«Behinderte Kinder werden öfters misshandelt»
Von Erika Burri. Aktualisiert am 22.01.2010
Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe im Kantonsspital Zürich. (Bild: Keystone)
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Herr Lips, was bringt Eltern dazu, ihre Kinder zu misshandeln?
Ich unterscheide zwischen böswilligen Misshandlungen und Misshandlung aus Überforderung. Zu den böswilligen Misshandlungen gehört zweifellos die sexuelle Ausbeutung. Diese ist immer absichtlich und geplant. Man will dem Kind weh tun. 95 Prozent aller anderen Kinds-Misshandlungen passieren aber aus Überforderung der Eltern.
Eltern schütteln Babys und schlagen zu, weil sie mit dem Kind nicht klarkommen?
Misshandelte Kinder sind oft Kinder, die viel Aufmerksamkeit benötigen. Das überfordert Eltern. Es ist leider eine Tatsache, dass behinderte Kinder öfters misshandelt werden als andere. Zudem sind Kindsmisshandlungen in Familien häufiger, in denen die Eltern arbeitslos, süchtig oder psychisch Krank sind.
2009 sind zwei Babys an einem Schütteltraume gestorben und eines, weil es vernachlässigt wurde. Ist es verhungert?
Nein, dieses Kind hätte eine medizinische Massnahme gebraucht, die es nicht erhielt. Das Strafverfahren läuft noch.
Verhungern Kinder in Zürich?
Es werden immer wieder unterernährte Säuglinge ins Kinderspital eingeliefert, aber es ist kaum so, dass jemand diesen Kindern absichtlich keine Nahrung gibt. Oft ist es so, dass die Mutter depressiv ist, apathisch neben dem Kinderbett sitzt und nicht spürt, was das Kind braucht.
Wie äussern sich eigentlich psychische Misshandlung bei Kindern?
Kinder, die psychische Misshandlung erleben sind sehr oft traurig. Sie wollen nicht mehr spielen, nicht mehr essen und sie schlafen nicht mehr gut. Das sind psychosomatische Störungen. Es handelt sich oft um Kinder, die in die Streitigkeiten ihrer Eltern verwickelt werden. Kinder, die von einem oder beiden Elternteilen, die sich getrennt haben, instrumentalisiert werden. Sie werden mit Aussagen wie diesen konfrontiert: Du willst doch gar nicht mehr zum Vater/zur Mutter, bei mir ist es doch viel besser. Das Kind hat beide Elternteile gern und hat mit deren Problemen nichts zu tun.
Haben diese psychischen Misshandlungen zugenommen?
Ja.
Wie reagieren eigentlich Eltern, wenn Sie ihnen sagen, dass Sie eine Kindsmisshandlung vermuten?
Ich erlebe immer wieder Eltern, die zusammenbrechen, anfangen zu weinen. Sie sagen mir, sie wüssten, dass es schrecklich sei. Diese Eltern sind froh, dass endlich jemand die Misshandlung bemerkt und nun Hilfe kommt. Andere Eltern drohen gleich mit einem Anwalt wegen Verleumdung. Nicht wirklich ein Zeichen der Unschuld. Doch verstehe ich, dass Eltern sehr verletzt sind, wenn wir unsere Vermutung an sie herantragen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.01.2010, 11:35 Uhr



