Bally zieht aus dem Bally-Haus an der Bahnhofstrasse

Für den Luxusmodekonzern ist sein grösster Schweizer Laden zu gross geworden. Die Geschäfte an der Bahnhofstrasse sind auch für andere Firmen schon besser gelaufen.

Markanter Bau mit markantem Schriftzug: Das Bally-Haus.

Markanter Bau mit markantem Schriftzug: Das Bally-Haus. Bild: Sabina Bobst

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An der Bahnhofstrasse 66 steht ein Geschäftsumzug bevor, der weit mehr als einen üblichen Mieterwechsel darstellt. Bally verlässt sein grösstes Verkaufslokal in der Schweiz – das Bally-Haus: Nur wenige Gebäude sind in Zürich mit einem Firmennamen zu einer Einheit verschmolzen.

Anfang nächsten Jahres zieht der Konzern in ein kleineres Geschäftslokal an der gleichen Strasse, wie der TA aus verlässlicher Quelle weiss. Seit 1927 verkauft Bally im bekannten Eckhaus an der Bahnhofstrasse Schuhe. 1968 wurde das historische Gebäude durch einen Neubau ersetzt.

Unklare Antwort von Bally

Am Schweizer Geschäftssitz in Caslano äussert sich die Medienstelle des Luxuskonzerns nur in einer schriftlichen Stellungnahme. Bally sei daran, die Läden in Europa und Asien dem neuesten Konzept anzupassen, was in verschiedenen Schweizer Filialen bereits geschehen sei. Auch für Zürich sei ein solches Neukonzept geplant. Unbeantwortet lässt die Medienstelle, ob dieses Konzept im Stammhaus oder an einer anderen Adresse umgesetzt wird. Die Pläne dafür seien «noch nicht ausgereift».

Die Besitzerin des Hauses, die Firma PSP Swiss Property, verweist lediglich auf den gültigen Mietvertrag mit Bally. Wann dieser Vertrag ausläuft, ist nicht zu erfahren. Recherchen des TA haben aber ergeben, dass bereits Gespräche mit mehreren möglichen Nachmietern stattfanden, die aber im letzten Oktober gescheitert sind. Unter den Interessenten waren die Kleiderkonzerne H & M, Abercrombie & Fitch sowie Peek & Cloppenburg.

Verkaufsfläche ist zu gross

Tatsache ist, dass Bally bereits seit Jahren mehrere Etagen in seinem Stammhaus nicht mehr als Verkaufsfläche nutzt. Die Kundenrolltreppen in die obersten beiden Stockwerke stehen still. Nur noch im Parterre, im ersten und im zweiten Stock warten Verkäuferinnen auf Kundschaft. Das Untergeschoss ist ebenfalls geschlossen, seit der darin eingemietete Spa-Betrieb Aspara im Herbst 2009 in Konkurs ging. Rund ein Jahr später zog der Club Saint Germain des Jetsetters Carl Hirschmann aus dem Bally-Gebäude. Seit drei Monaten ist mit dem Club Privé wieder Leben in die Räume eingekehrt.

Für Bally sei der jetzige Standort an der Bahnhofstrasse mit seinen rund 2500 Quadratmeter Verkaufsfläche zu gross, sagt ein Insider, der anonym bleiben will. Trotz der exzellenten Lage sei es zurzeit schwer, solvente Mieter zu finden. Die Jahresmiete dürfte an diesem Ort mindestens 4,5 Millionen Franken betragen. Und die Nachfrage nach Ladenflächen an der Bahnhofstrasse war schon grösser. «Ich bin seit 20 Jahren im Immobiliengeschäft. Ein so grosses Angebot für Mietflächen habe ich bisher nicht gesehen», sagt der Insider. Zahlreiche Läden – vor allem Kleiderboutiquen – möchten wegziehen oder Flächen reduzieren.

Mehrere Besitzerwechsel

Einen Beleg für die schlechteren Umsatzzahlen liefert ein Index der Vereinigung Bahnhofstrasse. Darin werden die aktuellen Ladenumsätze mit denjenigen der Vorjahresperiode verglichen. Zwischen Januar und April dieses Jahres haben nur 8 von 26 Geschäften einen höheren Umsatz erzielt als während der gleichen Zeitdauer im Vorjahr. Unter den Gewinnern sind laut Markus Hünig, Präsident der Vereinigung, vor allem Uhren- und Schmuckläden zu finden. Betrachtet man im Index nur den Monat April, sieht das Ergebnis noch schlechter aus: Nur 6 von 29 Geschäften schnitten besser ab als im April 2011.

Die vor 161 Jahren im solothurnischen Schönenwerd gegründete Firma Bally hat in ihrer jüngeren Vergangenheit eine wechselvolle Geschichte mit mehreren Besitzerwechseln hinter sich. In ernsthafte Turbulenzen geriet das Traditionsunternehmen erstmals Mitte der 70er-Jahre, als der Finanzspekulant Werner K. Rey die Aktienmehrheit übernahm und diese 1977 an den Rüstungskonzern Oerlikon-Bührle weiterverkaufte. Im gleichen Jahr zog sich die Gründerfamilie Bally definitiv aus dem Unternehmen zurück. Restrukturierungen, Missmanagement, unkluge Lizenzvergaben und zunehmend mangelnde Qualität beschädigten das Image.

Seit langem auf der Suche nach CEO

Tausende Angestellte wurden in den 90er-Jahren entlassen. 1999 übernahm die US-Investmentgesellschaft Texas Pacific Group das Ruder und positionierte Bally neu als Luxusmarke im Lifestyle-Segment. 2004 schrieb der Konzern wieder schwarze Zahlen. Vier Jahre später kaufte die Holding Labelux das Traditionshaus für geschätzte 600 Millionen Franken. Hinter Labelux steht die deutsche Milliardärsfamilie Reimann. Bally sucht seit Dezember 2011 fieberhaft einen CEO, seit Berndt Hauptkorn aus unbekannten Gründen das Unternehmen verlassen hat. Geschäftszahlen publiziert Bally keine. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.05.2012, 07:24 Uhr)

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Zu neu für Denkmalschutz

Das Bally-Haus aus dem Jahr 1968 ist ein Spätwerk der Zürcher Architekten Haefeli, Moser, Steiger, die berühmt geworden sind mit der Siedlung Neubühl in Wollishofen, dem Kongresshaus, dem Universitätsspital und dem Hochhaus zur Palme. Nach dem PKZ-Glashaus von 1957 war es das zweite Gebäude in moderner Architektur an der Bahnhofstrasse, die grösstenteils Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden war.

Dominant am Bally-Haus sind die vorstehenden, lotrechten Betonrippen und die riesigen, kugelförmigen Buchstaben BALLY an der Hausecke zur Bahnhofsrasse. Wie schon beim Warenhaus Ober an der Sihl aus den 30er-Jahren wurde aus dem Firmennamen ein Teil der Architektur. Schon bald erhielt das Bally-Haus die «Auszeichnung für gute Bauten der Stadt Zürich». Doch steht es heute wider Erwarten nicht unter Denkmalschutz, so originell die Architektur auch ist. Nicht einmal im Inventar der möglicherweise schützenswerten Bauten ist das Bally-Haus aufgeführt. Grund: Mit Baujahr 1966–68 ist es zu jung. Das Denkmalschutzinventar wurde letztmals 1998 revidiert, als Bauten bis 1965 Aufnahme ins Inventar fanden. (jr)

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