Zürich

«Auch die Schweizer Zuhälter sind gewalttätig»

Von Denise Marquard. Aktualisiert am 05.03.2010 11 Kommentare

Zwangsprostitution und Zuhältergewalt auf den Strassen von Zürich. Was läuft schief? Doro Winkler über Prostituierte und eine Website für fairen Sex.

«Legalität allein schützt nicht vor Ausbeutung»: Doro Winkler.

«Legalität allein schützt nicht vor Ausbeutung»: Doro Winkler. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Doro Winkler

Die 46-Jährige ist Öffentlichkeitsbeauftragte der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). www.fiz-info.ch

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

In Zürich haben noch nie so viele Prostituierte gearbeitet wie heute. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?
Die Zahl der Prostituierten ist nicht das Problem. Es geht darum, unter welchen Bedingungen sie hier arbeiten. Wenn die Frauen alles Geld abgeben müssen, in die Schuldenfalle gedrängt werden, den Freier oder die Praktiken nicht mehr selber wählen können, dann handelt es sich um Frauenhandel. Meistens geschieht dies unter massiver Androhung von Gewalt.

Ist das eine neue Entwicklung?
Das gibt es schon lange. Neu daran ist, dass momentan auffallend viele Frauen aus Ungarn hier arbeiten.

Hängt das mit der Personenfreizügigkeit zusammen?
Das kann man so nicht sagen. Die Geschichte ist komplex. Wir müssen die Situation der Frauen in ihren Herkunftsländern anschauen. Warum haben sie kein Einkommen? Warum können sie die Familie nicht ernähren und verlassen sich auf Versprechungen von guten Verdiensten? Menschenhandel gab es schon vor der Personenfreizügigkeit.

Was hat sich dann geändert?
Zum einen die wirtschaftliche Lage. Das Nord-Süd- oder derzeit vor allem das West-Ost-Gefälle hat zugenommen.

Dieses Gefälle gibt es schon lange.
Richtig. Die Personenfreizügigkeit hat insofern eine Änderung gebracht, als die Frauen heute legal auf dem Strich stehen und nicht mehr illegal. Leider ist es aber so, dass die Legalität allein nicht vor Ausbeutung schützt.

Hat die Gewalt auf dem Strassenstrich wegen ungarischer Roma zugenommen?
Gewalttätig sind nicht nur ausländische Zuhälter, sondern auch Schweizer. Im Moment sind es gerade die ungarischen Roma, die in den Schlagzeilen sind. Doch das kann im nächsten Jahr schon wieder anders sein.

Einige Prostituierte werden wie Sklavinnen gehalten. Sie verstehen kein Deutsch. Wie kommen Sie überhaupt mit Ihnen in Kontakt?
Die meisten Frauen finden über die Polizei zu uns. Diese hat eine Spezialeinheit Menschenhandel, die sehr sensibel arbeitet, die Opfer erkennt und mit uns in Kontakt bringt. Manchmal werden die Prostituierten auch über Kolleginnen auf uns aufmerksam oder über niederschwellige Anlaufstellen oder Ärzte.

Wie können Sie die Frauen unterstützen?
Sie stehen meistens vor dem Nichts, haben keine Unterkunft, kein Geld, keine Bekannten, und meistens sind sie schwer traumatisiert. Zuerst müssen wir sie deshalb einmal stabilisieren. Erst dann können sie entscheiden, ob sie zu einer Aussage bereit sind oder nicht. Meistens haben die Zuhälter Drohungen ausgesprochen, und die Frauen haben grosse Angst. Wenn sie aussagen, kommt ein Straf- und Ermittlungsverfahren in Gang.

Dies braucht Zeit. Ihre Aufenthaltsdauer läuft nach 90 Tagen ab?
Sie haben 30 Tage Bedenkzeit, ob sie aussagen oder nicht. Wenn sie aussagen, erhalten sie eine Kurzaufenthaltsbewilligung für die Dauer des Verfahrens.

Da werden diese Frauen erneut unter Druck gesetzt.
Das stimmt, deshalb fordern wir, dass diese Frauen ein Aufenhaltsrecht erhalten, unabhängig davon, ob sie aussagen oder nicht. Grund muss der Schutz sein und die Rehabilitation.

Wie können Frauen sonst noch vor Zwangsprostitution geschützt werden?
Das Wichtigste wäre, die Arbeitsbedingungen der Frauen zu kontrollieren. Das ist aufwendig und braucht bei den zuständigen Behörden genügend Mittel. Repressive Massnahmen hingegen nützen nichts, sie bringen die Frauen in eine noch grössere Zwangslage.

Und was ist mit den Freiern?
Wir haben eine Website www.verantwortlicherfreier.ch für Freier eingerichtet. Sie sollten Verantwortung übernehmen und Opfern von Frauenhandel den Kontakt zum FIZ ermöglichen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2010, 10:23 Uhr

11

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

11 Kommentare

daniel keller

05.03.2010, 10:32 Uhr
Melden

Ich bin klar der Meinung, man sollte bei diesen Frauen mit dem Verfahren einer Aufenthaltsbewilligung grosszügig und unbürokratisch umgehen. Antworten


Eric Zeller

05.03.2010, 12:20 Uhr
Melden

Kompliment für die Einrichtung der Freier-Infosite. Wichtig wäre es jetzt auch, diese URL bekannt zu machen. Ich befürchte allerdings, dass diejenigen welche die Website besuchen ohnehin schon zu den sensibilisierten Zeitgenossen gehören. Diejenigen welche die Abhängigkeit der Prostituierten ausnützen geilen sich ja oft gerade an ihren Machtphantasien auf... Antworten



Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.