Das Budget-Taxi aus Bangkok wird für Zürich zur Option
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Es gibt tatsächlich einen Ort, wo eine neueste Mercedes-Limousine genau gleich viel kostet wie ein zehnjähriger Kleinwagen: den Zürcher Taxistand. Wer dort ansteht, bekommt das Auto, das zufällig gerade zuvorderst ist. Was das für eines ist, hat auf den Preis der Fahrt keinerlei Einfluss. Grund dafür sind die einheitlichen Taxitarife – ein Stadtzürcher Sonderfall.
Markt statt Einheitspreise
Doch damit ist nun Schluss. Wie vor einer Woche bekannt wurde, hat das Bundesgericht entschieden, dass die Einheitspreise nicht rechtens sind. Nicht die Politik solle die Tarife bestimmen, sondern der Markt. Gestern Freitag nun hat das Polizeidepartement der Stadt Zürich bekannt gegeben, dass die bisherigen Taxitarife nur noch Höchstpreise sein dürfen, von jedem Taxibetrieb aber unterschritten werden könne. Die heutigen Tarife: Grundtaxe 6 Franken, Kilometerpreis 3.80 und eine Stunde Wartezeit 69 Franken.
Das Gerichtsurteil bringt die Zürcher Taxibranche in Bewegung. Für Patrick Rauber, Geschäftsführer von Alpha-Taxi, eröffnen sich damit neue Horizonte. Im Geist sieht er heute schon teure Premium-Taxis neben günstigen Budget-Taxis durch die Stadt fahren – je nachdem, was gerade gewünscht ist.
Rauber dirigiert eine Flotte von 350 Fahrzeugen und hält es für denkbar, dass zur neuen Holzklasse künftig auch Gefährte gehören könnten, die in unseren Breitengraden bislang bestenfalls als Jux taugten: dreirädrige Autorikschas, auch Tuk-Tuks genannt, wie sie Asienreisende aus Bangkok oder Delhi kennen. Dort sind sie eine günstige Alternative zu regulären Taxis.«Das ist jetzt auch bei uns ein Thema», sagt Rauber, der laufend nach potenziellen Fahrzeugen sucht und dabei den Blick auch auf ausländische Grossstädte richtet. Etwas zurückhaltender ist sein Konkurrent von Taxi 444, Grégoire Allet. Auch er hält günstige Rikscha-Taxis für «grundsätzlich denkbar».
Tuk-Tuk: Flink, aber lärmig
Für Zürich sind das neue Töne. Als kürzlich ein Jungunternehmer ankündigte, in der Stadt Rikschas einzuführen, betonte er noch explizit, dass es ihm nicht darum gehe, ins Taxigeschäft einzusteigen. Er denke vielmehr an Plauschfahrten für Touristen. Seine Gefährte wären allerdings auch kaum konkurrenzfähig gewesen, werden sie doch vorwiegend mit Muskelkraft betrieben.
Das ist bei den zeitgenössischen Modellen aus Asien anders. Diese sind mit Zwei- oder Viertaktmotoren ausgerüstet und erreichen Geschwindigkeiten, mit denen sie sich in der Innenstadt nicht hinter Autos verstecken müssen. Die Kehrseite der Medaille: Sie sind nicht nur flink, sondern auch lärmig, unsicher und noch dazu veritable Dreckschleudern. Alles Probleme, die gelöst sein müssten, bevor Motorrikschas auf Schweizer Strassen verkehren dürften, wie es beim Bundesamt für Strassen auf Anfrage heisst. Das sind sie bereits, behauptet das deutsche Unternehmen Tuk Tuk Europa, das entsprechend umgebaute Rikschas aus Thailand für den europäischen Markt verkauft. Noch einen Schritt weiter geht die niederländische Tuk Tuk Factory, die ihre Gefährte mit Elektromotoren ausrüstet, die diese auf maximal 50 km/h beschleunigt.
Amsterdam, Berlin...Zürich?
Solche E-Tuk-Tuks sind zwar mit 15'000 Euro in der Anschaffung dreimal so teuer wie ein Benziner, dafür kostet der Treibstoff dreimal weniger. Sie sind zudem leiser und sauberer. Über Amsterdams Strassen rollen sie bereits, Berlin soll bald folgen, und auch für die Schweiz ist ein Importeur gefunden: Vier Jungunternehmer aus dem Berner Oberland kündigen an, die E-Tuk-Tuks ab Herbst hierzulande anzubieten – und zwar explizit auch für Taxifirmen. Bevor diese in Zürich fahren dürften, müsste die Stadt allerdings die Vorschriften anpassen.
Patrick Rauber schätzt den möglichen Marktanteil von Motorrikschas auf etwa 10 Prozent. Er sieht sie vor allem als trendiges Nahverkehrsmittel für die Innenstadt. Aber er warnt vor überzogenen Erwartungen an den Preis: «Nur jeder vierte Franken, den ein Taxifahrer verlangt, investiert er in Auto und Treibstoff», sagt er. Das heisst: Auch wenn er mit einem E?Tuk-Tuk diese Ausgaben reduzieren könnte und auch wenn er die gesamte Ersparnis an den Passagier weitergäbe, würde eine Fahrt, die heute 20 Franken kostet, kaum billiger als 17 Franken.
Vorteil für Hybridautos
Ein Fragezeichen setzen die Taxiunternehmer beim Komfort in den Rikschas – nicht zuletzt, was den Fahrer anbelangt. Dass dieser nur mit einer Plane vor der Witterung geschützt ist, könnte im Winter lange Wartezeiten zur Tortur machen. Ein Nachteil der Tuk-Tuks ist auch, dass ihre Reichweite mit einer Batterieladung auf 80 Kilometer beschränkt ist. Als Sparmodell seien Hybridautos geeigneter als Rikschas, glaubt Grégoire Allet.
Auch sein Konkurrent Rauber hat mit Hybridautos gute Erfahrungen gemacht: Die Fahrzeugkosten liessen sich damit spürbar senken. Die Flotten beider Taxiunternehmen bestehen schon heute zu etwa 20 Prozent aus solchen «Ökotaxis». In Zürich gelten zudem für energieeffiziente Taxis reduzierte Standplatzgebühren.
So oder so: Ohne den Willen der Taxiunternehmer führen flexible Tarife nicht zu günstigeren Fahrpreisen, das zeigt Winterthur. Dort waren – anders als in Zürich – nie Einheitstarife vorgeschrieben. Trotzdem verrechnen praktisch alle Taxifahrer den erlaubten Maximalpreis. Von Budget-Taxis keine Spur. Das könnte damit zu tun haben, dass Taxifahrer ohnehin nicht besonders gut verdienen. Es könnte auch mit Vorlieben zu tun haben, wie mit derjenigen des Winterthurer Platzhirschs Thommy Schönenberger. Er halte nichts von Rikschas und Hybridautos, sagt der Taxiunternehmer: «Ich fahre lieber Mercedes-Diesel.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.06.2011, 06:44 Uhr
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