Zürich
Als die Polizei Alfred Hitchcock festnahm
Von Benno Gasser. Aktualisiert am 15.11.2012 11 Kommentare
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In den Wachstuben der Stadtpolizei Zürich hängen üblicherweise keine Fotos von verhafteten Personen an den Wänden. Ausnahme: bei der Wasserschutzpolizei am Mythenquai. Allerdings ist auf dem Foto im Eingangsbereich keine eigentliche Verhaftung zu sehen, noch ist darauf ein Schwerverbrecher abgebildet. Vielmehr blickt einem auf der Schwarzweissaufnahme Alfred Hitchcock (1899–1980) entgegen, wie er scheinbar von zwei Seepolizisten abgeführt wird. «Er liess sich spasseshalber verhaften», erinnert sich Bruno Gabrisch. Er und sein Arbeitskollege Gilbert Matille alberten am 26. September 1972 mit dem Meisterregisseur beim Stadthaus herum.
Die beiden Beamten hätten eigentlich die Aufgabe gehabt, Hitchcock auf das bereitstehende Boot der Seepolizei beim Landungssteg zu begleiten. Danach wollten sie mit dem prominenten Gast auf den See und anschliessend vor das Hotel Baur au Lac fahren, wo Hitchcock logierte. Doch daraus wurde nichts. «Hitchcock hat uns erzählt, dass er nicht mehr so gut zu Fuss sei», sagt der heute 72-jährige Gabrisch. Offenbar war dies nicht der einzige Grund. Dem TA-Journalisten verriet der Starregisseur damals, er habe eine ausgesprochene Angst vor Polizisten, denn sein Vater habe ihn im Alter von fünf Jahren einmal zum Spass einige Stunden in einem Polizeikommissariat einsperren lassen.
Hitchcocks Angst vor der Polizei
Ganz so dramatisch verlief die Begegnung mit den Stadtpolizisten trotzdem nicht. Hitchcock bedankte sich später mit einer Karte bei den Beamten: «Liebe Seepolizei. Besten Dank für die Festnahme vor einigen Tagen. Wenn Sie mit anderen Gefangenen so liebenswürdig umgehen, denke ich, sind die Übeltäter in Zürich zu beneiden. Nebenbei möchte ich mich noch für das Buch bedanken, das mir die junge Dame überreichte.»
Hitchcock war damals 73 Jahre alt und kam nach Zürich, um den Film «Frenzy» im Kino Rex an der Bahnhofstrasse vorzustellen. Der englische Regisseur reiste mit seiner Frau bereits vier Tage vor der Premiere vom Comersee an, wo das Ehepaar Ferien verbrachte. Zürich kannte Hitchcock bereits von früheren Besuchen. Die Stadt sei ihm nur schon deshalb in Erinnerung geblieben, weil er einmal im Hauptbahnhof eine Scheibe zerbrach, als er ebenfalls mit dem Zug anreiste, sagte er damals gegenüber dem TA.
Falscher Hund auf dem Bürkliplatz
Weil die Handlung des Films «Frenzy» auf dem Londoner Gemüsemarkt Covent Garden spielt, besuchte Hitchcock den Markt auf dem Bürkliplatz. Neben dem Tourismusdirektor Bruno Anderegg begrüssten ihn auch noch die beiden Bernhardinerhunde Quitto und Dego – mit den obligaten, aber leeren Fässchen Schnaps um den Hals. Den Alkohol in Form von Cognac und ein Buch über Zürich übergab Anderegg dem Regisseur als Geschenk. Hitchcock nahm eines der Fässchen, hängte es sich um den Hals, streckte seine Zunge heraus und hechelte wie ein Hund. Darauf habe er den «umstehenden Zürchern, die er durch seinen Scherz alsogleich für sich gewonnen hatte, bereitwillig Autogramme» ausgeteilt, schrieb der TA.
Von Stadtpräsident Sigmund Widmer erhielt er im Büro einen Bildband des Zürcher Malers Rudolf Koller. Die Pressekonferenz fand praktischerweise gleich im Stadthaus statt. Ein Journalist wollte wissen, ob Hitchcock die französische Küche nicht schätze. Im Film «Frenzy», der den Zusammenhang zwischen Sex, Tod und Essen thematisiert, kommt die französische Küche nicht gut weg. «Aber ja», sagte Hitchcock und blickte dabei auf seinen Bauch. Doch die Gerichte müssten nicht wie im Film von einer Engländerin, sondern von einem französischen Koch zubereitet werden.
Polizist Gabrisch sah den Regisseur noch beim Apéro im Restaurant Feldschlösschen an der Bahnhofstrasse. Der gleichnamige Bierbrauer lud zum «Hitch-Hock» mit Moderatorin Heidi Abel. Zum Gaudi der Gäste war Hitchcock nach dem Bierfassanstich tropfnass. Trotzdem schrieb er Autogramme auf eigens produzierte Bierdeckel. Gabrisch: «Ein witziger Typ.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.11.2012, 10:21 Uhr
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11 Kommentare
Eine ganz schöne wunderbare Geschichte, vielen Dank! Ich träume ein bisschen der Zeit nach als Berühmheiten noch greifbar waren, keinen Laufsteg, kein besonderes Outfit und keinen Mänätscher brauchten. Die solide Arbeit an der Kamera und die Nähe zu den Menschen waren die Erfolgsfaktoren. Dazu eine Prise Humor und Ironie, einfach herrlich. Antworten
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