Anwohner wehren sich gegen Verkehrschaos vor Schule

Bei der Swiss International School in Zürich wird es auf der Strasse oft gefährlich.

Ein Kommen und Gehen auf engstem Raum: Brenzlige Manöver vor der Swiss International School. Video: Lea Blum

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Der Konflikt schwelt schon seit geraumer Zeit – nun ist er eskaliert: Einander gegenüber stehen Eltern der Swiss International School in Wollishofen und die Anwohner der Schule. Bei Schulbeginn und -schluss kommt es regelmässig zu Gehässigkeiten an der Seestrasse. Dort setzen die Eltern ihre Kinder ab. Dazu stellen sie ihre Autos auf dem Trottoir ab, was trotz Halteverbot legal ist, denn seit 2009 steht unter dem Signal: «ausgenommen Ein- und Aussteigen lassen».

Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet schildern Anwohner, dass die Wagen länger als nötig und zu weit auf dem Trottoir stünden. Per Larsen wohnt mit seiner Familie gleich gegenüber der Schule. «Der Zustand ist unerträglich.» Der Vater von Zwillingen muss das Trottoir vor der Schule benutzen, weil der Gehsteig auf «seiner» Seite für den Doppelkinderwagen nicht genug Platz bietet. «Nun kann ich bei Schulbeginn und -schluss mit meinen Kindern nicht aus dem Haus», sagt Larsen. Die Wagen stehen oft in zwei Kolonnen – die erste auf dem Trottoir, die zweite auf der Strasse. «Die vorbeifahrenden Autos überholen dann auf Spur drei.»

Wenn Kinder auf dem Zebrastreifen über die Strasse wollten, müssten sie weit in die Strasse hinausstehen. «Nur so sehen sie, ob ein Auto naht. Ich verstehe nicht, wie diese auswärtigen Eltern die ortsansässigen Kinder derart in Gefahr bringen können.»

Handgreiflichkeiten am Auto

Die Nerven von Fussgängern und Autofahrern liegen inzwischen vor der Schule fast täglich blank. Larsen selbst hat kürzlich einem Porsche-Fahrer mit einem Schlag auf die Kühlerhaube Einhalt gebieten müssen. «Ich stand mit meinen Kindern auf dem Trottoir und wartete auf meine Frau. Der Lenker wollte auf den Gehsteig hochfahren und gab geräuschvoll Gas, um mich zu vertreiben.» Für Larsen steht fest: «Die Lebensqualität im Quartier ist drastisch gesunken.»

Ein Mann, der ungenannt bleiben möchte und seit 16 Jahren an der Seestrasse wohnt, ist mit Larsen einig. Er habe sich schriftlich bei der Schulleitung beschwert, bisher blieb sein Schreiben aber unbeantwortet. Nun hat er einen Musterbrief entworfen, den Betroffene unterschreiben und an die Stadt schicken sollen. In den nächsten Tagen werde er das Papier verteilen. Damit will er erreichen, dass «die Schüler lernen, den öffentlichen Verkehr zu nutzen», oder die Schule einen eigenen Hol- und Bringservice finanziert.

«Eltern, die sich nicht an die Regeln halten, werden verwarnt.»Michael Peter, Schulleiter

Schulleiter Michael Peter zeigt Verständnis für das Anliegen der Nachbarn: «Uns ist ein gutes Einvernehmen wichtig.» Untätig sei die Schule keineswegs. «Wir fordern von den Lenkern, dass sie höchstens aussteigen, um ihren Kindern die Türen zu öffnen.» Seit 2013 versammelt ein Lotsendienst die Kinder auf dem Schulareal und schickt sie aufs Trottoir sobald ihre Eltern heranfahren. «Im vergangenen Herbst haben wir die Regelungen nochmals verschärft. Eltern, die sich nicht an die Regeln halten, werden verwarnt.» Nütze die Rüge nichts, dürfen sie ihre Kinder nicht mehr an der Seestrasse auf- oder ab­laden. «Wir behalten uns vor, die Schulverträge aufzulösen, wenn sonst nichts hilft», sagt Peter. Er habe seit Herbst zwei Verwarnungen ausgesprochen.

Laut Heiko Ciceri, Sprecher der städtischen Dienstabteilung Verkehr, kommt die Stadt der Schule entgegen, in dem sie das Ein- und Aussteigen im Halteverbot erlaubt. «Das 2009 ausgehandelte Regime müsste funktionieren. Nun muss es durchgesetzt werden.» Für Ciceri kommt daher eine Regimeänderung derzeit nicht infrage. Er rät den Anwohnern, sich direkt mit der Stadtpolizei in Verbindung zu setzen, falls auf dem Trottoir parkiert werde. Dieser ist das Problem bekannt: «Im Halteverbot stehende verwaiste Fahrzeuge werden konsequent verzeigt», sagt Stadtpolizei-Sprecher Marco Bisa. Die fehlbaren Lenker würden mit 120 Franken gebüsst.

Lösung in Dübendorf gefunden

Die Stadt Dübendorf kennt die Verkehrsprobleme rund um eine internationale Schule. Jahrelang lagen sich die Eltern des Lycée Français und die Anrainer in den Haaren. Laut Marco Strebel, Leiter der Abteilung Sicherheit von Dübendorf, habe die Schule auf Geheiss der Stadt 2010 ein Verkehrskonzept erstellt. Seither bringen Busse die Kinder zur Schule. Zudem sind Drop-off-Zonen definiert, wo Eltern die Schüler ein- oder aussteigen lassen. Ein von der Schule organisierter Dienst sorge dafür, dass der Verkehr flüssig bleibe und keine gefährlichen Situationen entstünden. Dadurch hat sich die Situation klar entspannt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2016, 20:01 Uhr)

Wann die Autofahrt zur Schule nötig ist

Ein Schulweg muss sicher sein. Er muss aber auch in der Länge zumutbar sein.

Vor Beginn dieses Schuljahres fiel im Mitteilungsblatt im Embracher Tal ein Inserat auf. Die Primarschule Embrach suchte eine Fahrerin oder einen Fahrer, «welche/r einige Kinder mit dem Privatauto vom Wohnort in die Schule und retour transportiert».

Mit dem Auto bequem zur Schule? Heisst es nicht, der Weg zum Kindergarten oder zur Primarschule sei «für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder von grosser Bedeutung», wie «Fussverkehr Schweiz», der Fachverband der FussgängerInnen, betont? Schliesslich lernten die Kinder beim selbstständigen Zurücklegen des Weges ihre Umwelt kennen, knüpften Kontakte und lernten, ihre sozialen Konflikte ohne die Beteiligung von Erwachsenen auszutragen.

Solche Aussagen kann auch Bea Pfeifer, Leiterin der Schulverwaltung Embrach, ohne zu zögern unterschreiben. In Embrach gehe es aber auch nicht um Bequemlichkeit, sondern um Zumutbarkeit. Zwar liege der Schulweg in der Verantwortung der Eltern. Doch sei ein Schulweg zu gefährlich oder zu lang, müsse die öffentliche Hand Abhilfe schaffen. In Embrach sorge zwar ein Lotsendienst für die nötige Sicherheit. Es gebe aber etwa eine Handvoll Schulkinder, die auf so abgelegenen Höfen wohnten, dass der Weg zu den Schulhäusern Dorf oder Ebnet zu weit und deshalb unzumutbar wäre.

Was heisst zu weit? «Das ist ein dehnbarer Begriff», sagt Pfeifer. Das sei vom Entwicklungsstand eines Kindes ebenso abhängig wie von der Beschaffenheit des Weges. Gerade weil die Zumutbarkeit unterschiedlich beurteilt werden kann, sind sich gelegentlich Eltern und Schulbehörden nicht einig. Pfeifer, die schon an anderen Orten in der gleichen Funktion tätig war, erinnert sich an einige wenige Fälle, bei denen zur Klärung der Frage die Justiz bemüht werden musste. Laut «Fussverkehr Schweiz» gelten in der Regel Wege bis 30 Minuten, die viermal pro Tag zurückgelegt werden müssen, als zumutbar. Die Aufenthaltszeit zu Hause über Mittag soll aber mindestens 45 Minuten betragen.
Das Inserat brachte übrigens nicht den gewünschten Erfolg. Der Auftrag wurde deshalb an ein Transportunternehmen vergeben.
Thomas Hasler

Für Leute mit Kinderwagen wird es auf dem Trottoir mehr als eng: Schulanfang bei der International School. Foto: Lea Blum

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