Zürich

«Ausnüchterungszentrale» stösst auf Kritik

Von Martin Huber. Aktualisiert am 09.12.2009

Die Stadtpolizei will stark betrunkene Personen künftig in einer zentralen Stelle in der Urania-Wache ausnüchtern. Die neue Einrichtung ist im Gemeinderat umstritten.

Ausnüchtern in der Zelle: Uraniawache in Zürich.

Ausnüchtern in der Zelle: Uraniawache in Zürich.

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Ab nächstem Frühling sollen betrunkene Jugendliche und junge Erwachsene, welche die öffentliche Ordnung stören oder sich und andere gefährden, von der Polizei konsequent in Gewahrsam genommen und in die «Zentrale Ausnüchterungsstelle» (ZAS) gesteckt werden. Die Massnahme ist Teil der vom Stadtrat im Juli angekündigten härteren Gangart gegen Jugendgewalt und Alkoholexzesse im öffentlichen Raum.

Im Rahmen der heute Mittwochabend beginnenden Budgetdebatte muss sich auch der Gemeinderat mit dem Projekt befassen. Der Stadtrat beantragt rund 700 000 Franken für den einjährigen Pilotbetrieb der ZAS. «Die dringliche Notwendigkeit einer Organisation zur professionellen Betreuung berauschter Personen hat sich bei diversen Grossanlässen vollumfänglich bestätigt», schreibt der Stadtrat.

Nicht im Rückführungszentrum

AL, Grüne und die SVP stellen den Ablehnungsantrag. «Wir verlangen eine Überprüfung des Projekts, es gibt zu viele offene Fragen», sagt Walter Angst (AL). Per Postulat verlangt er ein «kohärentes Konzept» für die Einrichtung. Deren Zweck sei völlig unklar: Ist sie ein repressives Mittel, um öffentliche Besäufnisse zu verhindern, oder eine Stelle, wo berauschte Personen unter professioneller medizinischer Aufsicht ausgenüchtert und zum Besuch einer Suchtmittelberatung motiviert werden?

Ein Fragezeichen macht auch Grünen-Gemeinderat Balthasar Glättli: «Es ist nicht klar, ob die ZAS aus sozialmedizinischer Sicht Sinn macht oder ob sie ein neues repressives Instrument ist.»

In der Urania-Wache soll die ZAS in einem bisher nicht benutzten Zellen-trakt untergebracht werden. AL-Politiker Angst bezweifelt, dass dies der richtige Ort für die Einrichtung ist: «Wenn wirklich Berauschte unter professioneller medizinischer Aufsicht ausgenüchtert werden sollen, ist es wenig sinnvoll, die Stelle dort einzurichten und den Schwerpunkt der Ausgaben auf die Entlöhnung von Sicherheits- und Polizeipersonal zu setzen.» Eher müsse man prüfen, ob nicht Psychiatriepfleger anzustellen wären.

Schliesslich bringt Angst auch fachliche Vorbehalte vor. Suchtmittelexperten hielten solche Ausnüchterungs-Massnahmen gerade bei Drogenabhängigen für wenig wirksam. Heute würden solche Fälle in Notfallstationen der Spitäler behandelt. «Die Leute reagieren anders, wenn die Sanität kommt, als wenn die Polizei sie abholt.»

Laut Reto Casanova, Sprecher von Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP), bringt die neue Stelle eine deutliche Verbesserung gegenüber heute. Die medizinische Betreuung sei voll gewährleistet. Die Stadtpolizei rechnet mit rund 600 Ausnüchterungsklienten pro Jahr. Martin Huber (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2009, 09:54 Uhr

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