Bahnhöfe: «Man nimmt in Kauf, dass sich Pendler einmal stauen»

Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 18.11.2009 21 Kommentare

Nicht nur das Schienennetz stösst an seine Grenzen, sondern auch Perrons in den Bahnhöfen. ETH-Verkehrsexperte Ulrich Weidmann erklärt, wie die SBB den Pendlerkollaps verhindern kann.

Ungebrochene Nachfrage: Pendler besteigen einen S-Bahn-Zug.

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Bild: Keystone

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Herr Weidmann, immer mehr Passagiere benutzen die S-Bahn. Nicht nur auf den Gleisen ist der Platz begrenzt, sondern auch auf Perrons und Rolltreppen. Stossen die Bahnhöfe bald an ihre Grenzen?
Das ist gut möglich. Wenn die Zuwachsprognosen stimmen, wird das Netz an einigen Stellen überlastet sein – auch bei den Fussgängeranlagen.

Schon jetzt kommt es bei den Rolltreppen im Tiefbahnhof Museumsstrasse regelmässig zu Staus.
Es gibt eine bestimmte Dichte, bei der die Fussgänger gut vorwärtskommen. Wird dieser Bereich überschritten, bricht der Verkehrsfluss zusammen – es kommt zum Rückstau, den Sie tagtäglich erleben. Das ist in der Regel aber nicht so schlimm.

Nicht schlimm? Tag für Tag kommt es zu Rempeleien.
Rempeleien sollten natürlich nicht sein! Es macht aber ökonomisch keinen Sinn, Anlagen auf die maximale Nachfragespitze auszurichten. Deshalb nimmt man es in Kauf, dass sich die Pendler einmal zehn oder zwanzig Sekunden lang stauen. Wichtig ist vor allem, dass Gang- und Perronbreiten homogen dimensioniert sind. Wenns eng wird, müssen Gratiszeitungs-Ständer, Infotafeln und der Marronistand raus. Das sind Hindernisse, die den Verkehrsstrom aufhalten. Hier geschehen immer wieder Kunstfehler und es wird zum Beispiel unterschätzt, wie viel Platz etwa die Schlange vor dem Billetautomaten verbraucht. Es ist wie im Kinderzimmer: Am Anfang sind die Bahnhöfe leer und aufgeräumt, nach und nach werden sie vollgestellt. Dann ist Entrümpeln angesagt (lacht).

Was empfehlen Sie für den Zürcher HB?
Ein gelungenes Beispiel aus dem Bahnhof Oerlikon: Der Schalter des Brezelkönigs geht nicht zur Hauptunterführung, sondern auf die Seite hin. Eine kleine Massnahme, dank der die Pendlerströme flüssig bleiben. Die Forschung zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Engpassbereiche sauber gestaltet sind. Zu einer dreckigen Betonwand halten die Menschen 20 bis 30 Zentimeter Abstand. Einer schönen Stahlwand dagegen nähern sie sich bis auf 15 Zentimeter. Mit wenig Geld holt man 30 Zentimeter Platz raus.

Auf den Rolltreppen gilt im Hauptbahnhof die Devise «links gehen, rechts stehen». Funktioniert dieses System?
Das bringt auf jeden Fall eine Leistungssteigerung. Zusätzlich zur Geschwindigkeit der Rolltreppe kommt nämlich die Eigenbewegung der Leute. Deshalb ist die Leistungsfähigkeit auf der linken Seite der Rolltreppe fast doppelt so hoch wie rechts.

Wie könnten die SBB den Stau bekämpfen? Zum Beispiel, indem Pendler auch rechts gehen müssen oder indem man die Rolltreppe schneller laufen lässt?
Das ginge schon, aber die Treppen sind ergonomisch nicht dafür gebaut; von weniger gesunden Menschen kann man dies nicht verlangen. Aus der Forschung wissen wir zudem, dass die Kapazität von Rolltreppen bei einem Tempo von 0,7 Metern pro Sekunde am höchsten ist. Allerdings ist dies für den Behinderte schon eher zu viel. Deshalb laufen die meisten Rolltreppen mit 0,5 bis 0,6 Meter pro Sekunde. Über etwa 0,8 Meter pro Sekunde nimmt die Leistungsfähigkeit einer Rolltreppe wieder ab, weil dann die Stufen weniger dicht besetzt werden. Breitere Treppenstufen würden dagegen etwas bringen.

Auch in den Gängen und auf den Perrons wirds zu Spitzenzeiten eng und man kommt nur langsam vorwärts.
Das geht ganz intuitiv. Je mehr Fussgänger sich auf einer Fläche drängen, desto tiefer die Geschwindigkeit. In Mitteleuropa achten die Leute darauf, dass sie Abstand halten, und versuchen, Berührungen wenn immer möglich zu vermeiden. Das ist in Japan oder Bangladesh möglicherweise anders.

Sie haben kürzlich im «Tages-Anzeiger» kritisiert, dass in den letzten Jahren «Pendler gezüchtet» worden seien.
Man muss in diesem Land einfach mal den Diskurs darüber führen, wie viel Verkehr überhaupt tragbar ist – auch öffentlicher Verkehr. Der Schlachtruf der Autogegner lautete einmal «Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten». Das gilt auch etwas für die Bahn. Der öffentliche Verkehr ist kein Unschuldslamm, er kurbelt mit guten Angeboten die Nachfrage ebenfalls an. Bis zu einem gewissen Punkt ist dies durchaus erwünscht, aber nicht grenzenlos.

Mehr Kapazitäten schaffen ist die eine, teure Lösung. Das vorhandene Potential zu nutzen die andere. Was für Möglichkeiten sehen Sie hier?
Sie kennen ja den alten Bähnlerwitz: «Man kann so viele Wagen an- und abhängen wie man will, der letzte ist immer leer.» Logisch, weil man nicht bis zuhinterst geht, wenn man keine Sitzplatzgarantie hat. Zur Zeit hat etwa jeder fünfte Zug ein Fahrgastzählsystem. Man könnte bei jeder Komposition die Zahl der einsteigenden Passagiere messen und damit die Belegung der einzelnen Wagen online erfassen. Diese liesse sich zum Beispiel mit Leuchtdioden auf dem Perron anzeigen, was die Fahrgäste motivieren würde, sich in den weniger belegten Sektor zu begeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.11.2009, 15:24 Uhr

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21 Kommentare

Mike Wieland

18.11.2009, 13:34 Uhr
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Wir fördern die Zersiedelung mit unseren Steuern: nur wer weit weg wohnt darf Abzüge machen. Nicht nur das: der Staat verbilligt mit Transferleistungen die Ticketpreise der Bahn. Als Fahhradfahrer, der nur 1km vom Arbeitsort entfernt wohnt, büsse ich zweimal für mein Ressourcen schonender Lebenstil. Ich glaube, mich zieht's aufs Land... Häuschen mit Garten, mit S-Bahn-Anschluss und dickem Auto . Antworten


Tamara Vujadinovic

18.11.2009, 13:58 Uhr
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unglaublich. rempeleien sollten aber nicht sein, hui nei. dieser weidmann hat null ahnung, wie es in einem grossen bahnhof zu und her geht. das ist ja so wie wenn jemand über den ausgang am samstag abend (nachdem man ihm sagte, dass es schlägereien gibt) sagt: das sollte aber nicht passieren! meine güte. Antworten



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