Als der Weg in die Krippe durch die Reinigungsschleuse führte

Der Gemeinnützige Frauenverein Zürich hat 1895 die erste Krippe in der Stadt Zürich eröffnet. Ein Buch blickt zurück auf die Geschichte des Vereins, der sein 125-Jahr-Jubiläum feiert.

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1895 eröffnet der Gemeinnützige Frauenverein Zürich (GFZ) an der Hallwylstrasse 32 seine erste Krippe, die auch die erste Krippe in der Stadt Zürich war. Eine Diakonissin leitete sie. In Basel gab es bereits 1870 eine Krippe, weitere entstanden im selben Jahrzehnt in Bern, Neuenburg, Genf, Schaffhausen und La Chaux-de-Fonds. In Zeitungsinseraten bat der GFZ um finanzielle Unterstützung und appellierte an den Stolz der Zürcher: «Was in anderen Schweizerstädten möglich ist, wo seit Jahren Kinderkrippen ihre segensreiche Thätigkeit entfalten, das dürfte auch in dem stets hülfsbreiten Zürich ausführbar sein.» Die ersten Schweizer Krippen gingen alle auf private Initiativen zurück – Ärzte, Pfarrer und gemeinnützige Vereine gründeten sie.

Die «dringende Notwendigkeit» für Krippen begründete der GFZ in einem weiteren Inserat mit den Verhältnissen, die auch von der Mutter «die Mithülfe am Erwerb» verlangten. «Manches junge Leben wurde schon ein Opfer dieser Zustände, weil die mangelnde oder ganz unzweckmässige Pflege während der Abwesenheit der Mutter den zarten Organismus dauernd schädigte.» Trotz seines Engagements erachtete der GFZ Krippen als etwas «Unnatürliches, ein Notbehelf». «Es wäre besser, wenn die armen Mütter nicht auswärts arbeiten müssten ums tägliche Brot; wenn jede Familie so gestellt wäre, dass sie ihr eigenes trautes Heim, ihr Gärtchen besitzen würde, wo Kinder unter der Pflege und Obhut einer verständigen, mit den nötigen Elementarbegriffen über Hygiene, Kinderpflege und Erziehung vertrauten Mutter, bei guter Luft, Sonnenschein und kräftiger Kost aufwachsen könnten!» Aber von diesem Ideal sei man noch weit entfernt.

Mit speziellen hygienischen Massnahmen versuchten die Betreuerinnen zum einen die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit zu bekämpfen. Zum anderen reagierten sie damit auch auf die Kritik der Ärzte, die Krippen seien eigentliche Ansteckungsherde. Bevor sie die Krippe betreten konnten, mussten die Kinder eine Reinigungsschleuse passieren. Sie wurden «aus den sie umhüllenden Tüchern herausgeschält und in den Badekasten gesteckt». Frisch gewaschen und «mit weissen Krippenjäckchen und Windeln angetan», durften die Mädchen und Knaben im Spielzimmer herumtollen oder sich im Liegezimmer ausruhen. Jedes Kind hatte sein eigenes Essgeschirr, Mütter mussten draussen bleiben.

Von der Flickschule zu 11 Kitas

Der Andrang auf die erste Zürcher Krippe war so gross, dass «leider eine beträchtliche Anzahl Kinder abgewiesen oder auf später vertröstet werden musste, wenn das Institut nicht unter der Überzahl leiden sollte». Bereits zwei Jahre später eröffnete der GFZ eine zweite Krippe. Heute betreut er über 1000 Kinder in 11 Kindertagesstätten und in Tagesfamilien in der Stadt Zürich. Er ist eine Non-Profit-Organisation mit über 700 Aktiv- und Passivmitgliedern, konfessionell neutral und politisch unabhängig. Den Grundstein legten 1885 engagierte bürgerliche Frauen mit dem «Frauenverein Zürich und Umgebung» (heute GFZ). Zu seinen ersten Aktivitäten zählten eine Arbeitsvermittlung, eine Flickschule und ein Lesesaal für Frauen und Töchter. Zum 125. Geburtstag hat der Verein nun das Buch «Kinderbetreuung im Wandel» herausgegeben, das die Arbeit des Vereins beleuchtet und dabei auch die Geschichte der Kinderbetreuung anschaulich erzählt.

Unter anderem zeigt das Buch auf, dass früher Kinder aus der Unterschicht in Krippen waren und heute zunehmend diejenigen aus der Mittelschicht in Krippen betreut werden. Hier wünscht sich Stadtrat Martin Waser (SP) eine Rückkehr: Denn gerade Kinder aus benachteiligten Familien profitierten stark von einer guten Kita, argumentiert er im Vorwort.

Die Vernissage von «Kinderbetreuung im Wandel» findet am Samstag von 11–13 Uhr statt. Haus zum Kiel, Hirschengraben 20. Die Leiterin des Marie-Meienhofer- Instituts spricht über Kita-Kinder.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.05.2010, 19:56 Uhr)

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