Das Leben als Gott ist ein Knochenjob
Von Florian Leu. Aktualisiert am 26.08.2009
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Gott trägt ein Hemd ohne Markenzeichen und ein Lächeln ohne Verfallsdatum. Er kommt in Jeans, und sein Händedruck ist sanft. Gott zuckt mit den Schultern und überlegt lange, bevor er antwortet. Oder er lacht und schweigt, dann sagt er: «Das weiss ich nicht so genau.»
Theo Jansen, 61 Jahre alt, jugendlich wie ein 16-Jähriger, früher Physiker, heute Künstler, nennt sich Gott. Er hat Geschöpfe geschaffen, die aus dem Inventar des Baumarkts bestehen: Plastik und Klebeband, Nylonfaden und Kabelbinder. Auf Hollands einzigem Hügel hat er eine Werkstatt. Hier baut er seine Strandbiester, die aussehen wie Rieseninsekten mit Dutzenden von Beinen. Sie brauchen keinen Strom, keinen Treibstoff; ihre Nahrung ist der Wind. In einem Riesensandkasten machen die Biester ihre ersten Schritte, dann lässt Jansen sie an Hollands Stränden herumwuseln. Kommt ein Sturm auf, bohren sie ihre Nasen in den Sand, um nicht weggefegt zu werden. Weht der Wind zu stark, kippen sie um, und Jansen muss ihnen wieder auf die Beine helfen. Er kann sie keine fünf Minuten allein lassen, sonst laufen sie ins Meer und ertrinken. Seit 19 Jahren arbeitet er fast jeden Tag an ihnen, und nachts staksen sie durch seine Träume. Er will sie so gut machen, dass sie irgendwann ohne ihn auskommen. «Vielleicht gelingt das nie», sagt er, «ich weiss es nicht so genau.»
Tokio, Zürich, Youtube
Heute hält Jansen eine Rede im Kunstraum Walcheturm. Der Anlass ist seine erste Einzelausstellung in der Schweiz. Er hat nur ein paar seiner Strandbiester mitgebracht – der Rest reist zurzeit durch Japan und Südkorea. 30'000 Leute sahen die Ausstellung in Tokio, 600 besuchen jeden Tag Jansens Internetsite, auf Youtube finden sich ebenso viele Filme über die Strandbiester. Für Jansen ist es das Schönste, die Gesichter der Leute zu sehen, wenn sie zum ersten Mal die Biester beobachten. Die meisten lächeln, einige streicheln oder umarmen sie, und einmal sah Jansen, wie eine Frau eins von ihnen küsste.
Hoffen auf den Zürcher Wind
In Zürich werden sich die Wesen unwohl fühlen – so fern von ihrer windigen und sandigen Heimat. Dennoch wird Jansen im Hof der Kaserne ein Biest aussetzen, in unserem Land ohne Strand. Er hofft auf Wind, damit sich das Wesen zu bewegen beginnt und vor den Zuschauern auf und ab wandelt. Wenn kein Wind bläst, wird Jansen das Biest hinter sich herziehen, und es wird so aussehen, als ginge er Gassi mit ihm.
Jansen führt mich durch die Räume im Walcheturm und zeigt auf Skelette am Boden. Hier, sagt er, sehe man die Fossilien seiner Strandbiester. Es sind Wesen der ersten Generation, gebogen vom Wind, gebleicht von der Sonne, auseinandergebrochen nach einem Sturm. Dann geht er auf ein Biest zu, das noch ganz ist, er geht langsam und leise, als pirschte er sich an. Er zieht das Biest durch den Raum, es ächzt und quietscht. Dann schiebt er es zurück und gleitet mit der Hand über die Plastikröhren, aus denen das Wesen gebaut ist. Ein Jahr hat er sich dieses Biests wegen den Kopf zerbrochen, Hunderte von Konstruktionsmöglichkeiten durchdacht. Dutzende Versuche hat er unternommen, um es zum Laufen zu bringen, Dutzende Veränderungen hat er ausgetüftelt, um es leichter, schneller, windfester zu machen. Meist ist er gescheitert.
Das Leben als Gott ist ein Knochenjob. Eigentlich sei er fast immer deprimiert. Doch wenn Jansen aufwacht, kommt ihm oft eine Idee. Dann ist er glücklich. Bis er in die Werkstatt geht und sieht, dass wieder nichts war. «Gott hatte Milliarden von Jahren», sagt Jansen, «ich habe nur ein paar Jahrzehnte.»
Ein Werbespot für BMW
Jansen ist ein seltsamer Gott. Einer, der ironisch blinzelt. Einer, der an die Evolution glaubt. Er veranstaltet Rennen zwischen seinen Biestern und wählt jenes aus, das am schnellsten über den Sand stakst. Das entwickelt er weiter und baut Teile von anderen Wesen ein, sei es ein Segel, sei es eine Nase. Zu Beginn seiner Arbeit baute er Roboter, die Sand sammelten und Schutzwälle aufhäuften. Die Strandbiester, die er heute baut, haben keinen Nutzen, doch sie könnten auf Umwegen zu Erfindungen führen. Jansen glaubt, dass sich die Weise, wie sich die Biester bewegen, auf Roboter übertragen lässt. Die könnten den Reisbauern auf ihren Feldern die Arbeit erleichtern – ohne Strom, ohne Treibstoff, nur mit Wind.
Ein Teil der Evolution besteht darin, dass die Strandbiester nun auf der Stufe des Kommerzes angekommen sind. Erst drehte BMW einen Werbespot mit Jansen, dann kamen die Biester im Kleinformat auf den Markt, als Spielzeuge. Die Evolution geht weiter: Als Nächstes will Jansen den Wesen einen Fühler geben, damit sie vor dem Wasser zurückschrecken. Später will er sie dazu befähigen, vor Stürmen zu fliehen und sich in der Nähe von Dünen zu verstecken. Er baut und bastelt seine Wesen immer allein, arbeitet Monate an ihnen, bis sie fertig sind. Früher hatte er Assistenten, heute macht er alles selbstständig. Einigen Leuten hat er gezeigt, wie sie seine Arbeit eines Tages fortführen können. Vielleicht werden seine Viecher irgendwann tatsächlich einmal allein unterwegs sein. Ganz ohne ihren Gott. Und so aussehen, als wären sie vor den Menschen schon da gewesen.
27. 8. bis 6. 9.: Theo Jansens Strandbiester, Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20. Vorträge von Jansen: Heute um 20 Uhr, morgen Freitag um 12.30 Uhr; Tickets: www.digitalbrainstorming.ch – siehe auch «züritipp». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.08.2009, 21:05 Uhr



