Beste Forscher und Ärzte zu vertreiben, hat in Zürich Tradition
Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 08.02.2011 17 Kommentare
Direkter Vorgesetzter legte ihm Steine in den Weg: Leberspezialist Eberhard Renner.
Arbeitet mittlerweile in Kanada: Kardiologe Erwin Oechslin.
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Der erfolgreichste Arzt und Forscher, der je am Zürcher Uni-Spital gearbeitet hat, ist wohl Andreas Grüntzig. Was er Mitte der Siebzigerjahre erfand, hat die Medizin revolutioniert: Mit dem Ballonkatheter lassen sich verstopfte Blutgefässe wieder öffnen. Die sogenannte Ballondilatation gilt heute als der häufigste medizinische Eingriff überhaupt. Sie hat Hunderttausende von Menschen vor einem Herzinfarkt bewahrt. Doch der Kardiologe Grüntzig musste in die USA auswandern, um seine Erfindung weiterentwickeln zu können. In Zürich verweigerte man ihm die nötigen Ressourcen.
Als der «Tages-Anzeiger» im Dezember über einen Professor berichtete, den das Uni-Spital und die Universität in seiner Forschung behindert und geschädigt hatten, sprach der Uni-Rektor von einem Einzelfall, was nicht zutreffend war: Gesternpublizierte der TA einen zweiten Fall. Und damit ist die Liste von Forschern und Ärzten, die von ihren Chefs beschnitten oder hinausgedrängt wurden, noch lange nicht zu Ende. In den letzten Jahren haben Dutzende von Oberärzten und Leitenden Ärzten das Uni-Spital verlassen, weil ihnen eine Karriere verwehrt wurde. Laut Rudolf Reck, Präsident des Verbandes Zürcher Spitalärzte, ist Mobbing gegen aufstrebende Ärzte ein verbreitetes Phänomen. Reck hört immer wieder von gravierenden Führungsproblemen. «Die Hierarchien sind nach wie vor steil.» Nur eine Minderheit der Chefärzte pflege einen partizipativen, offenen Führungsstil.
Der Ärztliche Direktor Urs Lütolf bestätigt, dass das Uni-Spital «akademisch wertvolle Leute verloren hat». Von den 42 Chefärzten seien es aber nur wenige, die ihre Kaderärzte nicht aufsteigen liessen. Für die Weggänge gebe es drei Gründe: klimatische Unstimmigkeiten, finanziell bessere Angebote, die Angst vor einer beruflichen Sackgasse.
Konkurrenzkultur sitzt tief
Bis jetzt haben weder die Spitaldirektion noch der Spitalrat erreicht, eine nachhaltige Teamkultur zu etablieren. Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, dass die Universität in personellen Fragen häufig mitredet: Die Uni bestimmt, wer Professor der Medizin wird – sei es ordentlicher Professor, ausserordentlicher Professor oder Titularprofessor. Damit entscheidet sie über akademische Karrieren und auch darüber, wer Klinikdirektor im Spital wird. Denn diese Position ist jeweils mit einem Lehrstuhl verbunden. Die Konkurrenzkultur im Uni-Spital sitzt tief und hat – wie die Geschichte von Grüntzig zeigt – eine lange Tradition. Der TA hat in der Vergangenheit immer wieder über Fälle berichtet, die in dieser Tradition stehen.
Eine Auswahl
Fall Renner: Der international bekannte Leberspezialist Eberhard Renner ist 2003 nach Kanada ausgewandert, weil sein Chef im Zürcher Uni-Spital, der Gastroenterologe Michael Fried, ihm das Leben schwermachte. Renner war in Zürich sehr erfolgreich, und er wäre gerne geblieben. Unter ihm vervielfachte sich die Zahl der hepatologischen Patienten von jährlich 50 auf 1100, und er trug wesentlich zur Schaffung des Kompetenzzentrums für Leberkrankheiten bei. Doch sein direkter Vorgesetzter legte ihm immer wieder Steine in den Weg. Unter anderem verhinderte er, dass Renner in Zürich zum ausserordentlichen Professor befördert wurde. Eberhard Renner hat nun anderswo Karriere gemacht. Von seinem grossen Wissen und Können profitieren andere. In Kanada ist er ein begehrter Arzt: Nach drei Jahren in Winnipeg ist er an die Universität von Toronto berufen worden, an der er heute das Transplantationsprogramm für den gesamten Bauchbereich leitet. Das Uni-Spital Toronto hat das grösste Leber-Transplantationsprogramm in Kanada, bei den Lebendleber-Verpflanzungen ist es gar weltweit führend.
Fall Oechslin: Zu Erwin Oechslin kamen Patientinnen und Patienten aus der ganzen Schweiz. Ab Ende der Neunzigerjahre hatte der Kardiologe am Uni-Spital etwas für unser Land Einzigartiges aufgebaut: ein Programm für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. 1500 Patienten besuchten seine Sprechstunde. Auf seinem Gebiet ist Oechslin international bekannt – und gefragt. Die Kollegen in Kanada wollten ihn unbedingt. Dass er ihrem Werben schliesslich nachgab, haben sie auch Thomas Lüscher zu verdanken: Der Chefarzt der Kardiologie verweigerte seinem Oberarzt eine Beförderung ebenso wie ein Extraordinariat oder zusätzliche Stellen für das wachsende Programm. Erwin Oechslin hat sein Glück in Toronto gemacht. Seit 2006 leitet er das dortige Zentrum für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler, das eines der grössten weltweit und das älteste überhaupt ist. 1959 gegründet, zählt das Register 13'000 Patientinnen und Patienten. Kardiologen aus aller Welt kommen dorthin zur Weiterbildung, darunter auch solche aus der Schweiz.
Fall Keel: Marius Keel ist ein hervorragender Unfallchirurg. Sein Chef Otmar Trentz, der 2008 pensioniert wurde, hatte ihn als Nachfolger aufgebaut. Keel hat auch den nötigen Forschungsausweis, um Professor zu werden. Doch die Universität lehnte ihn ab und wählte stattdessen Hans-Peter Simmen, den Chefchirurgen des Landspitals Samedan. Keel war einigen Medizinprofessoren zu stark, die selber das Zepter in der Klinik für Unfallchirurgie übernehmen wollten. Mit ihrem Einfluss in der Universität verhinderten sie eine Karriere von Keel in Zürich. Unter Simmen ist die Weiterbildung für junge Unfallchirurgen schwierig geworden, in der Uni-Unfallchirurgie haben jetzt zunehmend die Orthopäden das Sagen.
Häufung von Abgängen
Eine Häufung von Abgängen verzeichnet derzeit der Bereich Nerven und Kopf – ausgerechnet ein Bereich, den die Regierung in ihrer Strategie zur hochspezialisierten Medizin als Schwerpunkt definiert hat und entsprechend aufrüsten liess. 2007 wurde Helmut Bertalanffy Chef der Klinik für Neurochirurgie. Kurz darauf wurde eine Abteilung geschlossen. Deren Leiter, Daniel Jeanmonod, hatte zwanzig Jahre an einer neuen Methode geforscht und stand vor einem möglichen Durchbruch.
Jeanmonod und sein Team führten erstmals Gehirnoperationen durch, ohne die Schädeldecke zu öffnen: Sie schalteten fehlerhafte Nervenzellen mit fokussiertem Hochenergie-Ultraschall aus. Die Methode könnte bei Parkinson, Epilepsie oder Tinnitus helfen. Eine erste klinische Studie verlief erfolgreich und fand weltweit Beachtung. Doch in der Uni-Neurochirurgie hatte es für Jeanmonod keinen Platz mehr. Laut dem Ärztlichen Direktor Urs Lütolf hat die Spitalleitung das so entschieden, weil sie voll auf eine andere Methode setzt – den Hirnschrittmacher.
Wechsel zur Hirslanden-Klinik
Nur gut ein Jahr blieb Robert Reisch bei Bertalanffy. Der deutsche Shootingstar unter den Neurochirurgen war nach Zürich geholt worden, um eine neue Arbeitsgruppe aufzubauen. Ende 2009 wechselte er in die Hirslanden-Klinik. Ihm folgten drei Kaderärzte der Neurologie. Sie verliessen das Uni-Spital mehr oder weniger freiwillig. In der Uni-Klinik für Neurologie herrscht dem Vernehmen nach unter Chefarzt Michael Weller nicht der beste Umgangston. Lütolf dementiert dies und erklärt die Abgänge damit, dass der neue Chef die Philosophie geändert habe: Statt Generalisten wolle er Spezialisten.
Inzwischen ist auch Helmut Bertalanffy nicht mehr im Uni-Spital. Zu seinem Abgang gibt es unterschiedliche Aussagen. Insider erzählen, er sei «Knall auf Fall» weg gewesen, die Spitalleitung habe ihn loshaben wollen. Lütolf sagt: «Er hat von sich aus gekündigt.» Bertalanffy selber nennt als Anlass seines Weggangs «ein sehr ansprechendes Angebot» des internationalen Neurowissenschaftlichen Instituts in Hannover. Der Uni-Rat hat die Trennung von Bertalanffy letzte Woche nachvollzogen. Bis Ende Semester hält der deutsche Professor noch Vorlesungen in Zürich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.02.2011, 22:42 Uhr
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17 Kommentare
Dass Akademiker resp. Mediziner in Ihrer Karriere das Spital oder die Klinik wechseln, ist völlig normal. Die Ressourcen der Uni sind begrenzt und sie kann nicht jedem talentierten Forscher beliebig Personal, Räume und Mittel zur Verfügung stellen. Deshalb wird ein Forscher dann an eine andere Uni berufen. Der Mobbing Skandal mit Veruntreuung von SNF-Geldern hingegen ist wirklich eine Schweinerei! Antworten

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