollten.» Einzig zum Arzt kam die Mutter mit.

Statistiken belegen, dass der Aktionsradius von Kindern innerhalb einer Generation um nahezu 90 Prozent abgenommen hat. Gingen in den 70er-Jahren noch acht von zehn 7-Jährigen allein zur Schule, ist es heute nicht einmal mehr einer von zehn. Zwei von drei 10-Jährigen waren noch nie allein in einem Laden einkaufen oder unbeaufsichtigt im Park spielen. Und gemäss einer Umfrage trauen vier von zehn Eltern ihren Kindern erst mit 14 zu, sich allein in der Stadt zu bewegen. Diese Zahlen stammen zwar aus Grossbritannien, können aber auf Zürich übertragen werden.

Durch die Einschränkung des Bewegungsradius kennen die Kinder ihre Umgebung weniger als Gleichaltrige von früher. Sie wissen kaum, was man draussen spielen könnte, erkennen Elstern nicht mehr oder den Unterschied zwischen Wespen und Bienen. Gleichzeitig entgeht ihnen das Übungsfeld, das Leben kennen zu lernen und die Risiken in der Natur einzuschätzen – eine Fähigkeit, die ihnen später als Eltern fehlen wird. Heute müssen mehr Kinder medizinisch behandelt werden, weil sie aus dem Bett fallen und nicht von Bäumen.

Einmaliges Begleiten

Selbst in der letzten Generation war das noch anders. Zorica Welti-Kostic, an der Habsburgstrasse aufgewachsen, spielte tagelang auf der Strasse. Ihren Rayon beschränkten die Eltern zwar auf den Blockrand, präsent waren sie hingegen nie. «Wir vergnügten uns ganze Sommer lang mit Bällen, Seilen, Gummitwist und Kreiden vor und hinter dem Haus», sagt sie. Sie kletterten über drei Meter hohe Zäune, entdeckten die Natur. Dass sie nebenbei den jüngeren Bruder im Auge hatte, war selbstverständlich. Ebenso, dass sie in den Quartierläden einkaufen ging und den Schulweg allein zurücklegte. «Einzig am ersten Schultag hat mich meine Mutter begleitet», sagt sie.

Seit der ersten Klasse besuchte sie die Schule für jugoslawische Sprache im Seefeld. Ohne Zögern schickte sie ihre Mutter mit den öffentlichen Verkehrsmitteln allein dorthin, obwohl Welti weder den Fahrplan noch die Stationen lesen konnte. «Wenn ich heute daran denke, weiss ich nicht mehr, wie ich das geschafft habe.» Nur wegen einer bestimmten Uhr am Strassenrand wusste sie jeweils, dass sie an der Höschgasse war und aussteigen musste. Doch WeltiKostic ist heute überzeugt: Ihre Kindheit hat sie stark gemacht.

Als grösstes Risiko gilt in den Augen der Eltern heute der Verkehr. Dem widersprechen die Zahlen der Unfallstatistik. 25 Kinder verunfallten 2013 im Kanton Zürich, im Jahr zuvor waren es noch 35 gewesen. Dafür mögen strengere Kontrollen und höhere Sicherheitsstandards verantwortlich sein, aber auch die Tatsache, dass Kinder gar nicht mehr auf den Strassen spielen.

Angst haben die Eltern aber auch vor Fremden, die ihren Kindern etwas antun könnten. Die Angst hatte schon Gammeters Mutter. Ihr einziges Verbot: Steige nie zu Fremden ins Auto. Dafür ist ihr Gammeter dankbar. Eines Tages fragte ihn tatsächlich ein VW-Fahrer nach dem Weg und bat, dass er ihn im Auto begleiten möge. Gammeters Nein war dementsprechend selbstbewusst. Für Zorica Welti-Kostic wurden die Verbote erst in der Pubertät rigoroser. «Da hatten die Eltern fast mehr Angst um mich als früher.» Fakt ist aber, dass heute die meisten Verbrechen von Fremden an Kindern im Internet ihren Anfang nehmen und nicht auf der Strasse.

Sehen Zorica Welti-Kostic und Kurt Gammeter Kinder auf der Strasse spielen, erinnert sie das an ihre erfüllte Kindheit. Moritz’ Eltern versuchen derweil, ihren Sohn so wenig als möglich zu begleiten, doch den Kampf gegen die Vorurteile haben sie unterschätzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.03.2014, 07:16 Uhr)

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Kinder möchten Umgebung mitgestalten

Die Architektin und Soziologin Gabriela Muri hat als Kind ähnliche Erfahrungen gemacht wie Kurt Gammeter und Zorica Welti-Kostic. Muris eigene drei Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren spielen draussen auf dem Schulhausplatz, im Genossenschaftshof der Nachbarskinder und im Wald. «Wir Eltern begleiten sie jedoch mehr als ich möchte», sagt Muri.

Dass Kinder heute viel seltener ohne Aufsicht unterwegs sind als in den 20eroder 60er-Jahren, erklärt Muri so: «In den 20er-Jahren lagen Wohn- und Gewerbegebiete nah beieinander, und der Verkehr war beschränkt.» Seit den 60erJahren seien die funktionale Trennung in Wohn- und Arbeitsgebiete und der Autoverkehr im Alltag bestimmend, so Muri. Die Soziologen sprechen von einer Funktionalisierung und Verinselung der Lebensbereiche. Den Aktionsradius kleinerer Kinder schränke der Verkehr enorm ein, so Muri. Wissenschaftlich untersucht hätten das vor allem Marco Hüttenmoser und Dorothee DegenZimmermann in ihren Studien für das Marie-Meierhofer-Institut.

Alltagsräume verbinden

Die Erwachsenen fungieren laut Muri in der heutigen Lebenswelt als HelikopterEltern, die «ihre Kinder von Insel zu Insel begleiten, oft auch mit dem Auto fahren». Kinder lernten so aber nicht mehr, Gefahren selbst abzuschätzen und die Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu erfahren – zum Beispiel beim Klettern auf einen Baum. Anstatt für die Kinder einzelne Inseln vorzusehen, sollte die Stadtplanung laut Muri stärker darauf abzielen, die Alltagsräume der Kinder miteinander zu verbinden. «Wohn-, Schul-, Betreuungs- und Freizeiträume sollten in ein möglichst zusammenhängendes Netz an durch Kinder sicher und eigenständig begehbaren Wegen eingebettet sein», so Muri. Wichtig sei, dass die Räume «Handlungen oder Spielhandlungen anregen, aber nicht vorbestimmen» und sich auch als Treffpunkt eigneten.

Zürich verfügt laut Muri zwar über eine hohe Vielfalt an Kinderspielplätzen, die oft sogar zusammen mit Kindern entwickelt würden. Generell werde aber bei der Stadtplanung zu wenig berücksichtigt, «dass Kinder ihre Umgebung mitgestalten möchten und dass ein Berg Laubblätter, in den sich Kinder eingraben können, viel mehr wert ist als ein teures Spielgerät». (Anita Merkt/TA)

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