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Bahnhöfe: «Man nimmt in Kauf, dass sich Pendler einmal stauen»

Nicht nur das Schienennetz stösst an seine Grenzen, sondern auch Perrons in den Bahnhöfen. ETH-Verkehrsexperte Ulrich Weidmann erklärt, wie die SBB den Pendlerkollaps verhindern kann.

Ungebrochene Nachfrage: Pendler besteigen einen S-Bahn-Zug.

Ungebrochene Nachfrage: Pendler besteigen einen S-Bahn-Zug.
Bild: Keystone

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Herr Weidmann, immer mehr Passagiere benutzen die S-Bahn. Nicht nur auf den Gleisen ist der Platz begrenzt, sondern auch auf Perrons und Rolltreppen. Stossen die Bahnhöfe bald an ihre Grenzen?
Das ist gut möglich. Wenn die Zuwachsprognosen stimmen, wird das Netz an einigen Stellen überlastet sein – auch bei den Fussgängeranlagen.

Schon jetzt kommt es bei den Rolltreppen im Tiefbahnhof Museumsstrasse regelmässig zu Staus.
Es gibt eine bestimmte Dichte, bei der die Fussgänger gut vorwärtskommen. Wird dieser Bereich überschritten, bricht der Verkehrsfluss zusammen – es kommt zum Rückstau, den Sie tagtäglich erleben. Das ist in der Regel aber nicht so schlimm.

Nicht schlimm? Tag für Tag kommt es zu Rempeleien.
Rempeleien sollten natürlich nicht sein! Es macht aber ökonomisch keinen Sinn, Anlagen auf die maximale Nachfragespitze auszurichten. Deshalb nimmt man es in Kauf, dass sich die Pendler einmal zehn oder zwanzig Sekunden lang stauen. Wichtig ist vor allem, dass Gang- und Perronbreiten homogen dimensioniert sind. Wenns eng wird, müssen Gratiszeitungs-Ständer, Infotafeln und der Marronistand raus. Das sind Hindernisse, die den Verkehrsstrom aufhalten. Hier geschehen immer wieder Kunstfehler und es wird zum Beispiel unterschätzt, wie viel Platz etwa die Schlange vor dem Billetautomaten verbraucht. Es ist wie im Kinderzimmer: Am Anfang sind die Bahnhöfe leer und aufgeräumt, nach und nach werden sie vollgestellt. Dann ist Entrümpeln angesagt (lacht).

Was empfehlen Sie für den Zürcher HB?
Ein gelungenes Beispiel aus dem Bahnhof Oerlikon: Der Schalter des Brezelkönigs geht nicht zur Hauptunterführung, sondern auf die Seite hin. Eine kleine Massnahme, dank der die Pendlerströme flüssig bleiben. Die Forschung zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Engpassbereiche sauber gestaltet sind. Zu einer dreckigen Betonwand halten die Menschen 20 bis 30 Zentimeter Abstand. Einer schönen Stahlwand dagegen nähern sie sich bis auf 15 Zentimeter. Mit wenig Geld holt man 30 Zentimeter Platz raus.

Auf den Rolltreppen gilt im Hauptbahnhof die Devise «links gehen, rechts stehen». Funktioniert dieses System?
Das bringt auf jeden Fall eine Leistungssteigerung. Zusätzlich zur Geschwindigkeit der Rolltreppe kommt nämlich die Eigenbewegung der Leute. Deshalb ist die Leistungsfähigkeit auf der linken Seite der Rolltreppe fast doppelt so hoch wie rechts.

Wie könnten die SBB den Stau bekämpfen? Zum Beispiel, indem Pendler auch rechts gehen müssen oder indem man die Rolltreppe schneller laufen lässt?
Das ginge schon, aber die Treppen sind ergonomisch nicht dafür gebaut; von weniger gesunden Menschen kann man dies nicht verlangen. Aus der Forschung wissen wir zudem, dass die Kapazität von Rolltreppen bei einem Tempo von 0,7 Metern pro Sekunde am höchsten ist. Allerdings ist dies für den Behinderte schon eher zu viel. Deshalb laufen die meisten Rolltreppen mit 0,5 bis 0,6 Meter pro Sekunde. Über etwa 0,8 Meter pro Sekunde nimmt die Leistungsfähigkeit einer Rolltreppe wieder ab, weil dann die Stufen weniger dicht besetzt werden. Breitere Treppenstufen würden dagegen etwas bringen.

Auch in den Gängen und auf den Perrons wirds zu Spitzenzeiten eng und man kommt nur langsam vorwärts.
Das geht ganz intuitiv. Je mehr Fussgänger sich auf einer Fläche drängen, desto tiefer die Geschwindigkeit. In Mitteleuropa achten die Leute darauf, dass sie Abstand halten, und versuchen, Berührungen wenn immer möglich zu vermeiden. Das ist in Japan oder Bangladesh möglicherweise anders.

Sie haben kürzlich im «Tages-Anzeiger» kritisiert, dass in den letzten Jahren «Pendler gezüchtet» worden seien.
Man muss in diesem Land einfach mal den Diskurs darüber führen, wie viel Verkehr überhaupt tragbar ist – auch öffentlicher Verkehr. Der Schlachtruf der Autogegner lautete einmal «Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten». Das gilt auch etwas für die Bahn. Der öffentliche Verkehr ist kein Unschuldslamm, er kurbelt mit guten Angeboten die Nachfrage ebenfalls an. Bis zu einem gewissen Punkt ist dies durchaus erwünscht, aber nicht grenzenlos.

Mehr Kapazitäten schaffen ist die eine, teure Lösung. Das vorhandene Potential zu nutzen die andere. Was für Möglichkeiten sehen Sie hier?
Sie kennen ja den alten Bähnlerwitz: «Man kann so viele Wagen an- und abhängen wie man will, der letzte ist immer leer.» Logisch, weil man nicht bis zuhinterst geht, wenn man keine Sitzplatzgarantie hat. Zur Zeit hat etwa jeder fünfte Zug ein Fahrgastzählsystem. Man könnte bei jeder Komposition die Zahl der einsteigenden Passagiere messen und damit die Belegung der einzelnen Wagen online erfassen. Diese liesse sich zum Beispiel mit Leuchtdioden auf dem Perron anzeigen, was die Fahrgäste motivieren würde, sich in den weniger belegten Sektor zu begeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.11.2009, 15:24 Uhr

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21 Kommentare

Damian Senn

30.08.2010, 14:13 Uhr
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@ A. Holmes: Vielleicht gehen Sie mal an die ETH und besuchen eine Vorlesung von Herrn Prof. Weidmann. Ich hatte Vorlesungen bei ihm und er weiss durchaus, von was er redet. Zudem kann man jemanden, der nach 16 Jahren in der Wirtschaft seit 6 Jahren an der Hochschule ist, kaum als ETH-Hoschi und Theoretiker abstempeln. Viel eher sollten Sie mal Google nutzen bevor sie ablästern. Antworten


Alma Redzic

19.11.2009, 23:09 Uhr
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Ich werde in Zukunft darauf achten, mich statistischer zu verhalten! Welch ein Ärgernis, wenn ich menschlich bin! Antworten


Michael Meienhofer

18.11.2009, 20:42 Uhr
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Scheinbar gefällts ja vielen Pendlern,täglich ein Bad in der Menge zu nehmen.Warum sind die meisten Arbeitnehmer mit gleitender Arbeitszeit zur Spitzenzeit underwegs? Warum wird bei Domizilwechsel keine Priorität gesetzt? Die Feriengäste am Gotthardloch sind alle Jahre im gleichen Dilemma,jedes Jahr werdens mehr. Denken und Rechnen sind angesagt, bevor man das Vielfache an Erspartem verplämpert. Antworten


Urs Müller

18.11.2009, 20:38 Uhr
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Solange das RAV einen Arbeitsweg von 2 Stunden pro Weg als zumutbar erachtet, werden viele Leute zu Zwangspendlern.... Und wieso ist Pendeln plötzlich schlecht? Das wirtschaftliche allerheilmittel ist doch die Globalisierung, da spielt der Weg keine Rolle....alles wird importiert, am billigsten Ort Produziert, um den halben Erdball geflogen - aber Pendeln soll schlecht sein?! Antworten


Rene Wetter

18.11.2009, 17:53 Uhr
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Jede Woche kommt wieder ein neuer Jammerbericht. Man ist es der Verkehrkollaps, dann die Infrastruktur, dann der Strom und jetzt die Bahnhöfe. Warum das? Um Vorwand für Gebührenerhöhungen zu haben? @Tom Müller: In den 70er hatte die Stadt Zürich mehr Einwohner als heute, das Problem ist, dass jeder immer mehr Wohnfläche für sich in Ansproch nimmt. Antworten


Henry Mancini

18.11.2009, 16:56 Uhr
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Ich kann mich ganz Herrn Kobler anschliessen. Die Entwicklung immer längerer Arbeitswege passt mir gar nicht. Nicht oekologisch und nicht opportung, weil ich möchte nicht nach 9std. arbeit noch deren 2 im Zug verbringen. Selbst wenn ich in der Zwischenzeit ins internet könnte. Dies ist keine Lebensqualität! Deshalb auch kein Rückschr. in den Transp. Mittelalter, viel mehr rückkehr zu Lebenqualität Antworten


Franz Klammer

18.11.2009, 16:44 Uhr
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Die beste möglichkeit um Platz zu schaffen in der Zürcher S-Bahn ist einfach und schnell umsetzbar. 1. Klasse abschaffen. Im Tram, Bus oder PostAuto gibts ja auch keine. Macht dann ca. 2-3 Wagen pro Zug mehr Platz. Antworten


Roger Walser

18.11.2009, 16:41 Uhr
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Als durchschnittlich begabter Rechner ist es für mich bis heute nicht nachvollziehbar weshalb so viele nach Zürich pendeln. Die CHF 1'000.-- mehr im Monat, in dieser Grössenordnung bewegt es sich bei den meisten, verpuffen ja im ganzen Aufwand den man beim Pendeln hat. Wenn ich die Kosten für das Abo, Essen, Steuern, die Reisezeit usw. anschaue, lohnt sich das nicht. Antworten


Tom Müller

18.11.2009, 16:13 Uhr
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Immer kommen Leute mit der bösen "Zersiedelung"... aber die Bevölkerung in Zürich und Winterthur ist in den letzten Jahren stark gewachsen! Es hat einfach keinen Platz mehr in den Städten. Antworten


Julius Grewe-Rellmann

18.11.2009, 16:09 Uhr
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Das Interview ist in erster Linie eine Lageanalyse, die beschreibt warum es zu gewissen Problemen kommt und weshalb auch in der Schweiz zur HVZ mal Gedränge in Kauf genommen werden muss. Wie es weitergeht ist vor allem eine politische Entscheidung, aber wir müssen einsehen, dass es auch beim Verkehr kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Antworten


Tamara Vujadinovic

18.11.2009, 15:07 Uhr
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Wunderbar, Herr Kobler... zurück ins Transport-Mittelalter, nur weil die Staatsbahn am Anschlag ist? Jahrelang hat man die Menschen dazu gebracht, vom Auto auf die Bahn umzusteigen und dann hat man ihnen damit die Jobs in anderen Städten schmackhaft gemacht. Jetzt alles wieder retour? Das wär ja so als wenn man den Ausländern sagen würde: "Alle wieder nach Hause, Schweiz ist voll!" Realistisch? Antworten


Andy Holmes

18.11.2009, 15:04 Uhr
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Nun denn, Herr Grewe... Der ETH-Hoschi weiss anscheinend nichts von der Dynamik, die in einem grossen Bahnhof wie dem HB Zürich herrscht. Seine "Tipps" sind einfach nur lächerlich. Menschenmassen verhalten sich nunmal nicht wie die einzelnen Personen hochgerechnet. Und dass man Pendler gezüchtet hat ist ja wohl nicht die Schuld der Passagiere, die das nun wieder finanziell auslöffeln müssen. Antworten


Julius Grewe-Rellmann

18.11.2009, 14:18 Uhr
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Welch tiefgreifende Analyse, Herr Holmes... Vielleicht erklären Sie den weniger erleuchteten auch noch wie Sie zu diesen Schlüssen kommen....? Antworten


Dani Kobler

18.11.2009, 14:17 Uhr
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Der Berner pendelt nach Zürich, der Zürcher nach Basel, der Basler nach Bern. Wie wärs mit einer Initiaitive à la "wohne in Bern suche Job in Bern. Biete Job in Zürich". Antworten


Katrin Nicolini

18.11.2009, 14:07 Uhr
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Ich würde prinzipiell ja gerne jeweils in den hintersten Wagen gehen - nur hält der Zug bei uns immer mal wieder anders an, so dass sich der letzte Wagen jeweils an ziemlich unterschiedlichen Stellen befindet. So sieht man immer mal wieder Menschenmassen, die zurücklaufen müssen, weil sie zu weit hinten gewartet haben... Antworten


Tamara Vujadinovic

18.11.2009, 13:58 Uhr
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unglaublich. rempeleien sollten aber nicht sein, hui nei. dieser weidmann hat null ahnung, wie es in einem grossen bahnhof zu und her geht. das ist ja so wie wenn jemand über den ausgang am samstag abend (nachdem man ihm sagte, dass es schlägereien gibt) sagt: das sollte aber nicht passieren! meine güte. Antworten


studer topfer

18.11.2009, 13:56 Uhr
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Es lohnt sich, einmal nach Beijing zu schauen, wie dort Menschenmassen zur Rush-hour ueber Treppen, Perrons, etc. problemlos und schnell weitergeleitet werden. Dort gibt es Leitsysteme (Abgesperrte Korridore), die zur Rush-hour funktionieren, und sonst offen sind. Auch das mit Chipkarten funktionierende Ticketsystem ist genial. Antworten


Andy Holmes

18.11.2009, 13:54 Uhr
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Man merkt, dass dieser ETH-Herr selber weder Zug fährt noch sonst eine Ahnung hat, von was er redet. Ein blanker Theoretiker. Aber damit passt er bestens in den abgehobenen Rennstall Moritz, wo sich fast nur solche wirklichkeitsfremde Menschen tummeln. Antworten


Flavio Nuskat

18.11.2009, 13:54 Uhr
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Mal jemand der es wagt, auch den Bahnverkehr zu analysieren. Die Zersiedelung ist tatsächlich ein Problem. Fakt ist dass neue Verkehrswege (egal ob für Auto oder Eisenbahn) mehr Verkehr ankurbeln. Neue, schnellere Auto- und Eisenbahnen schaffen nicht Entlastung sondern erlauben uns einfach längere Wege für Arbeit und Freizeit in Kauf zu nehmen weil sie zeitlich kürzer werden. Ich bleib beim Velo. Antworten


Daniel Ch Huber

18.11.2009, 13:45 Uhr
Melden

Den Pendlerstau im HB erlebe ich seit über 20 Jahren. Da das linksgehen rechtsstehen nur schleppend funktioniert würde ich die Rolltreppen einfach ausschalten; Treppensteigen schadet nicht und der Stau löst sich schneller auf. Was mich aber betrübt ist der angekündigt Preisaufschlag für welche Leistungen.? Ich stehe jeden Morgen im Zug und eine wirkliche Verbesserung der Leistungen habe ich nicht Antworten


Mike Wieland

18.11.2009, 13:34 Uhr
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Wir fördern die Zersiedelung mit unseren Steuern: nur wer weit weg wohnt darf Abzüge machen. Nicht nur das: der Staat verbilligt mit Transferleistungen die Ticketpreise der Bahn. Als Fahhradfahrer, der nur 1km vom Arbeitsort entfernt wohnt, büsse ich zweimal für mein Ressourcen schonender Lebenstil. Ich glaube, mich zieht's aufs Land... Häuschen mit Garten, mit S-Bahn-Anschluss und dickem Auto . Antworten



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