Containerdorf für Kreative ist ausgebucht

Von Werner Schüepp. Aktualisiert am 26.09.2009

In der Binz ist eine Siedlung aus Containern entstanden, die jungen Kleinunternehmern und Künstlern einen günstigen Platz zum Arbeiten bietet. Das Projekt ist auf zwei Jahre befristet.

Bereits kommen Touristen: Jan Herzik von Veloblitzbikes im «Basislager» an der Räffelstrasse in Wiedikon.

Bereits kommen Touristen: Jan Herzik von Veloblitzbikes im «Basislager» an der Räffelstrasse in Wiedikon.
Bild: Peter Lauth

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Der Journalist Jürg Vollmer ist ganz aus dem Häuschen und hat eigentlich keine Zeit für die TA-Anfrage. Er sitzt in einem Pulk von 50 russischen Kolleginnen und Kollegen im Bundeshaus beim Empfang des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Trotzdem mailt er aus der Pressekonferenz: «Das Basislager ist einfach einmalig. Ich organisiere noch einige originelle Mieter für ein Gespräch, denn ich bin mit meinem Pressebüro von Anfang an dabei und fühle mich hier sehr wohl.»

Mit dem Basislager ist ein Camp aus 135 Containern gemeint, die seit letztem Februar etappenweise auf einem Stück Brachland in der Binz in Wiedikon aufgestellt wurden. Das 5400 Quadratmeter grosse Stück Land gehört dem Versicherungsunternehmen Swiss Life, das dort zu einem späteren Zeitpunkt ein neues Büro- und Verwaltungsgebäude bauen will. Bis es so weit ist, hat man sich für eine Zwischennutzung des Industriegeländes entschieden.

Stadt ist fast ein wenig neidisch

Nachdem die Bausektion des Stadtrats Ende 2008 die Bewilligung erteilt hatte, zogen im April die ersten Mieter in die mobilen Container. Darunter befinden sich Firmen und Privatpersonen aus den Sparten Architektur, Kunsthandwerk, Mode, Fotografie, Film und Webdesign. Aber auch ein Reisebüro, ein Velomechaniker und ein chinesischer Therapeut sind dabei. Im Juni konnte der zweite Block eröffnet werden und jetzt steht das für Zürich einmalige Projekt vor seinem letzten Schritt: Musiker, Sänger und Steinbildhauer nehmen auf den 1. Oktober die letzten 42 Container in Beschlag.

Aus der unkonventionellen Idee ist ein voller Erfolg geworden. «Wir sind komplett ausgebucht. Alle Container sind vermietet», sagt Iris Vollenweider, die bei Fischer Liegenschaften Management für die Vermietung zuständig ist. Das verwundert nicht, ist doch die Nachfrage nach kleinräumigen, bezahlbaren Gewerberäumen in Zürich seit Jahren sehr gross.

Laut Vollenweider spricht das Containerdorf vor allem junge Leute an, die nicht viel Geld haben und trotzdem ihr eigenes Geschäft gründen möchten. «Die Verwaltung wurde dermassen mit Anfragen überhäuft, dass sie Wartelisten anlegen musste. Wir hätten viel mehr Container aufstellen können.» Dies sei aber nicht geplant, man wolle das Grundstück nicht mit Containern «zupflastern».

Bei der Stadt zeigt man sich erfreut über die Entstehung des Basislagers. «Wir sind fast ein wenig neidisch, dass ein solch tolles Zwischennutzungsprojekt aus privater Initiative entstanden ist», sagt Rahel Kamber von der Wirtschaftsförderung der Stadtentwicklung. Aus dem Areal sei in den vergangenen Monaten ein Treffpunkt für junge Kreative geworden.

400 Franken Miete pro Monat

Das Erfolgsrezept des Containerdorfes ist schnell erklärt: Ein 25 Quadratmeter grosser Ateliercontainer kostet mit Heizung 400 Franken Miete pro Monat, alle Mietverträge sind auf zwei Jahre beschränkt. «Wir haben die Container ohne Komfort im Rohzustand angeboten», sagt Iris Vollenweider, «mit den wichtigsten sanitären Einrichtungen sowie einem Internetanschluss». Wer mehr will, beispielsweise die Wände streichen, muss selber aktiv werden. Für die Verpflegung steht auf dem Areal eine Imbissbude, und auch die nötige Infrastruktur wie Zufahrten, Parkplätze, Wasser, Strom und Briefkästen ist vorhanden.

Swiss Life hält an Überbauung fest

Containermodule als Bauelemente erleben zurzeit eine Renaissance. Sie sind mobil, günstig und stylisch, sodass selbst Touristen aus der ganzen Welt in Wiedikon vorbeischauen. «Sie bestaunen und fotografieren das Lager», sagt Jan Herzik, der im Basislager in der Velowerkstatt Veloblitzbikes arbeitet. Ihm gefällt es hier, ebenso wie Geschäftsführer Luzian Relly. Der Standort sei gut. Seit der Eröffnung im Juli wachse die Zahl seiner Kundschaft wöchentlich. Dazu zählen Leute aus dem Basislager, aber immer häufiger auch aus der Umgebung. Relly: «Das Containerdorf lebt. Man besucht sich gegenseitig und tauscht sich aus. Es ist eine Gemeinschaft entstanden.»

Schade sei nur, dass alle Container vermietet seien, aber dennoch ein Fünftel ungenutzt und leer herumstehe. Den Grund kann er sich nicht erklären. «Wahrscheinlich ist es in der heutigen Zeit cool, einen Container zu besitzen», vermutet er. Für Daniela Bretscher waren die tiefen Mietpreise ein Grund, ins Basislager zu ziehen und eine Galerie zu eröffnen. Die 43-jährige Kunsthistorikerin ist ständig auf der Suche nach billigen Räumen. «Ich kann mir keine Galerie im Niederdorf leisten», sagt sie. Es gefalle ihr, dass Container für einmal nicht für Asylunterkünfte oder Schulprovisorien gebraucht werden, sondern für eine temporäre Arbeitssiedlung. «Schade ist nur, dass bereits nach zwei Jahren alles vorbei ist.»

Daran mag Philip Hofmänner noch gar nicht denken. Der 28-jährige Animationsfilmer hat mit einem Fotografen zusammen die Firma Trixer gegründet und profitiert vom kreativen Umwelt. Das Geschäft sei zwar eher langsam angelaufen, aber er habe Durchhaltewille. Mit einem Fotografen teilt er sich einen Container. Er ist überzeugt: «Der Mietvertrag ist befristet, aber bis Swiss Life mit den Bauarbeiten beginnt, vergehen bestimmt fünf Jahre.»

Dies kann Zeno Geisseler, Mediensprecher der Swiss Life, nicht bestätigen. «Die Mietverträge laufen bis im Juni 2011.» Ob es dann zu einer Verlängerung kommt, lässt er offen. Swiss Life plane in der Binz aber definitiv eine Überbauung, das Containerprojekt sei von Beginn an nur als eine Zwischenlösung gedacht gewesen.

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Erstellt: 26.09.2009, 04:00 Uhr

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