Am Strand von Müllorca

Wo gebadet und gefeiert wird, bleibt Abfall liegen. Unterwegs mit den Männern, die am Morgen an der Limmat sauber machen.

Ihren Müll zu einem der bereitgestellten Abfalleimer zu tragen, kommt vielen Besuchern des Oberen Letten offenbar nicht in den Sinn: ERZ-Mitarbeiter an der morgendlichen Arbeit.

Ihren Müll zu einem der bereitgestellten Abfalleimer zu tragen, kommt vielen Besuchern des Oberen Letten offenbar nicht in den Sinn: ERZ-Mitarbeiter an der morgendlichen Arbeit. Bild: Doris Fanconi

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Am besten würde Abfallmann Mica noch früher aufstehen. Denn angesichts der Hitzewelle gehen viele Badegäste am See und an der Limmat am Abend gar nicht nach Hause. Anstatt in die Clubs zu pilgern, verbringen sie die Nacht lieber am See, am Oberen Letten oder auf der Werdinsel. Auch morgen früh dürfte es dort wieder schlimm aussehen: Wenn Mica um 5 Uhr ans Werk geht, sind die Liegewiesen und die Uferwege entlang der Limmat in diesen Tagen übersät mit PET-Flaschen, Einweggrills, Fast-Food-Ver­packungen, Plastikbechern, Scherben und Zigarettenstummeln.

Schon bevor der Angestellte der Reinigungsfirma Gamma Remax am Oberen Letten loslegt, waren indes andere da: «Es gibt Leute, die kommen jeden Morgen, um nach wertvollen Sachen zu suchen», sagt Mica. «Wenn sie nichts finden würden, kämen sie nicht jeden Tag so früh hierher.»

Im Auftrag von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) reinigen Mica und seine Kollegen nicht nur den Oberen Letten, sondern auch den Park beim Gemeinschaftszentrum Wipkingen und die ganze Werdinsel. «Um 9 Uhr müssen wir mit allem fertig sein.» In 36 Anlagen und Parks tragen die Mitarbeiter von ERZ und private Reinigungsfirmen jeden Tag sackweise Müll zusammen. An manchen Orten reinigen sie mehrmals täglich.

Ein aussichtsloser Kampf

Am meisten gegrillt, getrunken und gefeiert wird nach Angaben von ERZ rund um das Seebecken, am Platzspitz beim Hauptbahnhof, im Irchelpark, am Letten und auf der Werdinsel. Viele Besucher lassen alles liegen, was sie mitgebracht und nicht konsumiert haben. Ihren Müll zu einem der bereitgestellten Abfalleimer zu tragen, kommt ihnen offenbar nicht in den Sinn.

Eine Stunde nachdem Mica am Uferweg alles zusammengefegt hat, rollt am Letten das Reinigungsmobil von ERZ an. Die horizontalen Wischrollen kehren den Abfall zum Schluckloch. Dort wird er ins Fahrzeuginnere gesaugt. Doch nicht überall ist die Reinigung so einfach wie auf den geteerten Flächen. Mica ist gerade dabei, die Rasenfläche zu rechen, die mit Hunderten von Zigarettenstummeln übersät ist. Doch viele Kippen bleiben liegen. Um jede Kippe einzeln einzusammeln oder gar aus den Zwischenräumen der Liegestege zu klauben, fehlt die Zeit. Die Stummel bleiben auf dem Steg liegen. Irgendwann fallen sie ins Wasser und schweben in Richtung EWZ-Kraftwerk davon. Dort kann man beim Rechen den Abfall besichtigen, den Badende und Böötlibesitzer achtlos ins Wasser geworfen haben.

Während Mica und sein Kollege die Müllsäcke auf einem Haufen zusammentragen, breiten schon die ersten Morgenbader ihr Handtuch auf dem Steg aus. Eine Frau macht Yoga, ein sportlicher Schwimmer krault flussaufwärts.

Einladung zum Mitfeiern

Am schlimmsten sind die Abfallberge jeweils am Sonntagmorgen. Der Müll, den Mica und sein Kollege an diesem Tag zusammenkehren, «ist gar nichts», sagt er. «Als wir letzten Sonntag um 5 Uhr gekommen sind, waren immer noch 50 Leute am Feiern», lacht der junge Serbe.

Die Partygänger hielten den Männern Bierflaschen entgegen und luden sie zum Mittrinken ein. «Sie sind immer sehr nett, machen Platz, damit wir aufräumen können», sagt Mica. Auf seinem Smartphone zeigt er Bilder der Abfallberge, die er am vergangenen Wochenende zusammengekehrt hat. Bis sein Team am Sonntagmorgen den Letten, den Wipkinger Park und die Werdinsel wieder sauber hatten, sei es 12 Uhr geworden. «Ich werde im Stundenlohn bezahlt. Längere Arbeitszeiten sind schon okay», sagt er.

Den Vorschlag, auf den stark frequentierten Liegewiesen an der Limmat Abfallcontainer für die Glas- und PET-Flaschen aufzustellen, lehnt man beim ERZ ab. «Die LKW, die die Glascontainer leeren, sind zu schwer und können gar nicht hierherfahren», sagt ERZ-Abteilungsleiter Marcel Meier.


Was von der Nacht übrig blieb: Abfall am Oberen Letten.
Foto: Doris Fanconi

Giftige Zigaretten im Wasser

Auf dem Geländer der gegenüberliegenden Lettenbadi balanciert ein Fischreiher und sucht das Wasser nach Beute ab. Immer wieder platscht es unvermittelt. Die Fische schnappen nach Mücken. Ob sie wohl Schaden nehmen, wenn täglich Dutzende von Zigarettenstummeln ins Wasser fallen? An der Unteren Lettenbadi warnen Plakate, dass schon eine einzige Kippe mehrere Tausend Liter Wasser vergiftet. Wie die Angestellten der Badi auf diesen Wert kommen, weiss Inge Werner nicht. Laut der Leiterin des Zentrums für Ökotoxikologie an der Eawag ist klar, dass die Einträge von Nikotin und anderen Schadstoffen dem Wasser und seinen Organismen nicht guttun. «Von den mehr als 4000 Inhaltsstoffen eines Zigarettenfilters sind viele krebs­erregend», sagt Werner. Tests hätten gezeigt, dass Flohkrebse schon bei einer Konzentration von 70 Mikrogramm Nikotin pro Liter Wasser sterben. Ausserdem seien in Zigarettenkippen auch Schwermetalle enthalten. Wie so oft, sei die Giftigkeit eine Frage der Menge.

Den Vorschlag, an die Raucher am Letten mobile Aschenbecher abzugeben, wie das in vielen Schwimmbädern geschieht, hält das ERZ für wenig praktikabel. Laut ERZ-Sprecherin Leta Filli bekommen die Badegäste Aschenbecher an der Container-Bar, die auch Speis und Trank verkauft. Beobachtungen zeigen jedoch, dass auf dem Steg davon kein Gebrauch gemacht wird. Auch Sammelcontainer für PET-Flaschen ergeben aus Sicht des ERZ am Letten keinen Sinn. «Der Abfall, der hier überall herumliegt, zeigt, dass die Leute ihren Müll nicht zu einem Entsorgungsbehälter tragen würden», steht für Filli fest.

Smartphones unter dem Steg

Mica klaubt mit einer langen Zange nach Verpackungen und Essensresten, an die er mit blossen Händen nicht herankommt. Der Bretterrost beim Rasen und die Sitzbänke aus Steinen und Draht sind aus Sicht der Reinigungsequipe eine Fehlkonstruktion. Bei den Holzstegen fallen Flaschendeckel, Feuerzeuge und anderes Kleinzeug durch die Zwischenräume. Alles, was unter den Steg gerät, bleibt für die Männer trotz ihrer Greifzangen unerreichbar. Unter dem Steg am Wasser häufen sich die Flaschendeckel. Mitunter landen auch Schlüssel und Handys im Wasser.

Ein Schwimmer mit Taucherbrille hangelt sich den Steg entlang und taucht immer wieder ab. Schliesslich hält er triumphierend ein Smartphone in die Höhe. «Einem Kollegen ist das Gerät letzte Nacht ins Wasser gefallen», erzählt er. Der Partyabend war versaut. Als der Schwimmer das Mobile Phone einschaltet und den Code eingibt, zeigt sich, dass das Gerät noch funktioniert. Der Frühaufsteher ist so begeistert, dass er beschliesst, künftig regelmässig unter dem Lettensteg nach verlorenen Schätzen zu tauchen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2015, 08:24 Uhr

Parlament will Bussen für Abfallsünder

Rechts und links sind sich für einmal einig: Wer seinen Müll liegen lässt, soll bis zu 100 Franken bezahlen.

In einigen Städten und Kantonen können Abfallsünder schon heute von der Polizei gebüsst werden, auch in Zürich. Das Parlament in Bern will jetzt schweizweit eine solche Regelung einführen. Die Empörung über das rücksichtslose Zumüllen von Plätzen, Strassen, Parks und Wiesen hat ein Mass erreicht, das Rechte und Linke zusammenrücken lässt. Der Schweizerische Bauernverband ist für Bussen, weil Abfälle auf den Wiesen die Gesundheit der Tiere gefährden. Auch die Grünen wollen Ordnungsbussen bis zu 100 Franken. Sie setzen sich jedoch für zusätzliche Lösungen wie ein Pfand auf Aludosen und PET-Flaschen ein. Der Bund hat ausgerechnet, dass die Gemeinden für die Reinigung öffentlicher Plätze jährlich 200 Millionen Franken ausgeben. Die Wirksamkeit von Bussen wird vor allem aufgrund der schwierigen Umsetzung angezweifelt. Die Polizei muss einem Abfallsünder sozusagen beim Fallenlassen des Mülls zusehen. Wer in einem Park neben Güsel sitzt, kann behaupten, der Abfall sei nicht von ihm. Oder, er habe ihn nur gelagert, um ihn später mitzunehmen. Viele Bussenbefürworter betonen, dass der Aufwand für die Polizei vertretbar bleiben müsse. Gebüsst wird auch in Zürich nur äusserst selten. Anita Merkt

(Tages-Anzeiger)

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