Zürich

«Bei vielen ist sonnenklar, dass sie unsere Auflagen nicht erfüllen»

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 02.11.2010 3 Kommentare

ETH-Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach sagt, wie sie den Ansturm ausländischer Studierender bewältigt.

«Die Schweiz wird nie genügend exzellentes Personal für zwei technische Hochschulen finden können»: ETH-Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach.

«Die Schweiz wird nie genügend exzellentes Personal für zwei technische Hochschulen finden können»: ETH-Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach.
Bild: Keystone

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Die Rektorin

Heidi Wunderli-Allenspach (63) ist seit 2007 Rektorin der ETH. Zuvor war sie während 12 Jahren ordentliche Professorin für Biopharmazie. Sie studierte selber an der ETH und an den Universitäten in Zürich und Basel. Nach dem Studium arbeitete sie unter anderem an der Duke University in den USA.

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Die ETH wird vor allem im Fach Architektur von ausländischen Zweitklassstudierenden überrannt. Hat die ETH ein Ausländerproblem?
So kann man das nicht sagen. Wir haben für die Masterstudiengänge aller Bereiche 2600 externe Bewerbungen bekommen, 90 Prozent davon stammten aus dem Ausland.

Da kann man von einem Ansturm sprechen. Vor drei Jahren waren es nicht halb so viele gewesen.
Ja, wir haben viele externe Bachelor-Absolventen, die bei uns in ein Masterstudium eintreten wollen. Dass so viele Ausländer dabei sind, ist an und für sich nicht negativ, Internationalität hat an der ETH Tradition. Aber leider ist nicht jeder ausländische Bachelor mit dem anderen zu vergleichen und mit unseren ETH-Bachelors gleichwertig.

Dennoch müssen Sie alle nehmen.
Theoretisch schon, praktisch ist das aber nicht möglich.

Wie lösen Sie das Problem?
Wir unterscheiden zwischen dem ETH-Bachelor und dem Rest. In den letzten Monaten haben wir Anforderungsprofile für jeden Studiengang formuliert. Nun vergleichen wir die Bewerbungen mit unseren Anforderungen. So stellen wir die Lücken fest. Manchen fehlen ganze Fächer. Negativ fällt der Vergleich aber auch aus, wenn jemand in einem Hauptfach ungenügend abgeschnitten hat.

Gemäss internationalen Verträgen müssen Sie aber auch schwache Bewerber aufnehmen.
Nein. Wir dürfen Auflagen machen oder Bewerbungen ablehnen, wenn die Lücken zu gross sind. Wir haben aber den ETH-Rat gebeten, für gesetzliche Grundlagen zu sorgen, damit wir Kapazitätslimiten setzen können. Die meisten Universitäten können aufgrund kantonaler Gesetze auch solche Limiten setzen.

Sie meinen den Numerus Clausus?
Das ist eine Variante. Wir streben den Numerus Clausus nicht an. Aber das ETH-Gesetz müsste ihn vorsehen.

Eine Variante wären höhere Gebühren für ausländische Studierende.
Das wäre schlecht. An der Università della svizzera italiana zahlen die Ausländer doppelt so viel. Das hindert aber niemanden, nach Lugano zu kommen, denn in Italien müssen die Studierenden auch für ihr Studium bezahlen. Nein, übers Portemonnaie der Eltern sollte man nicht steuern. Das wäre unfair.

Und ausländische Hochschulen könnten als Gegenmassnahme die Gebühren für Schweizer erhöhen.
Möglich. Eine Gebührenerhöhung für Ausländer wäre ein unfreundlicher Akt. Man muss sehen, für ausländische Studierende ist es nicht ohne, nach Zürich zu kommen. Die Lebenshaltungskosten betragen hier im Jahr 21'000 Franken.

Sie könnten in den Masterstudiengängen mehr selektionieren – ähnlich wie bei den Bachelorstudien. Dort schafft ja die Hälfte die ETH-Prüfungshürden nicht.
Wir verlieren nicht die Hälfte, sondern ein Drittel der Studierenden. Wir wissen aber, dass fast alle fit für ein Masterstudium sind, wenn sie unsere Basisprüfungen geschafft haben. Es ist problematisch, wenn wir für sie ein zweites Aufnahmeverfahren machen.

Aber für die Ausländer könnten Sie die Prüfungen doch durchführen.
Das wäre logisch. Aber das Masterstudium ist mit drei oder vier Semestern zu kurz, um alle rechtzeitig auf Vordermann zu bringen. Wir müssten die Zwischenprüfungen so spät ansetzen, dass die Studienzeit beim Prüfungstermin fast vorbei ist. Wir müssen beim Eintritt selektionieren, und das haben wir schon dieses Jahr transparent getan.

Wie viele von den 2600 Bewerbern haben Sie abgelehnt?
Ein Viertel haben wir aufgenommen. Bei vielen war sonnenklar, dass sie unsere Anforderungen nicht erfüllen.

Trotzdem haben Sie jetzt überfüllte Hörsäle und müssen noch nach Oerlikon ausweichen.
Ja. Aber die zehnminütige Busfahrt ist ja das kleinste Problem. Natürlich würden wir gerne alle am Hönggerberg ausbilden. Aber mit unserem Budget ist das nicht denkbar. In den letzten zehn Jahren wurde es jährlich um nicht einmal 1 Prozent aufgestockt. In gleichen Zeitraum hat die Anzahl Studierender um 40 Prozent zugenommen. Das kann ja nicht aufgehen.

Sie könnten die Hürden für ausländische Studierende weiter erhöhen.
Das wollen wir nicht. Wir haben mit den Ausländern, die wir aufgenommen haben, stets ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Im Schnitt waren sie im früheren Diplomstudium immer etwas besser als unsere Schweizer.

Kann man sagen, dass die ETH von den Ausländern lebt?
Das ist etwas zu drastisch ausgedrückt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Schweiz niemals genug eigenes exzellentes Personal für zwei technische Hochschulen finden könnte. Das wäre, wie wenn man in den USA die Leute für eine Universität nur in Manhattan und den umliegenden Quartieren suchen würde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2010, 23:28 Uhr

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3 Kommentare

Hans Vögtlin

02.11.2010, 09:53 Uhr
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Ich plädiere für Aufnahmeprüfungen für die Studienfächer, aber nicht nur für Ausländer, sondern auch für Einheimische, wenn die Maturanoten nicht überzeugend wirken. Was ich nie begreife, ist , dass in einem halben Jahrhundert die Studienintelligenz um das Fünffache zugenommen hat. Die welsche oder gar die ausländische Gymnasiasten- Massenproduktion war schon früher verdächtig, heute noch mehr. Antworten


Isabel Wirth

02.11.2010, 11:17 Uhr
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Aufnahmeprüfungen für ein Architekturstudium würden lustig, müssten doch die Kandidaten aufgrund der vielen Fächer (Mathe, Bauphysik, Konstruktion, BG, Geschichte, W+R etc.) de facto noch einmal eine Maturprüfung ablegen. Das Problem ist wohl grundsätzlicher: Die Schweiz hat nicht die Kapazität (v.a. räumlich), dort mitzuspielen, wo sie gern mitspielen würde. Das spürt nun auch die ETH. Antworten



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