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Am falschen Ort geboren

Von Monica Müller. Aktualisiert am 21.02.2012 12 Kommentare

Der Brasilianer Maycon Ferreira ist der Liebe wegen nach Zürich gezogen. Hier ist ihm bewusst geworden, dass er schon immer mehr Schweizer als Brasilianer war.

«Hinter diesem Stück Papier steckt viel Arbeit»: Auch Maycon Ferreira hat – wie dieser Kandidat – für das Einbürgerungsgespräch sein Wissen über die Schweiz vertieft.

«Hinter diesem Stück Papier steckt viel Arbeit»: Auch Maycon Ferreira hat – wie dieser Kandidat – für das Einbürgerungsgespräch sein Wissen über die Schweiz vertieft.
Bild: Keystone

Einbürgerungsgeschichten: TA-Serie vor der Abstimmung

Am 11. März stimmt der Kanton Zürich darüber ab, ob er das Bürgerrechtsgesetz verschärfen soll. Der «Tages-Anzeiger» hat Menschen getroffen, die in unser Land eingewandert sind und dann Schweizer werden wollten. Sie erzählen, was sie dabei erlebt haben, was sie an ihrer neuen Heimat schätzen und was weniger. Ihre Einbürgerungsgeschichten erscheinen diese Woche täglich im Zürich-Bund. (sch)

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Maycon Ferreira ist gut vorbereitet. Er stellt den Kaffee auf den Nebentisch und breitet die Papiere aus, die seine Einbürgerung dokumentieren. Fein säuberlich in verschiedenen Mäppchen abgelegt: die Aufnahme in das Bürgerrecht der Stadt Zürich, der im «Tagblatt» veröffentlichte Stadtratsbeschluss, die Erteilung des Kantonsbürgerrechts. Noch fehlt dem 31-Jährigen die Einbürgerbewilligung vom Bund – dann ist er Schweizer. «Wenn dieses Dokument mit der Post kommt, werde ich weinen», sagt Ferreira. So trocken die Unterlagen, so emotional war der Weg dorthin.

Ferreira wuchs als zweitjüngstes von acht Geschwistern in Mogi Guaçu auf, gut zwei Stunden von São Paulo entfernt. Er lernte Primarlehrer und bildete sich zum Oberstufenlehrer weiter. Er träumte davon, die Welt zu sehen und sein Englisch zu verbessern. London war seine erste Station. Hier jobbte er als Platzanweiser in einem Theater und Bartender in der Schwulenbar CXR 79. Dort lernte er eines Abends Christian kennen. Sie verstanden sich auf Anhieb, tauschten ihre Nummern aus und wurden bald ein Paar. Als Christians Studienaufenthalt in London zu Ende war, folgte ihm Ferreira nach Zürich.

Haupthindernis Deutsch

Er sprach kein Wort Deutsch und war wild entschlossen, dieser kühlen, harten Sprache mächtig zu werden. Es war schwierig. Morgens ging er in die Schule, nachmittags brütete er über Deutschbüchern. Manchmal verstand er einfach nichts. Er setzte sich auch mit portugiesischer Grammatik auseinander. «Wer die Grammatik der Muttersprache nicht versteht, erfasst auch keine Fremdsprache», sagt Ferreira. In einem dreimonatigen Kurs in Berlin tauchte er so tief in die deutsche Sprache ein, dass er – zurück in Zürich – schwimmen konnte.

Heute, sieben Jahre später, spricht er ein gepflegtes Deutsch. Mit seinem Mann – am 7. 7. 2007 liessen sie ihre Partnerschaft eintragen – redet er Deutsch und nicht mehr Englisch. Sein Mann lernt nun Portugiesisch. «Wir beide sind am falschen Ort geboren», sagt Ferreira lächelnd. Sein Mann sei viel offener, spontaner als er, viel brasilianischer. Ihm hingegen werfe seine Familie immer wieder vor, so schweizerisch zu sein. Ferreira liebt das geordnete Leben in Zürich und den Respekt, den die Leute einander hier entgegenbringen.

«In Brasilien könnte ich mehr verdienen»

«Brasilianer denken nur an sich, es fehlt der Sinn fürs Gemeinsame», sagt er. In seinem Heimatland liege es nicht drin, jemanden offen zu kritisieren. Das Gegenüber breche in Tränen aus oder werde wütend. Er fühle sich mehr als Zürcher denn als Brasilianer. Als Réceptionist im Hotel Zürichberg gibt er Touristen Tipps, in welchen Restaurants sie essen und wo sie abtanzen können. «Und doch», sagt Ferreira, «werde ich immer der Ausländer bleiben.»

Sein Äusseres, seine Bewegungen, sein Akzent – sie werden ihn immer verraten. «Als Ausländer hast du immer Angst, was die anderen über dich denken.» Als er die Sprache noch nicht beherrschte, da habe man ihn automatisch für ungebildet gehalten. Und jetzt, da unterstelle man ihm immer wieder, nur wegen des Geldes hier zu leben, vom Wohlstand profitieren zu wollen. «In Brasilien könnte ich mit meinen Sprachkenntnissen und meiner Ausbildung mehr verdienen», sagt Ferreira. Doch darum gehe es doch nicht. «Hier ist mein Leben, mein Zuhause.»

Er freut sich auf den Empfang mit Mauch

Der Schweizer Pass bedeutet für ihn, akzeptiert zu werden, offiziell dazuzugehören. Vor dem Einbürgerungsgespräch war er entsprechend nervös. Er war gut vorbereitet, hätte über das politische System und Zürich Auskunft geben können. Doch der Beamte habe sein Allgemeinwissen nicht getestet. Er erkundigte sich, wie wohl sich Ferreira in Zürich fühle, wie gut integriert er bei seiner Arbeitsstelle sei und ob er seine Finanzen im Griff habe. Ferreira dokumentierte seine monatlichen Ausgaben, Einkommen und Vermögen. Gestört hat ihn das nicht: «Ich habe nichts zu verbergen und verstehe, dass man finanzielle Selbstständigkeit erwartet.»

Maycon Ferreira freut sich auf den Empfang, den Corine Mauch für die frischgebackenen Stadtzürcher ausrichten wird. Auf das Fest, das er mit seinen Freunden feiern wird. «Hinter diesem Stück Papier steckt viel Arbeit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2012, 10:17 Uhr

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12 Kommentare

Marko Nikolic

21.02.2012, 10:37 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Maycon, du bist ein guter Typ. Nur nimm die Füsse in die Hände. In der rassistischen Schweiz kann man als Immigrant nicht glücklich werden. Hier herrscht offener Fremdenhass. Man wird schikaniert wo die Schweizer nur können. Man wird verspottet von Menschen, die selbst noch die aus ihren Kanton verlassen haben. Tu dir das nicht an. Ich wurde hier geboren, habe den Pass, wandere aber aus. Antworten


Klaus Schweizer

21.02.2012, 10:47 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Anlässlich der Abstimmung vom 11. März veröffentlicht der Tagi also eine Serie mit Beispielen von gelungener Integration. Ist es politisch korrekt und fällt es nicht der Zensur anheim zu erwähnen, dass der Blick just eine solche Serie mit - sagen wir mal- Beispielen von eher weniger gelungener Integration bringt? Antworten



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