Beim Essen sparen, damit es für die Miete reicht
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 06.02.2012 94 Kommentare
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770 Franken Miete bezahlte die 81-jährige Frau über Jahre für ihre Wohnung im Seefeld. Dann aber bekommt sie die Kündigung, weil das Haus saniert wird. Mit viel Glück findet sie im selben Quartier wieder eine Wohnung. Aber: Die Miete ist mit 1638 Franken mehr als doppelt so hoch wie früher. Über ihre Rentenzuschüsse sind aber nur 1375 Franken abgedeckt. Die restlichen 263 Franken muss sie mit dem Geld bezahlen, das sie eigentlich für das Essen, das Tram oder den Haushalt bräuchte.
Die Rentnerin ist keine Ausnahme: 71 Prozent der Alleinstehenden über 65 Jahren versteuern weniger als 50'000 Franken Einkommen. Und jeder Dritte davon kann die Wohnkosten nicht mit den Zuschüssen abdecken, muss sich die Miete vom Mund absparen und verarmt zusehends. «Immer mehr Rentner, die Zuschüsse erhalten, müssen einen Teil der Miete mit dem Geld bezahlen, das sie eigentlich für den Lebensbedarf benötigen», sagt Michael Muheim, Geschäftsleitungsmitglied von Pro Senectute Kanton Zürich. Das Problem werde aber kaum wahrgenommen, weil man glaube, dass es heute den alten Leuten gut gehe. «Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich auch bei den Senioren immer mehr.»
1100 Franken genügen nicht
Ein Ehepaar, ebenfalls über 80 Jahre alt, geriet in Bedrängnis, als der Mann schwer stürzte und in ein Pflegeheim ziehen musste. 1900 Franken Miete bezahlt das Paar, da der Mann aber nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung lebt, erhält die Frau nur noch 1375 Franken Zusatzleistungen statt wie bis anhin 1525 Franken. Die Miete kann sie nicht annähernd bezahlen, das Ersparte ist wegen der hohen Wohnkosten längst aufgebraucht. Damit die Frau nicht aus ihrer Wohnung ausziehen muss, bezahlen ihr ihre Geschwister jeden Monat 500 Franken.
In der Stadt Zürich sind die Mieten zwischen 2005 und 2008 sprunghaft gestiegen: Beliefen sie sich 2005 im Mittel auf 1360 Franken pro Monat, waren es 2008 bereits 1550 Franken – plus 14 Prozent innert dreier Jahre. Das spüren nicht nur die Mieterinnen und Mieter, sondern auch die Stadt. Weil immer mehr AHV- und IV-Rentner ihre Wohnkosten nicht mehr bezahlen können, muss sie diese finanziell stärker unterstützen. Finanzvorstand Martin Vollenwyder (FDP) hat dafür 9,6 Millionen Franken für das laufende Jahr budgetiert.
Eigentlich sollten finanziell schlecht gestellte Rentner ihre Wohnkosten mithilfe der Ergänzungsleistungen zur AHV bezahlen können. Bei den hohen Mieten in der Stadt reichen sie aber nirgends hin; ein alleinstehender Rentner bekommt höchstens 1100 Franken, Paare 1250 Franken. Obwohl Senioren- und Behindertenverbände seit Jahren fordern, dass diese Beträge der Realität auf dem Wohnungsmarkt angepasst werden, hat sie der Bundesrat seit 2001 nicht mehr erhöht.
«Das ist pervers»
Also muss die Stadt einspringen: Das Parlament hat die Obergrenze für Mietzuschüsse gleich von 175 auf 275 Franken pro Monat angehoben, was die Stadt zusätzlich 2 Millionen Franken pro Jahr kostet. Für sie ist es keine vorteilhafte Lösung, denn für die Mietzuschüsse kommt sie allein auf, an die Ergänzungsleistungen zahlen Bund und Kanton 44 Prozent. Dennoch tut dies die Stadt freiwillig seit 1930 – eine soziale Errungenschaft des «Roten Zürich».
Mittlerweile können 4400 AHV- und IV-Rentner ihre Miete nicht mehr mit dem Geld aus den Ergänzungsleistungen bezahlen und brauchen die zusätzliche Unterstützung der Stadt. Laut Ernst Reimann, Direktor des Amtes für Zusatzleistungen, unterstützt die Stadt mehr Personen als in früheren Jahren, und diese schöpfen öfter den ganzen Zuschuss von 275 Franken aus.
Dass die Stadt immer mehr Geld für Mietzuschüsse ausgeben muss, ärgert insbesondere linke Politiker. «Es kann nicht sein, dass sie auf diese Weise die Exzesse des privaten Immobilienmarktes mitfinanziert», kritisiert SP-Gemeinderätin Rebekka Wyler. Es sei pervers, wenn die Steuerzahlerinnen und -zahler die Spekulation finanzieren müssten. Für sie ist klar: Die Stadt muss die Mietzuschüsse zahlen. Aber gleichzeitig müsse sie dafür sorgen, dass in der Stadt mehr gemeinnützige Wohnungen entstehen. Gerade ältere Leute oder Behinderte könnten nicht einfach in eine günstigere Wohnung ausserhalb der Stadt ziehen. Sie seien stärker als Jüngere auf ihr soziales Netzwerk und auf Wohnungen mit Lift angewiesen. Ernst Reimann hingegen glaubt nicht, dass die Stadt durch die Mietzinszuschüsse erst höhere Mieten ermöglicht. Dafür sei die Summe zu klein.
Es bleibt nur das Altersheim
Die hohen Mieten belasten die öffentliche Hand aber nicht nur, weil sie AHV- und IV-Rentner stärker unterstützen muss. Wie Michael Muheim von Pro Senectute beobachtet, bleibt Senioren, die ihre Wohnung verlieren, oft nichts anderes übrig, als in ein Altersheim zu ziehen – was die öffentliche Hand deutlich mehr kostet, als wenn sie zu Hause leben würden.
So gelangte etwa eine 88-jährige Frau an Pro Senectute, die aus ihrer Wohnung in Wollishofen ausziehen musste, weil die Siedlung renoviert wird. Sie ist körperlich in so guter Verfassung, dass sie noch einige Jahre allein hätte leben können. Nur hat sie kaum eine Chance, noch eine bezahlbare Wohnung zu finden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.02.2012, 10:17 Uhr
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94 Kommentare
Die Linken in Ehren, aber diese Scheinheiligkeit geht mir auf den Nerven. Es sind genau die selben die sich über die hohen Mieten beklagen die am anderen Ende uns die Einwanderung als Segen verkaufen wollen und die es völlig in Ordnung finden wenn hunderte Wohnungen durch Asylbewerber blockiert werden - auf Staatskosten versteht sich. Antworten

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