Als es ein kleines Venedig in der Enge gab
Von Monica Müller. Aktualisiert am 11.11.2008
Das Venedigli in einem Aquarell um 1850: Klublokal der Società di San Marco.
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Zürich war nicht immer eine Partystadt – im Gegenteil: Der venezianische Gesandte Vendramino Bianchi schrieb in seinem 1719 erschienenen Buch Folgendes über die Zürcher Jugend: «Es besteht keine Gefahr, dass sie sich über Müssiggang verliert oder sich vom Luxus leiten lässt oder von Untugenden. Freudenmädchen unterstehen strengen Strafen, so auch das Spiel, die Masken, die Komödien, die Feste, die Livreen, wertvolle Dekorationen, Stoffe aus Gold und Seide, Schmuck und alle Dinge, die unnütze Spesen verursachen könnten.» In seiner «Heimatkunde der Stadt Zürich» erinnert Walter Oberholzer daran, dass Zürich noch im Jahre 1825 wie eine Festung bewacht war und die Öffnungszeiten öffentlicher Lokale streng geregelt waren: «Abends um neun kündete die Glocke vom Fraumünster an, dass man die Weinhäuser schliessen und keinen Wein mehr ausschenken solle. Ein Gebot mahnte bei harter Strafe, dass niemand, sei es Tag oder Nacht, auf den Gassen singe, jauchze, schreie, johle, poltere, plärre, noch anderen Unfug oder Mutwillen treibe, sondern zu gebührlicher Zeit zu Ruhe gehe und biedere Leute auch in Frieden lasse.»
Inmitten dieser puritanischen Umgebung schufen sich dreizehn Söhne vermögender Familien 1743 ihre sprichwörtliche Insel: Zwei Escher vom Glas, fünf Orelli, drei Pestalozzi, zwei Schulthess und ein Ziegler gründeten die Gesellschaft Società di San Marco. Sie hatten alle zu Studien- und Handelszwecken Zeit in Venedig und Bergamo verbracht und wollten ihre enge Verbindung zur «Serenissima» – wie Venedig auch genannt wird – kultivieren. Als Klublokal erstanden sie eine kleine, abgelegene Villa in der Enge, welche bis 1893 eine eigene Gemeinde bildete. Sie liessen den ehemaligen Weiher rund um das Landhaus wiederherstellen und durch einen Kanal mit dem See verbinden, der vor der Aufschüttung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch viel näher lag. So entstand eine Lagune rund um die Villa, auf der bald auch eine Gondel schaukelte.
Mit Dolch und Degen im Klub
Historiker berichten von den eigentümlichen Sitten der Gesellschaft: «Die Mitglieder, die sich regelmässig alle vierzehn Tage versammelten, mussten sich auf venezianische Art mit einem schwarzen Mantel bekleiden und mit einem Dolch oder Degen bewaffnet sein.» Dann schwelgten die extravaganten jungen Zürcher Kaufleute in Erinnerungen an Italien, assen venezianisches Essen und kultivierten venezianische Bräuche. Sogar die Zürcher Münze wurde im Venedigli auf ihren venezianischen Wert konvertiert.
Mit der Recherche über Zürichs kleines Venedig wollten Marco Gherzi und Tindaro Gatani, die Autoren und Herausgeber des gestern erschienenen Buches «Das Venedigli», an die lange und wechselhafte Beziehung zwischen der Limmat- und Lagunenstadt erinnern. Diese begann im Spätmittelalter dank der Seide, die von Venedig über die Bündner Pässe exportiert und in Zürich verarbeitet wurde. Die Auflösung der Società die San Marco fiel mit dem Ende des Bündnisses zwischen Zürich und Venedig zusammen. Aufgrund innenpolitischer Probleme und Fremdenhasses wurden in Venedig lebende Schweizer vertrieben. 1772 starb das letzte Mitglied der Gesellschaft und diese mit ihm.
Kaiserin Sissi zu Gast im Venedigli
Das Venedigli erlebte einige Besitzerwechsel, bis es vom Hotelier Johannes Baur als Familienresidenz erworben wurde. Sein Sohn Theodor machte es nach dessen Tod zu einem Nebengebäude des Baur au Lac. Sogar die Kaiserin Sissi verbrachte einige Tage in der Dépendance Villa Venedigli, nachdem ihre Schwester dort ein Baby geboren hatte.
Heute erinnert ein steinerner Löwe von San Marco und ein Brunnen beim Bahnhof Enge an die 1926 abgerissene Villa. Der Löwe war ein Geschenk der Region Veneto, der Brunnen eines von Marco Gherzi und seinem Vater, der selbst jahrelang Bilder und Texte zum Venedigli sammelte. Nur ein Dokument haben Gherzi junior und sein Freund Gatani nicht gefunden: Die Statuten der Società die San Marco. Sie hoffen, dass ihr Buch diese in einem Zürcher Familienarchiv zutage fördern wird.
«Das Venedigli» kann nicht gekauft werden, aber Interessenten können sich bei den Autoren melden, vielleicht haben sie Glück und ergattern eines der 500 Exemplare, die allesamt verschenkt werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.11.2008, 22:13 Uhr



