Bello, an die Leine!

Hundehalter missachten vielerorts die Leinenpflicht. Die Stadt Zürich will nun Parkanlagen bestimmen, in denen Hunden der Zutritt gänzlich verwehrt wird.

Hundefreie Parkanlagen als Lösung: In der Bevölkerung geht laut Grün Stadt Zürich die Angst vor Angriffen um.

Hundefreie Parkanlagen als Lösung: In der Bevölkerung geht laut Grün Stadt Zürich die Angst vor Angriffen um. Bild: Keystone

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«In dieser Anlage besteht Leinenpflicht!» Solche Tafeln sind doch für die Katz. So denkt ein besorgter Vater, der sich beim TA per E-Mail gemeldet hat. Seine Kinder fürchten sich vor Hunden. Ihr Schulweg führt sie durch den Irchelpark. Dort gehen viele Hunde Gassi – ohne Leine. Sie tummeln sich, bellen, springen in ihrer Spielfreude hin und wieder an den Kindern hoch. Noch nie, sagt der Vater, habe er einen patrouillierenden Polizisten gesehen, der säumige Halter büsse, welche die Leinenpflicht unterliefen – trotz klarer Signalisation. In der nahen Quartierstrasse aber beobachtet er vormittags und nachmittags Politessen, die Parkbussen am Laufmeter verteilten.

Haben Polizisten Angst, Hundehalter zu büssen? Marco Bisa, Sprecher der Stadtpolizei: «Nein, überhaupt nicht, es gehört zu unserem Grundauftrag, für Recht und Ordnung zu sorgen.» Wer den Hund nicht anleint, müsse mit einer Busse von 60 Franken rechnen. Leute des Diensthundewesens patrouillieren laut Bisa regelmässig in den öffentlichen Pärken und auf Spielplätzen. Die Patrouille sei aber auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. «Sie verstärkt umgehend ihre Präsenz, wenn sie vernimmt, dass auf einem bestimmten Spielplatz Kinder laufend von Hunden belästigt werden.»

Bussen, Bisse und Verzeigungen

Wie viele Ordnungsbussen die Stadtpolizei Zürich pro Jahr gegen Hundehalter ausstellt, lässt sich nicht sagen, weil diese nicht erfasst werden. Bezahlt jemand auf der Stelle oder per Einzahlungsschein, ist die Sache in diesem anonymen Verfahren erledigt. Attacken gegen Menschen werden zwingend schriftlich der Staatsanwaltschaft rapportiert. In diesem Jahr hat die Stadtpolizei bis Ende November 19 Hundebisse registriert. Das kostet die fehlbaren Halter praxisgemäss bis zu 300 Franken Busse zuzüglich Verfahrenskosten – ausser, es liegt der Straftatbestand einer einfachen fahrlässigen Körperverletzung vor. Gravierende Vorfälle habe es im laufenden Jahr keine gegeben.

Die Verantwortung für Pärke und Spielplätze trägt Grün Stadt Zürich. Karin Hindenlang leitet dort die Naturförderung, wozu auch das Wildschonrevier gehört. Sie hat beobachtet, dass in der Bevölkerung die Angst vor Hunden grösser geworden ist. «Die Lage hat sich zugespitzt.» Darauf deuten auch die jüngsten Zahlen aus dem kantonalen Veterinäramt hin. Dort sind 2010 insgesamt 543 Meldungen zu Vorfällen und übermässigem Aggressionsverhalten von Hunden gegenüber Menschen gemeldet worden. Die Hochrechnung fürs laufende Jahr zeigt, dass die Gesamtzahl der Fälle 2011 leicht höher liegt, wie der stellvertretende Kantonstierarzt Ruedi Thoma sagt. Gleichwohl appelliert Karin Hindenlang an die Selbstverantwortung der Hundehalter: «Wir erwarten, dass sie ihre Tiere im Griff haben.» Sie weiss, dass die Polizei zu wenig Personal hat, um alle Anlagen zu überwachen. «Das wäre ohnehin eine Sisyphusarbeit.»

Totales Hundeverbot als sauberste Lösung

Nicht zuletzt darum nimmt Grün Stadt Zürich jetzt einen Anlauf, Konflikte mit einer neuen Strategie zu verhindern. Diese sieht vor, die Grünräume auf ihre «Hundetauglichkeit» zu überprüfen, wie Karin Hindenlang sagt. «Wir wollen Hundehalter nicht mit einem Leinenzwang auf dem ganzen Stadtgebiet bestrafen.»

Es soll grossräumige Gebiete geben, wo Hunde ohne Leine geführt werden können, wie zum Beispiel entlang der Limmat oder am Katzenbach in Seebach – nach dem Vorbild der Allmend Brunau. Dort dürfen sich Hunde auf einem klar begrenzten Abschnitt frei bewegen. In den Wäldern des Wildschonreviers, wo Hunde jährlich bis zu 15 Rehe reissen, in Naturschutzgebieten sowie in den Parkanlagen der Innenstadt sei ein Leinenzwang weiterhin sinnvoll. «Es könnte sogar sein, dass dort, wo sich viele Kinder aufhalten, künftig ein totales Hundeverbot die sauberste Lösung ist.»

Proteste sind garantiert

Die Erfahrungen auf der Allmend Brunau bestärken Grün Stadt Zürich in der Überzeugung, dass Halter klar ersichtliche Hundezonen schätzen. Das neue kantonale Hundegesetz schlägt ausdrücklich vor, solche Gebiete einzurichten: «Die Gemeinden können Orte signalisieren, die von Hunden nicht oder nur an der Leine betreten werden dürfen.» Darüber hinaus gibt das Gesetz den Gemeinden die Kompetenz, auch «hundefreundliche Zonen» zu bestimmen. Zürich werde solche Sonderzonen nicht von heute auf morgen ausscheiden, sagt Karin Hindenlang. Sind sie einmal im Stadtplan markiert, sei das erst der Start zu heissen Diskussionen. Darum dürfte das Parlament in dieser Sache das letzte Wort haben.

Vorerst aber bleibt verärgerten Eltern oder Spaziergängern nichts anderes übrig, als fehlbare Hundehalter anzuzeigen. Im Jahr 2010 behandelte das Stadtrichteramt 115 Fälle mit Hunden, dieses Jahr waren es bis heute deren 78. Es wurden Bussen bis zu 500 Franken verhängt, sagt Reto Steimer, Stadtrichter- Stellvertreter. In letzter Zeit sei kein Hundehalter mit einem gerichtlichen Freispruch davongekommen. Wie viele Verzeigungen einen Verstoss gegen die Leinenpflicht betreffen, wird laut Reto Steimer statistisch nicht ausgewertet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.12.2011, 07:08 Uhr)

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Wo der Hund an die Leine gehört

Anfang 2010 ist das neue kantonale Hundegesetz in Kraft getreten. Es nimmt die Halter in die Pflicht: «Die Hunde sind so zu beaufsichtigen, dass sie weder Mensch noch Tier gefährden, belästigen oder in der sicheren Nutzung des frei zugänglichen Raumes beeinträchtigen.» Sie müssen auf Bahnhöfen und entlang verkehrsreicher Strassen zwingend angeleint sein. Dies gilt genauso im Bus, im Tram oder im Zug sowie an Orten wie Parkanlagen, die von den Behörden entsprechend signalisiert wurden. Auch in Wäldern und an Waldrändern oder wenn es dunkel ist, sind Hunde an der Leine zu führen. Ein absolutes Hundeverbot gilt auf Friedhöfen, in Badeanlagen, auf Pausenplätzen und Spiel- oder Sportfeldern. In der Stadt Zürich sind 6360 Hunde registriert, in Winterthur nahezu 2900 – und im ganzen Land sind es weit über eine halbe Million, Tendenz steigend.

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