Auf dem Zürichberg haben Autoknacker ein leichtes Spiel

Auf Parkplätzen im Adlisbergwald sind regelmässig Diebe am Werk und brechen Autos auf. Die Stadtpolizei rückt deswegen nicht aus. Das ärgert die Geschädigten.

Ein Paradies für dreiste Diebe: Der Parkplatz bei der Kunsteisbahn Dolder. Foto: Reto Oeschger

Ein Paradies für dreiste Diebe: Der Parkplatz bei der Kunsteisbahn Dolder. Foto: Reto Oeschger

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Dumm gelaufen? Der Firmenanlass am Zürichberg endete böse. Handtasche weg, Handy weg, Laptop weg, Businesskoffer weg. Als die Gruppe am letzten Dienstag um circa 20 Uhr nach dem abschliessenden Plauschwettkampf auf dem Dolder-Eisfeld zum öffentlichen Parkplatz zurückkehrte, waren an vier Fahrzeugen, alle Marke Audi, «die Seitenscheiben kurz und klein geschlagen, vermutlich mit einer Stahlkugel», schildert einer der dreissig Meetingteilnehmer den Vorfall. Die Autos standen direkt vor dem Haupteingang. Die Geschädigten riefen sofort die Stadtpolizei an.

«Wir rücken für so etwas nicht aus», lautete die Antwort am anderen Ende der Leitung. Man solle doch bitte am nächsten Morgen auf die Wache kommen und dort zu Protokoll geben, was passiert sei. Und dann natürlich gleich Anzeige erstatten. Bisher sei diesbezüglich keine Anzeige eingegangen, sagt Marco Cortesi, der Medienchef der Stadtpolizei. Da die geschädigten Personen nicht in der Stadt heimisch sind, sondern auf dem Land wohnen, haben sie sich beim betreffenden Posten der Kantonspolizei gemeldet.

Selbsthilfe vor dem Gasthof

Weshalb nur haben sie die Wertsachen im Auto deponiert? Eine Bestohlene sagt: «Eisstockschiessen mit Handtasche und Laptop, das geht doch nicht.» Ihr Leidensgenosse: «Wer Schlittschuhlaufen geht, nimmt die Wertsachen nicht mit.» Ein Dritter, der jetzt vorübergehend ein Papierloser ist, weil ihm auch seine Ausweise geklaut wurden: «Ich dachte, in dieser Gegend beim Dolder muss man nicht alles und jedes ver­stecken.» Die Kunsteisbahn Dolder, so Dominic Lanz, Dolder Sports Manager, könne keine Auskünfte zu Vorfällen an öffentlichen Parkplätzen geben.

«Achtung, Diebstahlgefahr. Keine Wertsachen im Auto lassen!», warnt ein Schild beim nahen Ausflugsrestaurant Degenried, das hinter dem Dolder Grand Hotel mitten im Wald liegt. Warum wohl? Weil auf den Parkplätzen entlang der dunklen Zufahrtsstrasse öfters in Autos eingebrochen wird. Und weil die Pächterin Sissi Kern sagt: «Bestohlene Gäste sind verzweifelt und ärgern sich, dass die Polizei wegen Fahrzeugeinbrüchen nicht ausrückt.» Betroffen sind Gäste genauso wie Spaziergänger. Einer Studentin, die im beliebten Nah­erholungsgebiet den Hund ausführte, sei eine teure Kamera sowie der Laptop abhandengekommen, auf welchem ihre Abschlussarbeit gespeichert war. Ihr Pech: kein Back-up. Ein Jahr büffeln für die Katz.

«Wir appellieren mit unserem Warnschild an die Vernunft der Leute, ihre Wertsachen stets auf sich zu tragen», hält Sissi Kern fest. Und mit der letzten Aufforderung auf besagter Tafel möchte das Team der Wirtschaft Degenried die Autofahrer vor weiterem Ärger und einer Busse bewahren: «Blaue Parkscheibe nicht vergessen einzustellen» steht da – ein Appell, «an dem die Polizei keine Freude hat, aber sie duldet ihn», so Sissi Kern, die, wie sie sagt, «ein gutes Verhältnis zur Polizei» hat. Tagsüber würden Mitarbeitende der Stapo die Parkscheiben kontrollieren und bei Zeitüberschreitung Einzahlungsscheine unter die Scheibenwischer klemmen; die Kaffeepause machen sie hinterher bei ihr im Restaurant.

Streifenwagen «abends nie»

Auch die andere Wald-und-Wiesen-Beiz auf dem Zürichberg hat Kenntnis von den Autoknackern, die «meist im Dämmerlicht am Werk sind», wie die Geschäftsführerin des Restaurants Adlisberg beobachtet hat. «Seit Dezember haben sich die Einbrüche in Autos gehäuft, sie geschehen schubweise», weiss Angelika Huber zu berichten. Weil die Gaststätte nur über wenige Parkfelder verfügt, stellen die Kunden ihre Autos auf dem grossen Parkplatz bei der Dolder-Eisbahn ab. Streifenwagen sehe sie nur nachmittags, sagt Angelika Huber, «abends nie». Kellner, Küchenangestellte oder auch sie selbst würden ab und an vor Ort «Stichproben» machen, «vor allem an Wochenenden, wenn viel los ist». Selbstredend ohne Erfolg.

Warum aber taucht die Polizei nicht auf, wenn am Zürichberg ein Auto­einbruch geschieht, um wenigstens Spuren zu sichern? «Aufgrund der Verhältnismässigkeit und der personellen Möglichkeiten» habe das Kommando der Stapo schon vor längerer Zeit entschieden, bei Fahrzeugeinbrüchen nicht auszurücken, erläutert Sprecher Marco Cortesi: «Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass die Spurensuche bei aufgebrochenen Autos vor Ort kaum zum Erfolg führt.» Er weist indes darauf hin, dass in jedem Stadtkreis rund um die Uhr mindestens ein Streifenwagen unterwegs sei.

Anders als bei der Stapo nimmt sich der Service der Kantonspolizei aus. Sie schickt in der Regel einen Streifen­wagen, wenn sie wegen eines Auto­einbruchs einen Telefonanruf bekommt, wie es auf Anfrage heisst.

Ausrücken für Parkbussen

So oder so sind die Bestohlenen doppelt frustriert, wie sie sagen. Zum einen, weil sie ihre Wertsachen verloren haben; zum anderen, weil die Stadtpolizei genügend Mitarbeitende ausbilde, die in ­diesem Gebiet den Auftrag haben, den ruhenden Verkehr zu kontrollieren, um bei einer Verfehlung Parkbussen zu verteilen. Damit sich ja niemand erdreiste, über eine längere Zeit den gleichen Parkplatz zu besetzen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2016, 21:34 Uhr)

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