Berufsmatur verliert an Beliebtheit

Der Bund möchte die Zahl der Berufsmaturanden um 20 Prozent erhöhen – doch in Zürich geht sie zurück. Dieser Bildungsweg sei zu wenig bekannt, sagt die Bildungsdirektion. Doch das ist kaum der einzige Grund.

Doppelbelastung: Joel Lercher macht eine Lehre mit Berufsmatur in der Schreinerei Schäfer in Dielsdorf. Foto: Reto Oeschger

Doppelbelastung: Joel Lercher macht eine Lehre mit Berufsmatur in der Schreinerei Schäfer in Dielsdorf. Foto: Reto Oeschger

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Das Schweizer Bildungssystem mit Berufslehre, Berufsschule und Berufsmaturität ist derzeit ein Exportschlager. Vor allem osteuropäische Länder wie Bulgarien wollen es kopieren und hoffen auf eine ähnlich tiefe Jugendarbeitslosigkeit wie die Schweiz. Und am Dienstag wirbt Bildungsminister Johann Schneider-Ammann auch im Weissen Haus in Washington für unsere Berufslehre.

Doch hierzulande ist der Aufstieg des dualen Bildungswegs etwas ins Stocken geraten. Die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge nimmt zwar im Kanton ­Zürich noch zu. Doch die Zahl jener Lehrlinge, die auch eine Berufsmatur machen, welche zum Besuch einer Fachhochschule berechtigt, ist seit einigen Jahren rückläufig. 2012 hatten sich insgesamt 1565 Lehrlinge in einer Berufsmittelschule angemeldet. Im letzten Jahr waren es nur noch 1404. Damit machen im Kanton Zürich heute 15,5 Prozent aller Jugendlichen eine Berufsmatur. Der Bund strebt eine Quote von 18 Prozent an.

Marc Kummer, Chef des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, hat für den Rückgang vor allem folgende Erklärung: «Die Eltern kennen die Berufsmatur zu wenig.» Oft seien die Jugendlichen mit der Suche nach einer Lehrstelle schon so stark gefordert, dass sie nicht noch an eine akademische Laufbahn denken würden. Zudem sei es sehr anspruchsvoll und streng, neben der Lehre und den Ansprüchen der Lehrfirma eine Matur zu machen. Zurück­gegangen ist denn auch vor allem die Zahl der Absolventen der Berufsmaturität 1 (BM1), wo die Matur parallel zur Lehre gemacht wird. Bei der BM2, wo die Jugendlichen ihre Matur erst nach der Lehre absolvieren (entweder berufsbegleitend oder Vollzeit), ist der Rückgang moderater: von 1246 auf 1146.

Aufnahmeprüfung zu spät?

Ein weiteres Problem sieht Kummer im Zeitpunkt der Aufnahmeprüfung. Sie findet erst im März statt, wenn die meisten Jugendlichen ihre Lehrverträge bereits unterschrieben haben. Dann ist es nicht immer leicht, die Lehrbetriebe noch von der Berufsmatur zu überzeugen. Immerhin fehlen die Lehrlinge wöchentlich einen zusätzlichen Tag im Betrieb, was nicht alle Lehrmeister schätzen. Das bestätigt Thomas Hess, Geschäftsführer des kantonalen Gewerbeverbandes (KGV). Dennoch ist der Gewerbe­verband mit dem Kanton darin einig, die Berufsmatur sei zu fördern: «Am Ende profitiert das Gewerbe, wenn der eigene Nachwuchs gut gebildet wird.» Zudem sei es auch im Interesse der Betriebe, wenn man den leistungsstarken Jugendlichen den Weg in eine höhere Berufsbildung oder in eine Fachhochschule offenhalte: «Sonst wollen noch mehr gute Schüler nach der Volksschule ins Gymnasium.»

Geld für innovative Schreiner

Besonders aktiv in der Förderung der Berufsmatur ist der Schreinermeisterverband. Er unterstützt Lehrbetriebe sogar finanziell, wenn sie Lehrlinge einstellen, die eine Berufsmatur machen wollen. Pro Semester gibt es für einen Lehrbetrieb 500 Franken, das ergibt immerhin 4000 Franken für einen Schreinerlehrling, der eine vierjährige Lehre macht. Einer der Lehrbetriebe, die vom Angebot des Verbandes profitieren, ist die Schreinerei Schäfer in Dielsdorf. Doch der Zustupf ist nicht der Hauptgrund, dass Lehrmeister Ueli Laube Berufsmaturanden beschäftigt: «Wir suchen vor allem fähige Handwerkerlehrlinge.» Es sei schwer genug, geeignete Jugendliche zu finden, sagt Laube. Wenn einer eine Berufsmatur machen wolle, kläre sein Betrieb jeweils ab, ob der ­Jugendliche dieser «happigen» Doppelbelastung vier Jahre lang auch standhalten könne.

Lehrmeister Laube hat mit Berufs­maturanden gute Erfahrungen gemacht. Meist seien sie aufgeweckter als die anderen. Derzeit sind in der Schreinerei Schäfer zwei Lehrlinge beschäftigt, die eine Berufsmaturität machen, einer von ihnen hat es sogar aus der Sekundarschule B geschafft und ist nun im dritten Lehrjahr. Laube ist überzeugt, dass die Berufsmatura eine gute Sache sei: «Sie öffnet das Tor zur Welt und auch in andere Berufe.» Ein ehemaliger Schreinerlehrling Laubes hat sich mit seiner ­Matur zum Werklehrer weitergebildet.

Berufsmaturanden sind unter Schreinern trotzdem noch selten. Es gibt viele Firmen, die gerne BM-Lehrlinge einstellen würden, aber keine finden. «Von ­unseren fünf Lehrlingen hatte leider keiner Interesse an der Berufsmatur», sagt etwa Schreinermeister Thomas Hunziker aus Thalwil: «Viele Schreinerlehrlinge freuen sich eben nach der Schule, endlich mehr mit den Händen als mit dem Kopf zu arbeiten.»

Gegen die Akademisierung

Um die Maturandenquote unter den Schreinerlehrlingen zu steigern, ist auch Überzeugungsarbeit bei den Betrieben nötig. Das weiss Marcel Müller, Geschäftsführer des kantonalen Schreinermeisterverbandes. Vor allem kleinere Schreinereien wollten häufig keine ­Berufsmaturanden – weil diese bei der Arbeit öfter fehlten oder weil die Firmeninhaber grundsätzlich gegen die Akademisierung der Handwerksberufe seien. Für Müller ist diese Denkweise kurzsichtig, denn oft seien Berufsmaturanden überdurchschnittlich leistungswillig. Zudem seien es die zukünftigen Kaderleute im Schreinergewerbe.

Um den Rückgang zu stoppen, hat auch der Kanton Massnahmen ergriffen: Eben ist eine neue Infobroschüre für ­Berufsberater, Eltern und Jugendliche erschienen; der Regierungsrat hat die Berufsmatur zum Legislaturziel erhoben. Und auf Bundesebene ist sie ein Schwerpunkt der Bildungspolitik.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2015, 22:11 Uhr)

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Im Gegensatz zur Berufsmatur ist der Zustrom zur gymnasialen Matur ungebrochen. Gemäss Angaben der Bildungs­direktion ist zwar das Wachstum auch bei den Mittelschülerinnen und Mittelschülern kleiner geworden. Dennoch herrscht an den Mittelschulen Platzmangel; eben hat der Regierungsrat den Ausbau der Kantonsschule Urdorf für 50 Millionen beschlossen, und weitere Neubauten sind in der Pipeline. Das Projekt einer Kantonsschule im Knonauer Amt wird allerdings nicht weiterverfolgt.

Die aktuellsten Zahlen der Zürcher Bildungsstatistik stammen aus dem Jahr 2012. Damals gingen 16 700 Jugendliche in ein öffentliches oder ein privates Gymnasium, 800 mehr als zwei Jahre zuvor. Besonders begehrt ist das Profil Wirtschaft und Recht, weniger gesucht sind bei Mädchen wie Knaben die sprachlichen Profile.

Die Mittelschülerquote liegt im Kanton Zürich bei knapp 24 Prozent. Am höchsten ist sie in den reichen Gemeinden am rechten Seeufer und im Schulkreis Zürichberg. Dort besuchen zwischen 50 und 60 Prozent der Jugendlichen eine Mittelschule. Am höchsten ist die Quote aber in Zumikon, sie lag 2010 bei 62 Prozent. Im Vergleich dazu: Die Quote der Berufsmittelschüler liegt in Zumikon weit unter 10 Prozent. (sch)

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