Bei Eiseskälte auf der Strasse pennen

Wie überstehen Obdachlose in Zürich eine Winternacht? Der TA-Reporter machte einen Selbstversuch. Es dauerte Stunden, bis er endlich einen Schlafplatz fand, mitten in der Stadt.

Der Karton war ein Glücksfund. Doch im Hinterhof nahe des Sihlquais darf der TA-Reporter nicht bleiben.

Der Karton war ein Glücksfund. Doch im Hinterhof nahe des Sihlquais darf der TA-Reporter nicht bleiben.
Bild: Reto Oeschger

Artikel zum Thema

Drei Dutzend schlafen im Freien

In grossen Teilen Europas herrscht derzeit klirrende Kälte. Seit Beginn des Winters haben die Behörden allein in Moskau 30 Kältetote gezählt, in Warschau sind es gar 120. Aus der Schweiz liegen bislang keine solchen Meldungen vor. Landesweit haben zirka 2000 Menschen kein eigenes Zuhause, ein Teil davon schlägt sich die Nacht auch im Winter draussen um die Ohren. In der Stadt Zürich sind dies zwei bis drei Dutzend Obdachlose, einige davon mit Hund; das sagt Peter Laib, Teamleiter der städtischen Einsatzgruppe SIP, die auf ihren Patrouillen durch Zürich regelmässig auf Stadtstreicher stösst. Diese stammen meist aus dem Kanton Zürich und dem angrenzenden Thurgau; sie leben in der Regel von der Sozialhilfe.

Laut Laib sind die Obdachlosen in aller Regel «sehr gut ausgerüstet». Isolationsmatte, Schlaf- und Rucksack sind Standard. Manche hüllen sich sogar in zwei Schlafsäcke, um der Kälte trotzen zu können. «Draussen schlafen muss aber niemand», sagt Laib. Das Angebot an Notschlafstellen, sowohl das städtische als auch das private, halte genügend Plätze bereit. Eine Übernachtung in der städtischen Notschlafstelle kostet fünf Franken, im Pfuusbus von Pfarrer Ernst Sieber ist sie gratis.

Dass eine kleine Schar trotzdem unter freiem Himmel nächtigt, hat gemäss Fachleuten verschiedene Gründe. Die einen ertragen die Nähe zu anderen Menschen nicht, die anderen wollen sich nicht helfen lassen, weil sie sich zu wenig wert sind, körperlich oder psychisch angeschlagen sind. Erfroren sei in der Stadt Zürich seines Wissens noch niemand, sagt Laib, der vor 20 Jahren bereits bei Sieber als Praktikant gearbeitet hat. Auch habe es noch keine Fälle von Erfrierungen gegeben, höchstens Unterkühlungen. Die Ursachen für Obdachlosigkeit sind vielfältig: Häufig treffen Arbeitslosigkeit und Verschuldung zusammen, verknüpft mit Alkohol- und Drogenkonsum, Ehekrisen, fehlendem Sozialnetz und Kindheitstraumata. (sth)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS). Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Die Frau ist so weiss wie der Schnee, der den Boden mit einem Film überzieht. Ihre Haut, ihre Kleider – alles ist weiss. Sie tippelt über den Hinterhof durch das Tor auf die Strasse. Auf die Frau folgt der Wagen, dem sie eben enteilt ist. Am Steuer ein Mann, ihr Freier. Und hinter der Mauer, die den Hinterhof zweiteilt, stehe ich – als heimlicher Zaungast an dieser Stätte des Zwielichts, zwischen dem Vergnügungstempel Palais Xtra und dem Drogenstrich am Sihlquai. Es ist 22 Uhr. Nach zweistündiger Suche bin ich fündig geworden. Hier will ich die kommenden Stunden erdauern, die Minuten zählen, weil die Kälte – es ist minus 6 Grad – mich möglicherweise um den Schlaf bringen wird. Ich habe mich so ausgerüstet wie jene Exoten, die in Zürich auch jetzt im Freien leben.

Ich kehre zu meinem Schlafplatz zurück. Er liegt versteckt einige Schritte hinter der Mauer unter einem tief liegenden Dach, eingeklemmt zwischen Hausmauern. Ein Schlupfwinkel, Obdachlosen wärmstens zu empfehlen. So scheint es zumindest. Ich fühle mich wie ein Prinz, wie der britische Prinz William. Als Schirmherr der Obdachlosenorganisation Centrepoint hat er in London jüngst mit einem Schlafsack neben Mülltonnen übernachtet.

5-Franken-Budget

Auch bei mir liegt ein Schlafsack am Boden, dazu eine Matte, Rucksack, Kerzen und Streichhölzer, daneben steht eine Flasche Rotwein. Ich habe sie aus meinem Budget für den heutigen Abend bezahlt: Fünf Franken beträgt es – so viel, wie man für die Notschlafstelle bezahlen müsste. Der Tropfen ist ein Fusel, noch dazu ein unterkühlter. Macht nichts. Die Kälte lässt die Feinmotorik des Schmeckens zunehmend erstarren. Nur die Finger öffnen flink die Flasche. Ich trage fingerlose Handschuhe, Mütze, Bergschuhe, einen Mantel, darunter mehrere Kleiderschichten sowie Kniesocken. Ist es wahr, was der Physiker und Philosoph Blaise Pascal gesagt hat: dass die Kälte angenehm sei, solange man sich wärmen könne?

Von der Polizei entdeckt

Eben will ich mich ins flauschige Nest einrollen, da ertönt wieder Motorengeräusch. Diesmal ist es kein Freier, sondern die Polizei. Mein neues Leben hat mich schon derart eingenommen, dass ich beim Anblick des Streifenwagens aufschrecke. Prompt erspäht mich ein Polizist – und schon sticht Licht ins Gesicht. «Was tun Sie hier?» «Nicht das, was Sie wohl denken», antworte ich, ein wenig übermütig vom Rotwein, der die Sinne längst kräuseln lässt. Nach Vorweisen von ID und Journalistenausweis werde ich aufgefordert, den Hinterhof zu verlassen: Privatgelände. Das ist eine kalte Dusche.

Weiter geht es zum Museum für Gestaltung. Es schneit nicht mehr, ein scharfer Wind kommt auf. Wie schon zuvor zwischen Kalkbreite und Limmatplatz ist es auch in dieser Gegend schwierig, ein Nachtlager zu finden. Jeder Ort scheint eine Schwachstelle zu haben: zu viel Licht, Tore, die automatisch zufallen könnten, Türen mit Hängeschloss, Kellertreppen, die zu schmal sind, Holzhäuschen hinter Gittern. Die Suche hat etwas Spielerisches – freilich nur, weil ich Obdachlosen-Tourist bin. Ich schlüpfe in einen weiteren Innenhof. Und staune nicht schlecht: Kartonschachteln, haufenweise zusammengelegt – ein Glücksfall! Mit meiner kleinen Kartonwohnung unter dem Arm spaziere ich weiter, via Kornhausbrücke ans Ufer der Limmat. Dort stosse ich auf ein Züri-WC – ein beliebtes Refugium, das jedoch auch zur Todesfalle werden kann. In Lausanne erfror vor acht Jahren eine ältere Frau in einer öffentlichen Toilette. Eine beklemmende Vorstellung: die letzten Atemzüge im Urin- und Kotgestank.

Ekelerregende Lokale

Die WC-Türe ist verriegelt. Dann drängen zwei Gestalten heraus: eine Prostituierte, wohl keine 20 Jahre alt, und ein bulliger Mann. In diese Geilheitskloake einen Fuss zu setzen – der Gedanke erregt Ekel.

Ernüchtert kehre ich zu jenem Winkel zurück, aus dem die Polizei mich verscheucht hat. Eingepackt im Schlafsack liege ich auf dem Karton, der erstaunlich gut isoliert. Ich versuche einzuschlafen. Doch es gelingt nicht. Ein mulmiges Gefühl kriecht in mir hoch: Was, wenn ich überfallen werde? Durch den Kopf jagen Bilder aus Wien, wo vor zweieinhalb Jahren einem Obdachlosen der Schädel eingeschlagen wurde. Gedärme und innere Organe hingen aus der Leiche. Der Wein lässt die Fantasie zusätzlich wuchern. Ich verlasse den Ort zügig und laufe zum Hauptbahnhof. Dort stehen zwei Männer, die ziemlich verwahrlost aussehen. Ich frage sie nach einem Schlafplatz. Der eine schreit nach Bier, der andere sagt: «Draussen pennen – ist das ein neuer Tick von euch Jungen?»

Weiter durch die Bahnhofstrasse zur Augustinergasse. Dort, in Hauseingängen, haben auch schon Obdachlose übernachtet. Solange sie keinen Dreck hinterliessen oder lärmig waren, wurden sie von den Hausbesitzern geduldet – als kostenlose Absicherung gegen Einbrecher. Will ich das auch sein? Nein.

Die Bar als Versuchung

Am Zähringerplatz gehe ich an meiner Lieblingsbar vorbei, wo die Bardame schon den einen oder anderen Veltliner spendiert hat. Die Versuchung ist da, um einen Kafi oder einen kleinen Happen zu bitten. Doch ich widerstehe und schreite weiter durch die Gassen. Es ist nach 1 Uhr. Fast niemand unterwegs. Wer nicht raus muss, sitzt an der Wärme. Ich friere zwar nicht, aber ich spüre, wie die Kälte mich umkrallt. Nur nicht schneller gehen, nur ja nicht schwitzen. Ich würde hinterher zu frieren beginnen; das habe ich in den Bergen gelernt.

Gegen zwei Uhr morgens finde ich im Herzen Zürichs endlich ein Plätzchen, mit dem ich warm werde: ein Materialhaus der Stadtreinigung, einen Steinwurf vom Obergericht entfernt. Unter einem Vordach rolle ich mich in den Schlafsack, schlafe ein, werde aber gleich wieder geweckt von einer Putzequipe. Sie ist schon ganz nah, ich höre Männerstimmen. Nur nicht wieder weggeschickt werden! Ich ziehe den Schlafsack ganz über den Kopf, stelle mich schlafend. Die Stimmen sind nun ganz nah. Doch nichts geschieht. Erleichtert strecke ich den Kopf wieder raus. Wohlig warm ist es im Kokon. Bald werde ich einschlafen. Mein Atem entlässt kleine Dampfwolken in die Dunkelheit, ich fühle mich frei. Ob es den anderen da draussen wohl auch so ergeht? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2010, 04:00 Uhr

13 KOMMENTARE

Franz Brunner

11.01.2010, 14:40 Uhr

hotels, die nicht ausgebucht sind, sollten vom staat verpflichtet werden, eine anzahl betten (prozentual zur gesamtbettenzahl) gegen ein minimales entgelt (stadt oder kanton soll dafür aufkommen) zur verfügung zu stellen


Hedvika Post

11.01.2010, 14:40 Uhr

Armut nimmt seltsame Formen an. Es ist doch logisch, dass obdachlos sein eine unwürdige Notsituation ist, muss man das auch noch ausprobieren? Warum? Der Durchschnitt ist ca 50m2 Wohnfläche/Person, das bedeutet, wenn einige keine Wohnfläche haben, das andere 100m2 haben! Ich frage mich schon, wozu soll das gut sein?


Sibylle Weiss

11.01.2010, 14:17 Uhr

Mir gehen v.a.Leute auf den Wecker,welche behaupten,dass es in der CH keine Armen gibt u.man Antworten erhält wie "in der CH verhungert niemand".Darauf antwortete ich"der Vergleich nach unten ist sehr einfach,da dieser zum Nichtstun einlädt,in der Hoffnung dass der Herrg'tt das Problem löst!Vergleicht man nach oben,dann wäre dies mit Arbeit verbunden,also lieber nach unten vergleichen.


Jüge Diener

11.01.2010, 13:39 Uhr

@Tom Müller: Sofern eine Wohnung zur Verfügung steht!! Übrigens, erkundigt Euch mal was die Übernachtung beim blauen Kreuz kostet, denen auch ich immer an Weihnachten gespendet habe. Ihr werdet überrascht sein. Ich will mir nicht den Mund verbrennen, aber ein Zimmer in einer einfachen Pension ist billiger, dort schlafen Sie aber alleine und müssen nicht um 9 Uhr wieder auf die Strasse!


marc michel

11.01.2010, 13:17 Uhr

man muss schon sehen, dass obdachlose meist krank sind, sei es alkohol, drogen oder eine psychische erkrankung. man kann sie nur schlecht vor sich selber schützen, und es ist nicht die aufgabe der institutionen sie zu dazu zu zwingen. es ist sehr traurig das mitzuverfolgen.


Thomi Horath

11.01.2010, 13:06 Uhr

So einen Selbst-Versuch habe ich auch schon mal in Betracht gezogen. Geht das überhaupt? Allerdings weiss ich nicht, wie lange ich das aushalten würde. Vor allem jetzt, wo es draussen nicht gerade heiss ist. Der Kommentar von einem älteren ist gut: «Draussen pennen – ist das ein neuer Tick von euch Jungen?»


Michael Meier

11.01.2010, 12:42 Uhr

In der Stadt Zürich muss niemand im auf der Gasse schlafen. Alle Menschen erhalten eine würdige Schlafstelle. Es gibt natürlich Leute die trotzdem immer und bei jeder Witterung draussen schlafen wollen. Also ich mag es lieber kuschelig warm.


Branka Rühle

11.01.2010, 12:21 Uhr

Es kann nich sein, dass man sich sogar mit den Notschlafstellen bereichern will. Wenn ich enstscheiden könnte, würde ich mine Steuergelder genau hier einsetzen, statt den übrigen Filz und Vätterliwirtschaft zu finazieren. Typischer Kommentar vom @Haller, dem es offenbar zu gut geht, um sich in jemanden zu versetzen, der nicht so viel "Glück" hatte wie er.


Gabriela Süss

11.01.2010, 11:14 Uhr

Es gibt Obdachlose die sich freiwillig dafür entscheiden, draussen zu schlafen. Sie wollen sich nirgendwo unterordnen. Respektieren wir das. Wir sogenannt Angepassten wissen doch nicht - was für jedermann/jedefrau gut ist!


Stefan Haller

11.01.2010, 09:37 Uhr

Die Stadt muss und soll??? Wohl eher nicht. Mir tun die Menschen ja leid, die es nicht geschafft haben im normalen Leben bleiben zu können. Trotzdem, es liegt an jedem selbst, wieder aus dieser Lage herauszukommen. Wobei es unsere Strassenschläfer noch gut haben. Möchte nicht wissen wie es jenen in Minsk, Grodno, Moskau, Vladimir, Kiev, Kostroma oder sonstwo geht.


Adrian Müller

11.01.2010, 08:32 Uhr

Eine menschenverachtende Ungeheuerlichkeit, das (angeblich) zivilisierte Gesellschaften in Europa, den USA und anderswo im 21. Jahrhundert so etwas wie Obdachlosigkeit immer noch zulassen. In St. Moritz feiert man dekadente Kaviarpartys und in Zürich leben Obdachlose. Das kann nicht gutgehen.


Tom Müller

11.01.2010, 08:24 Uhr

Meines Wissens zahlt das Sozialamt Wohnungsmieten bis zu 1000 Franken. Wer also auf der Strasse pennt tut das freiwillig. Jetzt kommt sicher wieder das Argument "Wohnungsnot in Zürich" zum zug, aber ich würde lieber in der Pampa wohnen als auf dem Sihlquai zu schlafen.


Myrtha Meuli

11.01.2010, 07:23 Uhr

hoffe doch, dass jede und jeder auf der Gasse die Adresse für eine Notschlafstelle findet und dort unterkommt, selbst wenn die fünf Franken mal nicht zur Verfügung stehen sollten, als Zürcheri/nnen nutzen wir jeden freien Quadratcentimeter, fürs Schlafen im Freien mag das für ganz wenige Nachteile haben, für Obdachlose hat's aber auch Vorteile: die Stadt muss und soll Schlafstellen anbieten



Veranstalter

Die Top-Themen im

Lokalverzeichnis

Werbung

Umfrage

Soll in Zürich ein nächtliches Trinkverbot auf öffentlichem Grund eingeführt werden?

Ja

Nein


Der Zwillingsmord von Horgen

Der Münchner Prozess


Publireportage

Sagen Sie es nicht! Tabusätze in der Beziehung

ElitePartner.ch verrät, welche Sätze Sie besser für sich behalten sollten.

Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Jobsuche

Kaum wird irgendwo ein Job frei, ist er auf jobwinner.ch.

Weiterbildung

Weiterbildung AusbildungFinden Sie die passende Schule für Ihre Weiterbildung in Beruf und Freizeit.
Jetzt nach Weiterbildung suchen:

BMI-Rechner

Body-Mass-Index Rechner



[Alt-Text]



© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten