Am Christkindlimarkt nicht mehr erwünscht
Von Helene Arnet. Aktualisiert am 01.12.2011 23 Kommentare
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Dank Monika Schmucki kam das Christkindli alle Jahre wieder in der grossen Halle des Hauptbahnhofs Zürich zur Welt. Und Kasperli half dort dem Samichlaus auf die Sprünge. Acht Jahre lang erzählte die Puppenspielerin am Zürcher Christkindlimarkt mit ihren Hand- und Stabfiguren Weihnachtsgeschichten. Dieses Jahr sucht man ihr Zelt oder Häuschen vergeblich.
«Die Veranstalter des Christkindlimarkts haben mich kurzfristig ausgeladen», sagt Schmucki. Ein bitterer Unterton schwingt mit. Noch im Februar wurde ihr von der Adliswiler Event- und Marketingfirma CP9, welche die Weihnachtsmärkte in den Hauptbahnhöfen von Zürich und Luzern organisiert, schriftlich versichert, man sei «von der Qualität ihres Programms überzeugt». Die Firma erklärte Schmucki weiter, man wolle mit ihr die diesjährige Zusammenarbeit besprechen. Ziel sei es, die «Weihnachtsbühne neu umzusetzen». Noch unklar sei, ob es eine Art Systembau, ein Container oder etwas Ähnliches sein werde.
Nächstes Jahr wird vieles neu
Schmucki sagt: «Für mich war aufgrund dieser Aussagen klar, dass ich im Advent wieder am Christkindlimarkt spielen würde.» Sie reichte ihr Konzept ein. Am 6. September schrieb ihr die Firma dann, es sei «durchaus möglich», dass es dieses Jahr keine Weihnachtsbühne gebe. Und Anfang Oktober erfuhr Schmucki, dass man ihr keinen Platz mehr zur Verfügung stellt. Das trifft Schmucki hart. «Ich habe dafür andere Engagements abgesagt. Und für neue war ich zu spät dran.» Die Einnahmen am Christkindlimarkt waren für die professionelle Puppenspielerin existenziell: Ihr entgeht jetzt ein Viertel ihrer Jahreseinnahmen.
Stephan Dübi von der Firma CP9 und Sprecher des Organisationskomitees Christkindlimarkt bestreitet, dass die Absage für Schmucki aus heiterem Himmel gekommen sei: «Wir haben auf der Weihnachtsbühne die letzten zwei Jahre nicht mehr allein auf sie gesetzt, weil wir auch ein Abendprogramm wollten.» Die Konkurrenz unter den immer zahlreicher werdenden Weihnachtsmärkten sei riesig. «Da muss man immer wieder neue Attraktionen bieten.» Ab nächstem Jahr will die Firma damit starten, im HB die «Vision 2020» umzusetzen. «Das wird ein ganz neuer Auftritt.» Konkretes zum Konzept will Dübi nicht verraten.
Meinungsverschiedenheiten habe es schon früher gegeben, sagt Puppenspielerin Schmucki. Damit ist sie aber nicht allein. Viele Standbetreiber beklagen sich hinter vorgehaltener Hand über die Behandlung durch die Marktverantwortlichen. Schmucki ist eine der wenigen, die sich mit Namen zitieren lässt. «Ich habe ja nichts mehr zu verlieren.»
«Denen geht es nur ums Geld»
Die Klagen gleichen sich. Die Kosten seien intransparent: So kommen zur Grundmiete von 6710 Franken für einen Stand Nebenkosten von etwas über 800 Franken. Plus Mehrwertsteuer, plus ein obligatorischer Beitrag von 400 Franken für die Werbung. Wird ein Häuschen in der Nacht von Vandalen beschädigt, haftet der Standbetreiber. Und die Betreuung sei lieblos und arrogant. «Denen geht es nur ums Geld», heisst es immer wieder. Und: «Wehren kann ich mich nicht. Sonst bin ich meinen Standplatz im nächsten Jahr los.» Die 150 Standplätze sind problemlos zu besetzen. «Wir haben eine Warteliste mit 150 Bewerbern», sagt Stephan Dübi.
Noch einer steht mit seinem Namen hin: Tobias Loosli aus der bekannten Zürcher Puppenspielerfamilie. Er wurde als Zauberkünstler Buccini für das Abendprogramm engagiert. «Es war obertraurig. Das Konzept der Organisatoren taugte nichts.» Er war in einer Baracke untergebracht, an der die Türe klemmte. «Und ich sollte selbst mit Flyern die Leute dazu bewegen einzutreten.» Loosli bekam am Schluss für zehn Vorstellungen insgesamt gerade mal 300 Franken. «Die haben keinen Schimmer, wie unsere Szene funktioniert.»
Bussen für zu spätes Öffnen
Loosli sagt: Es habe mit dem OK Christkindlimarkt laufend «Lämpe» gegeben. Nicht nur mit ihm, sondern auch mit Standbetreibern. «Sie haben uns schnoddrig und kleinlich behandelt, wie Kinder.» So erhält 25 Franken Busse, wer seinen Stand zu spät öffnet oder die Karte, auf der er seine Einnahmen deklarieren muss, zu spät abgibt. Loosli hat mehrmals vergeblich das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht. «Anfangs im Guten, denn eigentlich ist das eine schöne Sache.» Auf einen Beschwerdebrief, den er im Nachhinein geschrieben hatte, hat er bis heute keine Antwort bekommen.
Stephan Dübi wehrt sich: «Die uns von aussen auferlegten Anforderungen im Bereich Sicherheit und Administration sind in den letzten Jahren enorm gestiegen.» Auch brauche es wegen einiger schwarzer Schafe unter den Marktfahrern klare Regeln. Als er vor 18 Jahren mit dem Christkindlimarkt anfing, umfasste das Reglement 1 Seite. Heute sind es 26. Den Vorwurf der schlechten Betreuung und Erreichbarkeit weist er von sich: «Wir sind per Mail rund um die Uhr erreichbar.»
Asyl in Dietikon
Auf dem Kinderkarussell neben dem Swarovski-Baum drehen sich neumodische Trickfilmfiguren und Autos aus Polyester. Wo ist das nostalgische Karussell mit den antiken Rössli? Er sei nach elf Jahren ausgestiegen, sagt der ehemalige Betreiber. Weil er mit der unerfreulichen Geschichte abschliessen will, möchte er nicht, dass sein Name genannt wird. Die CP9 habe ihn unter Druck gesetzt: Nur wenn er auch in Luzern eines seiner Karussells aufstelle, könne er den Standplatz in Zürich behalten. «Ich fühlte mich erpresst.» In Zürich lief es gut, in Luzern herrschte tote Hose. Dreimal liess er sich auf den Handel ein, dreimal habe er happig draufgezahlt. «Doch die Organisatoren liessen nicht mit sich reden. Das nächste Jahr wurde ich nicht mehr berücksichtigt.»
Für Puppenspielerin Monika Schmucki findet diese unschöne Geschichte ein versöhnliches Ende, das ganz gut zu Weihnachten passt: Vom Christkindlimarkt in die Wüste geschickt, hat ihr Wohnort Dietikon spontan Asyl gegeben. Und so kommt ihr Christkindli dieses Jahr auf dem Kirchplatz mitten in Dietikon auf die Welt.
Weihnachtsbühne auf dem Kirchplatz Dietikon, täglich von 3. bis 29. Dezember. www.kasperlibuehne.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2011, 10:15 Uhr
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