Zürich
Beim Werbetram sehen viele rot
Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 21.02.2012 186 Kommentare
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«Sunkotz-Tram» nennt es die Interessengemeinschaft Plakat/Raum/Gesellschaft, die gegen die Werbeflut im öffentlichen Raum kämpft. «Unter aller Sau», kommentiert ein anderer auf der Facebook-Seite der VBZ-Züri-Linie. Dort hat das neue Werbetram einen sogenannten Shitstorm ausgelöst, eine Empörungswelle in sozialen Netzwerken.
Das Sunrise-Tram ist erst seit Freitag unterwegs – eine Cobra-Komposition, die innen und aussen für die Telekommunikationsfirma wirbt. 480'000 Franken kostet das pro Jahr. Das Sunrise-Tram ist nach jenem der Swissquote-Bank das zweite voll bemalte Kommerztram der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). Fünf solcher Vehikel werden bald für drei Jahre unterwegs sein; ein Versuch, mit dem die VBZ die Akzeptanz dieser Werbeform in der Werbebranche und im Publikum testen. Erwarteter Ertrag: mindestens vier Millionen Franken.
Blieb es beim farblich dezenteren Swissquote-Tram noch einigermassen ruhig, so bringen die leuchtenden Rot- und Gelbtöne des Sunrise-Trams die Leute gehörig in Rage. Dabei sollten die Firmenfarben doch «Wärme, Energie, Zuverlässigkeit, Kreativität und Nähe» vermitteln oder wie es Kommunikationschef Andreas Gregori formulierte: «Wir freuen uns, dass wir die Marke Sunrise auf eine unkonventionelle Weise präsentieren und der Bevölkerung die Sunrise-Welt nun auch auf der Schiene näherbringen können.»
«Sehr pfui»
Die meisten Facebook-Nutzer freuen sich weniger: «Grottenhässlich», «miserable Werbegrafik», «verhunzt», «sehr pfui», «uee nai» lauten die knappsten der prononcierten Kommentare. Andere halten den Auftritt für unklug, da die Leute diesen «Zwang zum Hinsehen» nicht schätzen und im Tram keine Sunrise-Filiale wollen. Von «Gehirnwäsche zum Preis eines Billetts» ist die Rede, von «Nötigung». Subversive Klebeaktionen werden angedroht und Aufrufe gemacht: «Rape this Tram», «Occupy it», «Sunrise-Abo kündigen».
Ein Fotograf kündigt an, fürs Sunrise-Tram nie ein Billett zu kaufen, da die Fahrt ja schon bezahlt sei. Dezent formuliert es Urs Schaffer von Pro Bahn: «Auch bei uns hält sich die Begeisterung in sehr bescheidenen Grenzen.» Es gibt allerdings auch Befürworter: «Sieht geil aus», «schöne Abwechslung», «toll», «überhaupt nicht hässlich, sondern einfach nicht blau-weiss». Einige mahnen zur Besonnenheit, da es ja nur um wenige Trams gehe, die Fenster unverklebt bleiben und es in anderen Städten viel schlimmere Beispiele gebe.
«Wo bleiben die ästhetischen Grundsätze?»
Schelte bekommen aber auch die VBZ: Von Prostitution ist die Rede, vom Verlust des Verstandes und des gesunden Masses. «Liebe VBZ, ich finde es eine schlimme Zumutung, dass ich in einem Sunrise-Tram rumfahren und noch dafür bezahlen soll», schreibt ein Publizist und Werber. «Wie leichtfertig darf man Zürichs Ästhetik aufs Spiel setzen?», fragt ein Fahrgast. «Wo bleiben die ästhetischen Grundsätze der VBZ?», will die ehemalige SP-Gemeinderätin Rose Zschokke wissen.
Die VBZ-Züri-Linie gibt mit ihrem Facebook-Team gern Antwort. «Auch die VBZ spüren den Kostendruck und sind zu unternehmerischem Handeln aufgefordert. Um das bestehende Fahrangebot aufrechterhalten und wo nötig ausbauen zu können, müssen auch neue Erlösquellen erschlossen werden. Eine davon ist Werbung in und auf unseren Trams. Die Einnahmen kommen also unseren Fahrgästen zugute. Wenn nicht durch Werbung müssten die Kosten durch höhere Ticketpreise oder durch höhere Subventionen (aus Steuergeldern) finanziert werden.» Rückfrage: «Wer verursacht Kostendruck?» VBZ: «Die Politiker aus Stadt und Kanton, die als Volksvertreter einen möglichst wirtschaftlichen ÖV fordern.»
Nach Auskunft von VBZ-Sprecherin Daniela Tobler gab es auf dieser Facebook-Seite noch nie etwas Vergleichbares. Bei ZVV-Contact jedoch, der offiziellen Beschwerdestelle, sei lediglich eine kritische Stimme eingegangen. Die VBZ würden alle Kundenreaktionen verfolgen und in den Entscheid über die Weiterführung der Werbetrams einfliessen lassen. Das dritte voll bemalte Tram kommt Anfang März. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.02.2012, 06:21 Uhr
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