Auf Kranpirsch in Zürich - eine kleine Turmkrankunde
Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 21.12.2009
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Ganz Zürich redet über das Kunstprojekt Hafenkran, wobei die meisten den Kran als hässlich beschimpfen, ohne ihn je gesehen zu haben. Warum ist automatisch Kran gleich scheusslich? Gerade die Zürcherinnen und Zürcher müssten zu einem differenzierteren Urteil fähig sein, leben sie doch auf einer einzigen Baustelle - zumindest beklagen sie das ständig. Nur ist ihr Verhältnis zur Baustelle dermassen hysterisch und hypochondrisch, dass sie nicht genau hinschauen. So wissen sie nichts vom Reich der Bagger, Muldenkipper und Kräne, denen sie ihre schönen Wohnungen, Büros, Parkhäuser und Bahnhöfe verdanken.
Besonders die Kräne hätten mehr Augenmerk verdient, wie sie filigran in die Höhe ziehen und trotz unendlich langem Ausleger das Gleichgewicht wahren. Kräne sind maschinelle Gotik, stählerne Leichtigkeit, Eisengeflecht mit Himmel dazwischen. Nur schon vom Namen her müssten sie einem sympathisch sein: Kran kommt laut Duden von Kranich, dem Vogel mit dem langen Hals und Schnabel.
Lieber topless oder mit Spitze?
Während es die hiesigen Vogelfreunde ins Neeracher Ried oder in die Thur-auen zieht, findet der Kranfreund seine Erfüllung auf der Polyterrasse. Von dort aus sind 15 Kräne mit blossem Auge zu erkennen, mit dem Feldstecher fast das Dreifache. Besonders reich ist die Population rund um den Hauptbahnhof mit neun Kränen in Gelb und Rot. Schön lassen sich die modernen Topless- oder Flat-Top-Kräne von jenen mit Turmspitze und Spannseilen vergleichen.
Welche schöner sind, wird in der Fachwelt heftig diskutiert. Der spitzenlose Kran wirkt leichter, eleganter, dafür hat der Kran mit Turmspitze meist den längeren, fast schon atemraubenden Ausleger, und er wirkt auch irgendwie stabiler. Die meisten Leute denken beim Anblick eines Krans ja immer: Hoffentlich fällt mir nicht das Betongewicht auf den Kopf.
Viele Kräne in Zürich-West
Eine überaus interessante Verstrebung, da doppelt und auffallend stämmig, zeigt der Kran an der Ecke Bahnhofplatz/-Bahnhofquai. Die Stahlseile sind schwarz, was diesem eher niedrigen Exemplar einen groben, wenn auch mächtigen Zug verleiht. Mit diesem Kran werden nur Kenner warm. Diese gibts übrigens, zum Beispiel auf www.kran-info.ch: «die Fan-Homepage über Turmdrehkrane». Oder auf www.kransite.de: «die Seite für alle Kran- und Schwerlastfans».
Noch reichhaltiger als am Hauptbahnhof ist die Kranpopulation gegenwärtig in Zürich-West, wo ein ganzes Dutzend Kräne dem Prime- und dem Mobimo-Tower zu immer mehr Höhe verhelfen. Alles sind - und das muss einmal deutlich gesagt sein - «obendrehende Turmdrehkräne mit Katzausleger», das heisst, sie sind am Boden fest verankert, nur der waagrechte Ausleger/Arm mit der Rolle fürs Lastseil (Katze) dreht dank eines Drehwerks an der Turmspitze. Frühere Modelle haben das Drehwerk in zwei Drittel Höhe, was älteren Kranfreunden aus Wehmut das Wasser in die Augen treibt.
Eine kleine, aber umso ergreifendere Kranversammlung gibt es zurzeit am Zürichberg, wo die Liebhaber krasser Baustellen sonst weniger auf die Rechnung kommen. Um die grosse Forsterwiese mit hochkarätigen Wohnungen zu überbauen, stehen oberhalb des Toblerplatzes vier Kräne, drei davon mit Gardemass: zwei rote Wolffs und ein gelber Stirnimann.
Artenvielfalt ist klein
So faszinierend Zürichs Kranwelt ist, so mangelt es doch an der Artenvielfalt. Es sind keine Nadelausleger mehr zu sehen, keine Portaldrehkräne, keine Portalwippdrehkräne und auch keine Derrickkräne - nicht verwandt mit dem gleichnamigen Inspektor.
Mit dem Hafenkran wäre ein seltenes Exemplar für einen Sommer ans Limmatquai gekommen. Doch der Gemeinderat versucht das zu verhindern. Aber hat er auch die Schweizer Kranverordnung vom 1. Januar 2000 gelesen? Dort steht, dass Montage und Demontagearbeiten nur von Kranfachleuten ausgeführt werden dürfen. Und das gilt auch für die Demontage von Hafenkranprojekten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.12.2009, 16:46 Uhr



