Zürich

Baustellen-Koloss verärgert die Anwohner

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 25.08.2009 3 Kommentare

Der Bau des Weinbergtunnels zwischen dem Hauptbahnhof und Oerlikon beschert den SBB Lärmklagen. Anwohner fühlen sich vom SBB-Personal zudem geringschätzig behandelt.

Bauarbeiten mitten im Wohngebiet: Neuer Bahneinschnitt in Oerlikon, aufgenommen im November 2008.

Dominique Meienberg

Grossprojekt für 2,03 Milliarden

Die 9,6 Kilometer lange Durchmesserlinie wird zu einem Drittel dem Fernverkehr in die Ostschweiz und zu zwei Dritteln der Zürcher S-Bahn dienen, die ab 2013/15 häufigere und schnellere Verbindungen erhalten. Das Projekt soll nach letztem Stand insgesamt rund 2,03 Milliarden Franken kosten. Das Herzstück der Durchmesserlinie ist der zweite unterirdische Durchgangsbahnhof Löwenstrasse. Richtung Westen führen die Gleise über zwei neue Brückenbauwerke bis Zürich-Altstetten. Richtung Osten verbindet der Weinbergtunnel den Hauptbahnhof mit Oerlikon. (sth)

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So wüst wie noch selten schimpfen die Autofahrer diesen Sommer über die vielen Baustellen in Zürich; nun wird die Klage noch lauter – wegen einer Baustelle der SBB. «Wir leiden seit Monaten darunter», sagt ein Anwohner, der in der Nähe des Milchbucks wohnt. Der Lärm dröhne manchmal bereits vor sechs Uhr morgens und ziehe sich zuweilen bis in die Nacht hinein, nicht nur zwischen Montag und Freitag, sondern auch samstags. Andere Anwohner ärgern sich über nervende Pumpgeräusche und erschrecken ob kleinen Explosionen im Untergrund; lästig sei auch der Staub, der sich überall ausbreite. Muriel Hauri, Co-Vizepräsidentin des Quartiervereins Oerlikon, spricht von einem zweischneidigen Schwert. Weil das Projekt der SBB an sich sinnvoll sei, entstünden kontroverse Diskussionen im Quartier.

Hotline für die Lärmgeplagten

Die SBB wissen um die Problematik, die ihre grösste Baustelle – die Durchmesserlinie – verursacht (siehe Kasten). «Die Lärmbelastung für einen Teil der Anwohner kann kurzzeitig immer wieder hoch sein», sagt Sprecher Daniele Pallecchi.

Lärmig ist es derzeit vor allem zwischen dem Bahnhof Oerlikon und dem Portal des Weinbergtunnels. Seit Oktober 2008 hobelt rund 100 Meter unter dem Boden eine Bohrmaschine den zweispurigen Tunnel aus; sie befindet sich mittlerweile 1,9 Kilometer vom Installationsplatz Brunnenhof entfernt und bewegt sich mit durchschnittlich 18 Metern pro Tag in Richtung Hauptbahnhof. Eine weitere Maschine bohrt einen Flucht- und Rettungsstollen. Zusätzlich Lärm verursacht der Abtransport von Ausbruchmaterial, der die täglich rund 1000 Zugsdurchfahrten in Oerlikon um weitere sieben Züge pro Tag erhöht. Laut zu und her geht es auch gleich neben dem Bahnhof, wo die erforderlichen Logistikgüter herangekarrt werden. Störend wirkt für die Anwohner zudem eine Förderbandanlage, die wochentags von 5.45 Uhr bis maximal 23 Uhr in Betrieb ist.

Um den Ärger der Lärmgeplagten aufzufangen, haben die SBB eine Hotline eingerichtet. Durchschnittlich sechs Anrufe pro Tag gehen dort ein. Wie viele davon wegen Reklamationen erfolgen, darüber führen die SBB keine Statistik.

«Sie müssen nicht in Zürich wohnen»

Die Anwohner regen sich aber nicht nur über den Baukrach auf, sondern klagen auch über die teils schnoddrigen Antworten von SBB-Mitarbeitern am Telefon. Zorn wecken Sätze wie «Sie müssen ja nicht unbedingt in Zürich wohnen, nur weil das jetzt gerade angesagt ist». Die SBB dementieren, dass ihren Mitarbeitern solche Sprüche über die Lippen kommen. «Wir geben zuvorkommend und freundlich Auskunft», sagt Sprecher Pallecchi. Die SBB seien sich bewusst, dass es für die Anwohner nicht immer einfach sei und deren Emotionen deshalb «verständlicherweise manchmal etwas hochgehen können». Die SBB hätten die Anwohner regelmässig und detailliert über die Bauarbeiten informiert, etwa an öffentlichen Veranstaltungen, mit persönlich adressierten Briefen oder via Internet.

Die SBB versichern, den Lärm auf ein «absolutes Minimum» zu reduzieren. Dennoch kehrt auch in den Randstunden nicht immer Ruhe ein. Wegen des Bahnbetriebs lassen sich laut Pallecchi beim Tunnelportal vor dem Bahnhof Oerlikon unregelmässige Nachtarbeiten nicht vermeiden. Der Start zu den Bauarbeiten erfolge in der Regel nicht vor 7 Uhr. Der Samstag gelte zwar als Werktag, trotzdem ruhten normalerweise dann die Arbeiten.

Baulärmrichtlinien eingehalten

Für Baulärm gibt es zwar keine gesetzlichen Grenzwerte, die SBB beteuern aber, die Baulärmrichtlinien des Bundes strikt einzuhalten. Als Beleg hierfür verweisen sie beispielsweise auf ihre Forderung nach neuen Bauverfahren, die den Lärm verringern. Betroffene Anwohner in Oerlikon hätten zudem Schallschutzfenster und eine Schalldämmlüftung erhalten, was eine gute Luftzirkulation ohne Öffnen des Fensters ermögliche. Weil der Einschnitt Oerlikon nicht erst seit dem Bau der Durchmesserlinie zu den lärmüberfluteten Gebieten gehört, führen die SBB parallel zu den Bauarbeiten eine Lärmsanierung durch.

Die Bauarbeiten beim Tunnelportal Oerlikon werden Ende September abgeschlossen sein. Verschwinden wird der Baulärm aber noch lange nicht. Die Eröffnung der Durchmesserlinie wird voraussichtlich erst Ende 2013 erfolgen.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2009, 21:13 Uhr

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3 Kommentare

Peter Wolf

26.08.2009, 08:47 Uhr
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Da merkt man einfach, dass die SBB immer noch ein Beamtenladen ist. Unternehmen in der Privatwirtschaft haben ein professionelles Reklamationsmanagement und nutzen Reklamtionen als Chance. Antworten


Edgar Schaad

26.08.2009, 10:54 Uhr
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Lärmgeplagte Anwohner beklagen sich, von den SBB Antworten wie «Sie müssen ja nicht unbedingt in Zürich wohnen, ... » zu erhalten. Herr Pallecchi (SBB) behauptet: «Wir geben zuvorkommend und freundlich Auskunft». Wer lügt? Antworten



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