An der Clipper-Türe werden noch viele Gäste rütteln

Seit einem Jahr steht das Restaurant Clipper bei der Sihlpost leer. Weil der neue Pächter etwas Spezielles plant, startet der Betrieb erst in einem Jahr. Das Lokal wurde von Pionieren geprägt – und bietet eine Räubergeschichte.

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Das Restaurant Clipper an der Ecke Lager-/Kasernenstrasse hat Zürcher Gastrogeschichte geschrieben, indem es Anfang der 1960er-Jahre erstmals asiatische Spezialitäten anbot. Insbesondere das Mah Meh wurde stadtbekannt. Nun steht das Restaurant seit einem Jahr leer. Obwohl offensichtlich eine Baustelle, hat sich das noch nicht herumgesprochen. Etwa zehn Personen muss Janagah Nazari täglich aufklären, die an der geschlossenen Restauranttüre neben seinem Kiosk rütteln.

Nazari wird noch viele Leute abweisen müssen. Die Eröffnung des neuen Restaurants ist erst im zweiten Quartal 2015 geplant, wie Reto Candrian, Mitglied der Geschäftsleitung der Candrian Catering AG, sagt. Diese ist der Gastro-Platzhirsch vom Hauptbahnhof und hat die Lokalität seit Sommer 2013 gepachtet. Warum diese lange Übergangszeit an einem so prominenten (und teuren) Ort? «Das Gebäude ist eine Herausforderung», erklärt Candrian. Es sei in die Jahre gekommen und brauche eine umfassende Sanierung. Zudem habe die Denkmalpflege ein Wörtchen mitzureden. So sind die Wandmalerei des Bündner Malers Alois Carigiet aus den 1950ern sowie die Holzdecke im 1. Stock geschützt.

Tilla Theus gestaltet den neuen Clipper

Candrian hat für den Umbau die renommierte Architektin Tilla Theus (u. a. Fifa-Gebäude, Hotel Widder) engagiert. Diese bürgt für Qualität. Candrian Catering nimmt sich aber gerne Zeit. «Wir glauben langfristig an den Standort», sagt Reto Candrian. Der Pachtvertrag läuft 15 Jahre mit einer Option für weitere fünf Jahre. Über das Gastrokonzept und den Namen will Candrian nichts verraten. Klar ist bloss, dass wiederum auf zwei Stöcken gewirtet wird. Die Baueingabe ist erst heute Mittwoch im «Tagblatt» publiziert worden.

Der Clipper war lange Zeit eine feste Grösse in der Zürcher Gastronomie. In der Brötlistube im Erdgeschoss gab es Jahrzehnte lang fast keine Minute, in der kein Bahnpöstler von der Sihlpost sein Feierabend- oder Pausenbier genoss. Wirt Edy Kopp sagte einmal, er habe sein Aussenmobiliar nie sichern müssen, da die Pöstler mit ihrem 24-Stunden-Betrieb wie eine Securitas für «ihr» Lokal waren.

Wie der Wirt die Bierbrauer überzeugte

Noch bekannter war das Restaurant Clipper im Obergeschoss. 1963 bewarb sich Sepp Kopp um die Pacht und musste die damalige Hauseigentümerin, die Brauerei Hürlimann, von sich überzeugen. Die skeptischen Brauer befürchteten, dass sein Konzept den Bierkonsum drosselt. Kopps Konzept war ein für die damalige Zeit extrem exotisches. Der viel gereiste Wirt wollte den Zürchern die asiatische Küche schmackhaft machen. Mit dem Hinweis, die asiatische Küche sei scharf und fördere das Trinken, zog Kopp die Hürlimann-Leute auf seine Seite.

Sepp Kopp und sein Nachfolger, Neffe Edy Kopp, boten 40 Jahre lang dieselbe Menükarte mit Nasi Goreng und diesem sagenumwobenen Mah Meh an. Dessen Gewürzmischung kannten nur diese beiden Männer – und sie machte etwa die langjährige Stadträtin Emilie Lieberherr zum Clipper-Stammgast.

Der geklaute Carigiet

Doch 2003 war Schluss. Die aus der Brauerei hervorgegangene neue Eigentümerin hob den Mietzins derart an, dass er kapitulieren musste, klagte Edy Kopp und konzentrierte sich auf sein zweites Lokal, den Sternen in Albisrieden. An der Lagerstrasse folgten ein italienisches Restaurant mit DJ-Pult und ein türkisches Experiment.

Schlagzeilen machte der Clipper allein noch wegen eines Gerichtsfalls im Jahr 2012. Ein guter Bekannter von Edy Kopp wurde wegen Betrugs und Hehlerei verurteilt, weil er zwei Jahre zuvor einer Kunstgalerie für 28'000 Franken ein Bild von Alois Carigiet verkauft hatte. Der Makel: Das Bild namens «Aufbruch» aus dem Jahr 1948 gehörte der Clipper-Hauseigentümerin. Das Werk hing jahrzehntelang im Restaurant, und Edy Kopp hatte es bei der Räumung mitlaufen lassen. 2010 übergab er das Bild seinem Bekannten zwecks Verkaufs. Kopp selbst war kurz vor seinem Tod 2011 für den Diebstahl verurteilt worden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.06.2014, 15:13 Uhr)

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