Blaue Zone sorgt für rote Köpfe

Die Zahl unvermieteter Privatparkplätze in Zürich ist hoch. Für die Stadt ist das ein Grund mehr, Parkplätze in der Blauen Zone abzubauen. Doch die Bürgerlichen stemmen sich dagegen.

Ein dringliches Problem? Leere Parkplätze in der Stadt Zürich. Foto: TA-Archiv

Ein dringliches Problem? Leere Parkplätze in der Stadt Zürich. Foto: TA-Archiv

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Auf Zürcher Stadtgebiet wird es immer schwieriger, private Parkplätze zu vermieten. «Je zentraler die Leute wohnen, desto eher verzichten sie auf ein Auto», sagt Pascal Reinhard von der Bruppacher Verwaltungs AG am Zürcher Bellevue. «Vor allem bei älteren Mehrfamilienhäusern gibt es oft mehr Parkplätze als von den Mietern benötigt.» Schilder, auf denen ein Parkplatz feilgeboten wird, sind vor allem in den Aussenquartieren fast überall zu sehen. Gemäss einer Studie des Tiefbauamts stehen rund 10 Prozent der Wohnparkplätze in Zürich leer. Die neue Parkplatzverordnung, die gerade erst vom Kanton genehmigt wurde, schreibt dennoch vor, dass jeder Bauherr eine Mindestanzahl neuer Parkplätze erstellen muss.

Kein Widerspruch

Das städtische Tiefbauamt sieht zwischen der Auflage, beim Bau von Wohnungen Privatparkplätze zu erstellen und dem bestehenden Überangebot keinen Widerspruch. «Dass es ein Überangebot von Privatparkplätzen gibt, wissen wir seit Jahren», sagt Erich Willi, Projektleiter Verkehrsplanung im Tiefbauamt. «Die neue Parkplatzverordnung verlangt deswegen im Normalfall auch nur noch 1 Parkplatz pro 120 Quadratmeter Wohnfläche. In der alten PPV war ein Parkplatz pro 100 Quad­ratmeter Pflicht.» Ausserdem seien die Gebiete, in denen aufgrund des guten ÖV-Angebots ein niedrigerer Pflichtbedarf gelte, ausgeweitet worden.

Das grosse Angebot an privaten Parkplätzen entspricht laut Willi der Zielrichtung der Zürcher Verkehrspolitik und den Vorgaben des kantonalen Planungs- und Baugesetzes. Danach sollen Privatfahrzeuge zunehmend auf privatem Raum Platz finden. «Der öffentliche Raum wird dadurch für andere Nutzungen frei. Anstelle der Blauen Parkzonen können Alleen oder Radwege entstehen», sagt Willi. Die Nutzung des ehemaligen Parkraums für andere Bedürfnisse entspreche dem Konzept Stadtverkehr 2025, das mehr Fuss- und Veloverkehr und attraktivere städtische Räume zum Ziel habe.

Bei den Bürgerlichen stösst der Abbau von Parkplätzen der Blauen Zone auf harsche Kritik. «Diese Parkplätze werden von Leuten gebraucht, die nicht im Quartier wohnen, aber dort zum Beispiel regelmässig ihre Eltern besuchen oder gar pflegen», erklärt Albert Leiser, Direktor des Zürcher Hauseigentümerverbands und FDP-Gemeinderat. Leiser sind vor allem Genossenschaften ein Dorn im Auge, deren Parkplätze leerstehen und deren Bewohner die Parkplätze in der Blauen Zone okkupieren. «Wer in einer Baugenossenschaft wohnt und ein Auto hat, muss verpflichtet werden, einen der Genossenschaftsparkplätze zu mieten. Denn die Parkplätze auf der Strasse werden von anderen Nutzern gebraucht», sagt Leiser.

Auch für die SVP kommt der Abbau von Parkplätzen in der Blauen Zone nicht infrage. «Ich kann nur hoffen, dass der neue Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger der autofeindlichen Politik des Stadtrats ein Ende bereitet», sagt Mauro Tuena, SVP-Fraktionschef im Gemeinderat. «Wenn die Stadt tatsächlich Parkplätze in der Blauen Zone abbaut, werden wir uns vehement dagegen wehren.» Die Behauptung, es gebe ein Überangebot von Privatparkplätzen, ist für Tuena völlig aus der Luft gegriffen. «Die Stadt macht ständig irgendwelche Studien, die der Bekämpfung des motorisierten Individualverkehrs dienen», sagt Tuena. «Ich möchte einmal wissen, wo es dieses Überangebot geben soll. Ich kenne genug Leute, die einen Parkplatz mieten wollen, aber keinen finden.»

Laut Tuena zeigen offizielle Zahlen der Stadt, dass für die Kreise 3, 4 und 5 mehr Parkkarten verkauft werden, als es dort Parkplätze gibt. «Wenn man Parkplätze abbaut, führt das zu noch mehr Suchverkehr. Das wäre ein absoluter Schwachsinn. Man vergisst, dass der motorisierte Individualverkehr einen wesentlichen Beitrag zu einer gut funktionierenden Volkswirtschaft leistet.»

Seinen Kontrahenten im grünen Lager geht der Abbau der Parkplätze auf öffentlichem Grund dagegen viel zu langsam. Ginge es nach dem grünen Gemeinderat Matthias Probst, würden die Parkplätze in der Blauen Zone abgebaut, ohne durch Privatparkplätze ersetzt zu werden. «Eine Tiefgarage kann bis zu 20 Prozent der Baukosten ausmachen», sagt er. «Diese Investitionen werden über die Mieten hereingeholt, egal, ob jemand einen Autoabstellplatz braucht oder nicht.» Die Gebühren für die Parkplätze in der Blauen Zone würden die Kosten für das Land, auf dem sie stehen, nie und nimmer decken. Laut Probst sollte es in der Stadt grundsätzlich nur noch Parkplätze für den Güterumschlag oder für Menschen mit körperlichem Handicap geben.

Halbherziger Rückbau

Probsts Parteikollege Markus Knauss begrüsst zwar die Absichtserklärung der Stadt, Parkplätze in der Blauen Zone abzubauen. Er hat aber den Eindruck, dass die Stadt ihre eigenen Ziele nicht umsetze. «In der Bertastrasse sollte eine Komfortroute für Velos entstehen. Die Stadt hat aber nicht den Mut gehabt, die Blaue-Zone-Parkplätze aufzuheben, um den nötigen Platz zu schaffen», sagt der Gemeinderat und Verkehrspolitiker. Das sei begründet worden mit Bäumen, die nicht gefällt werden sollten. Doch an der ganzen Bertastrasse habe es auf beiden Seiten Parkplätze. Eine Komfortroute wäre seiner Ansicht nach problemlos machbar. «Wenn Parkplätze nicht einmal in einem Quartier aufgehoben werden, wo heute zwei Drittel der Haushalte kein Auto mehr haben, fragt sich, wie ernst es die Stadt mit der Umsetzung ihres Verkehrskonzepts meint.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2014, 07:26 Uhr

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