Casting für Strassenmusiker
Von Martin Huber. Aktualisiert am 05.01.2010
Bereicherung oder Ärgernis? An Strassenmusikern scheiden sich die Geister. (Bild: TA)
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Strassenmusik ist in der Stadt Zürich seit 1992 nur in den citynahen Seeuferanlagen erlaubt, einzelne Auftritte dürfen zudem höchstens 20 Minuten dauern. Dies wollen die Jungen Grünen ändern. Vor knapp drei Jahren haben sie dazu zwei Vorstösse eingereicht. Diese sind nun für die Gemeinderatssitzung von morgen Mittwoch traktandiert.
Nicht mehr nur am Seeufer
Die Motion der Ex-Gemeinderäte Pascal Pauli und Bastien Girod verlangt, dass Strassenkunst künftig auf allen öffentlichen Plätzen und in Pärken erlaubt sein soll und die Darbietungen eine Stunde dauern dürfen. An heiklen Stellen wie dem Niederdorf oder der Bahnhofstrasse sollen nach Londoner Vorbild speziell markierte «Spielterritorien» eingerichtet werden. Auch muss die Nachtruhe eingehalten werden.
Daneben regen Pascal Pauli und Gemeinderat Matthias Probst per Postulat die Einberufung einer städtischen Kommission an, in der sich Vertreter der Kulturförderungsstelle auftrittswillige Strassenmusiker anhören und ihnen - je nach Qualität der Darbietung - eine Bewilligung erteilen.
Strassenmusiker seien eine kulturelle Bereicherung für die Stadt, begründet Gemeinderätin Christina Hug die Vorstösse ihrer Partei. Strassenkunst sei Kultur, die den Staat wenig bis gar nichts koste. Sie stelle zudem eine «soziale Beschäftigung» dar und könne eine wichtige Verdienstmöglichkeit sein. Dass Strassenmusik in breiten Bevölkerungskreisen beliebt ist, zeigten auch die 1800 Unterschriften, welche die Jungen Grünen 2006 innerhalb von bloss 15 Tagen für eine Strassenmusik-Petition gesammelt hatten.
Ein städtisches Gütesiegel für Strassenmusiker hält Hug ebenfalls für angebracht. Die Bewilligung durch eine Fachjury biete Gewähr, dass gewisse künstlerische und aufenthaltsrechtliche Vorgaben eingehalten werden. Eine Kommission aus Vertretern der Kulturförderungsstelle könne zudem bedeutend besser über den Wert künstlerischer Darbietungen urteilen als Polizeistellen.
Mehr als die Tonleiter als Muss
So müssen Strassenmusiker derzeit etwa in Genf und Winterthur zu einem Casting auf dem Polizeiposten antraben, um dort ihr Können zu demonstrieren. In Winterthur erhalten die Strassenkünstler von der Gewerbepolizei nur eine Bewilligung, wenn sie mehr als die Tonleiter spielen können.
Doch beim Stadtrat stossen die Grünen mit ihren Forderungen auf taube Ohren. Er lehnt die Motion ab, wobei er vor allem mit dem Ruhebedürfnis von Anwohnern und Gewerbetreibenden argumentiert.
Stadtrat: Recht auf Ruhe
Es möge zutreffen, dass Teile der Bevölkerung, namentlich als Passanten in der Freizeit, oder auch Touristen Strassenmusik geniessen, schreibt die Stadtregierung. In gleichem Masse sei aber zu berücksichtigen, dass Anwohner ein Recht auf Ruhe haben und Gewerbetreibende ihre Tätigkeit «mehrheitlich gern ungestört von permanenter akustischer Berieselung ausüben möchten». Letztere fühlten sich zudem oft durch Ansammlungen vor ihren Schaufenstern belästigt.
Strassenmusikanten, so der Stadtrat weiter, nähmen zudem oft weit über 1000 Franken am Tag ein, was eine gewerbliche Nutzung des öffentlichen Grundes bedeute. Der Stadtrat sieht deshalb keinen Anlass, die jetzige Regelung für Strassenmusik zu ändern. Die heutige Praxis habe sich bewährt. Auch auf den Vorschlag, die zeitliche Beschränkung der Darbietungen von zwanzig Minuten auf eine Stunde zu erweitern, will er sich nicht einlassen.
Kritik von FDP und SP
Von einer Prüfungskommission für Strassenmusiker hält der Stadtrat ebenfalls wenig: Weil eine solche die Zahl der Reklamationen kaum verringern könnte. Selbst gefällige Musik könne zum Ärgernis werden, «wenn man gezwungen ist, sie zu Hause oder während der Arbeit stundenlang, wiederholt und ungefragt anhören zu müssen».
Auch bei anderen Parteien stösst die Forderung nach einer Jury für Strassenmusiker auf wenig Gegenliebe. Für die FDP löst dies das Problem nicht, wie Fraktionschef Michael Baumer sagt. Dieses liege weniger in der Qualität als in der Quantität von Strassenmusik. Zudem sei staatlich verordnete Kunst problematisch. Solche Castings seien keine Aufgabe des Staates, «das kann das Fernsehen machen».
Auch die SP lehnt für einmal einen Kulturvorstoss ab: «Bürokratisch, falscher Ansatz», meint Fraktionschefin Min Li Marti.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.01.2010, 17:05 Uhr



