Aufwertung von Stadtquartieren verschlimmert die Wohnungsnot

In der Stadt Zürich finde eine schleichende «Säuberung» statt, sagt der Mieterverband: Leute mit wenig Einkommen hätten kaum noch Chancen, eine Wohnung zu finden.

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Der Mieterinnen- und Mieterverband Zürich (MV) benützt den World Habitat Day vom 6. Oktober, um auf die Wohnungsnot in der Stadt Zürich aufmerksam zu machen und Gegenmassnahmen zu verlangen. Zu diesem Zweck traten seine Vorstandsmitglieder Richard Wolff, Geograf und Stadtforscher, und Rechtsanwältin Manuela Schiller am Dienstag vor die Medien.

Schwächere werden verdrängt

Die Stadtregierung spreche zwar lieber von «Wohnungsmangel» statt von «Wohnungsnot», sagte Richard Wolff. Doch für viele Menschen sei die Wohnungsnot eine Tatsache - vor allem, wenn es um einen bezahlbaren Mietzins gehe. Wolff nannte zwei Ursachen für diese Entwicklung: Einerseits wächst der Wohnflächenverbrauch pro Person seit langer Zeit um jeweils einen halben Quadratmeter pro Jahr. Anderseits, und das ist die Hauptursache, steigt auch die Zahl der gut verdienenden Neuzuzüger. Attraktive Arbeitsplätze und die erhöhte Lebensqualität der Stadt sind ein starker Magnet für eine international orientierte Kundschaft und die neue Klasse der High-Net-Worth Individuals. Die Wiederbelebung der Innenstadt führt zu einem Bau- und Sanierungsboom. Alte Wohnhäuser werden teuer renoviert oder sie weichen Neubauten. Selbst Wohnbaugenossenschaften schwimmen auf dieser Aufwertungswelle mit.

«Der Preis für Zürichs Erfolg ist die selektive Wohnungsnot», sagte Richard Wolff. «Selektiv, weil es nicht alle trifft. Nur die weniger Zahlungskräftigen, die Armen, zu denen - wenn es ums Wohnen geht – aber auch schon der untere und mittlere Mittelstand gehört.» Diese Leute fänden allenfalls im Limmat-, Glatt- oder Furttal oder in den lärmbelasteten Flugschneisen noch günstige Wohnungen. Nach den exklusiven Stadtkreisen 1, 2, 6, 7 und 8 erhöhe sich der Nachfragedruck nun in den Quartieren am Rande der City, so in Wiedikon, Aussersihl, im Industriequartier und in Wipkingen. Wer die Stadtentwicklung über Jahrzehnte hinweg beobachte, registriere eine tiefgehende gesellschaftliche Veränderung. «Diese Umstrukturierung der Bevölkerung entspricht ziemlich genau dem Resultat einer‹sozialen Säuberung›», sagte Richard Wolff.

Für eine besser durchmischte Stadt

Der Mieterinnen- und Mieterverband Zürich wirft der Stadtregierung vor, die sozialen Folgen der Aufwertung zu wenig ernst zu nehmen. Mit Umzonungen und Baurechtsverträgen könnte die Stadt mehr als bisher Bedingungen stellen und eine Quote für günstige Wohnungen aushandeln. Beim Areal des Zollfreilagers habe Zürich dies verpasst, sagte Manuela Schiller. Man dürfe das Wohnen nicht bloss dem Markt überlassen. Der MV stellt daher zum diesjährigen World Habitat Day eine Reihe von Forderungen auf, für die er sich langfristig engagieren will:

  • Jede vierte Wohnung in der Stadt gehört gemeinnützigen Trägern (Genossenschaften, Stadt Zürich und Stiftungen). Weil sie kostendeckende Mieten und nicht Marktmieten verlangen, sind sie 20 bis 50 Prozent günstiger. Der MV verlangt, dass der Anteil der «Gemeinnützigen» bei Umzonungen und durch Neubauten und Zukäufe gehalten wird.
  • Bei Umzonungen von Industriearealen soll mindestens ein Drittel der Wohnungen durch gemeinnützige Bauträger erstellt werden. Diese Forderung richtet der MV auch an die SBB.
  • Die Stadt soll mit Genossenschaften nur noch Baurechtsverträge abschliessen, wenn auf dem Areal eine neue 4-Zimmer-Wohnung nicht teurer wird als 2000 Franken im Monat (Nebenkosten inbegriffen). Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) mache es vor, dass das auch heute noch möglich sei, sagte Anwältin Manuela Schiller.
  • Der MV ist gegen die vom Kanton diktierte Höherbewertung der städtischen Wohnliegenschaften. Er fordert den Stadtrat auf, die im Juli eingereichte Volksinitiative «Für bezahlbare Wohnungen und Gewerberäume in der Stadt Zürich» umgehend zur Abstimmung zu bringen.
  • Bei Neuvermietungen im Kanton Zürich müsse das bis 2003 gültige amtliche Mietzinsformular wieder obligatorisch erklärt werden. Darauf könne der Neumieter sehen, wie viel Zins sein Vorgänger bezahlt hat. So seien missbräuchliche Zins-erhöhungen leichter anzufechten.
  • Wenn ein Vermieter nur deshalb kündigt, um eine Wohnung danach teurer vermieten zu können, müsse dies als missbräuchlich angefochten werden können.
  • Renovationen und Sanierungen müssten ohne Kündigung vorgenommen werden. Damit könne man verhindern, dass eine «geleerte» Wohnung durch die Kündigung in ein höheres Mietpreissegment verschoben werde.
  • Der Trend zu Zweitwohnungen in citynahen Quartieren müsse gebrochen werden. Die Volkszählung 2000 registrierte in der Stadt Zürich einen Zweitwohnungsbestand von 5,7 Prozent. Nach Angaben des Bundesamts für Wohnungswesen seien es mittlerweile 7,8 Prozent. Das Verbot des Grundstückkaufs durch Personen im Ausland (sogenannte Lex Koller) sei daher auch für Zürich wichtig.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Wohungssuche gemacht? Welche Tricks werden angewendet, um Mitbewerber auszustechen? Wie tief würden Sie für eine Wohnung in die Tasche greifen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an ta-lokal.newsnetz@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2008, 09:56 Uhr

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