Berührungen in Krisenzeiten

Esoteriker zogen vom Bürkliplatz zum Landesmuseum und umarmten wildfremde Leute. Ein spirituelles Ritual, bei dem es auch um Gott ging.

Umarmungen wie hier an der Wühre sollen Schwingungen erzeugen oder sonst wie gut tun.

Umarmungen wie hier an der Wühre sollen Schwingungen erzeugen oder sonst wie gut tun. Bild: Peter Lauth

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die junge Frau breitet ihre Arme aus und geht strahlend auf einen Passanten zu. In der Hand hält sie ein violettes Plakat mit dem Spruch «Umarmung Gratis». Der verdutzte Mann ist unschlüssig, ob er in die Augen der Frau schauen oder das Plakat noch einmal lesen soll: «Umarmung Gratis?» Schliesslich lässt er sich in die Arme der Frau fallen. Die nette Frau ist ja hübsch. Sein ratloser Blick verrät aber, dass er nicht so recht weiss, wie ihm geschieht. «Tag der Liebe», klärt die Fremde ihn auf. «Wir wollen, dass die Mensch eins werden.»

Die junge Frau gehört zu einem Grüppchen Esoteriker, das sich am Wochenende umarmend vom Bürkliplatz der Limmat entlang zum Niederdorf und Landesmuseum kämpft. Die öffentlichen Liebesbezeugungen sind Programm. «Tag der Liebe – Tag des Einsseins» nennt sich die Aktion des Humanity's Team, das beim Landesmuseum auch Lachyoga und eine Engeldusche – eine Art Ringelreihen – praktiziert. Auch in andern Städten wird der vom Humanity's Team ausgerufene Tag unter dem Motto «Bring dein Licht in die Welt» zelebriert. Mit den Berührungen wollen die Enthusiasten Menschen zusammenführen.

Ob es die Welt kümmert, dass ein paar Esoteriker Passanten berühren? Da sind höhere Gesetze im Spiel, glauben die übersinnlichen Akteure. Für sie sind die Berührungen eine spirituelle Performance, die Schwingungen erzeugen soll. Energien, die sich wie Licht auf alle höheren und tieferen Sphären verteilen und angeblich heilend wirken. Viele der Umarmten wussten indes nicht, wie ihnen geschah. Andere wichen der Berührung aus und schüttelten verständnislos den Kopf. Überraschend viele – vor allem junge Passanten – spielten mit und amüsierten sich. «Wir wollen am Tag der Liebe eins sein», sagten ihnen die Esoteriker immer wieder. Die «höhere Bedeutung» bliebt den Berührten aber verborgen, denn Zeit für Erklärungen blieb keine. Schliesslich wartete der nächste Passant darauf, umarmt zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2008, 22:15 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Nachspielzeit Bratwurst statt Showeinlage

Never Mind the Markets Wie liberal ist die Schweiz?

Werbung

Die Welt in Bildern

Verlockend bunt: Eine Biene landet im Botanischen Garten von München auf der Blüte eines Zitronen-Zylinderputzers. (29. Mai 2017)
(Bild: Sven Hoppe/DPA) Mehr...