Zürich

Das Leiden der Pflegenden

Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 30.04.2011 24 Kommentare

Der Druck steigt, die Qualität sinkt: Das Personal prangert die Arbeitsbedingungen in Zürcher Spitälern an – indem es ungefiltert aus seinem Alltag berichtet.

«Leider ist die Pflege aufgrund von Personalkürzungen
oftmals nicht einmal mehr gut»: Pflegerinnen versorgen eine Patientin in einem Akutspital.

«Leider ist die Pflege aufgrund von Personalkürzungen oftmals nicht einmal mehr gut»: Pflegerinnen versorgen eine Patientin in einem Akutspital.
Bild: Keystone

Kommentar

Alarmzeichen ernst nehmen

Wer schon einmal im Spital war, wer Angehörige im Spital hatte, der weiss: Für das Wohlbefinden ist die Pflege das Wichtigste. Noch wichtiger als das Essen. Fühlt sich die Patientin aufgehoben, weil regelmässig jemand nach ihr schaut? Hat die Pflegefachfrau Zeit, sich ein wenig zum Patienten zu setzen und mit ihm zu reden? Hilft sie ihm zwischendurch mal aus dem Bett und geht ein paar Schritte mit ihm, damit er nach der Operation wieder auf die Beine kommt? Solche Dinge sind auch für eine möglichst rasche Genesung zentral. Es nützt nichts, einem Patienten das neuste Modell einer Hüft-prothese einzusetzen, wenn die Pflegenden danach keine Zeit für die Mobilisation haben.

Was Pflegefachleute aus Zürcher Spitälern berichten, ist erschreckend. Sie sind manchmal derart unter Druck, dass es gefährlich wird für die Patienten. Solche Situationen können zwar auch im besten Spital vorkommen, wenn sich Notfälle häufen. Wenn sie aber zum Normalzustand werden, wie dies offenbar auf manchen Abteilungen der Fall ist, dann stimmt etwas nicht. Noch ist die Pflege in den Zürcher Spitälern meist gut. Doch die Alarmzeichen müssen ernst genommen werden.Wir alle wollen, wenn wir sie einmal brauchen, eine gute Pflege. Eine gute Pflege braucht Zeit. Und Zeit ist Geld. Wer ein Gesundheitswesen auf hohem Niveau will, muss bereit sein, dafür zu zahlen. Die Zürcher Spitäler tun viel, um ihre Effizienz zu steigern. Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr ohne Abstriche an der Qualität geht. Dessen sollten sich jene bürgerlichen Kantonsräte bewusst sein, die den Akutspitälern in der nächsten Budgetdebatte salopp einfach mal 250 Millionen streichen wollen.


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«Unsere Pflegequalität ist gut», steht im Leitbild eines grossen Zürcher Akutspitals. Oder auch: «Professionelle Pflege ist eine Wissenschaft und eine Kunst. Sie wird im Rahmen berufsethischer Grundsätze ausgeführt.» Die Realität an der Front sieht anders aus. «Leider ist die Pflege aufgrund von Personalkürzungen oftmals nicht einmal mehr sicher, geschweige denn gut», sagt eine Pflegefachfrau, die in diesem Spital arbeitet. «Die Leute werden verheizt.»

Die Frau hat Episoden aus ihrem aufreibenden Berufsalltag zu Papier gebracht. Sie war nicht die Einzige: Erstmals in ihrer 20-jährigen Geschichte hat die «Aktion Gsundi Gsundheitspolitik» (AGGP) gleich von mehreren Mitgliedern Erfahrungsberichte erhalten – unaufgefordert. Sie künden von prekären Arbeitssituationen in Zürcher Akutspitälern und Pflegeheimen.Die Lobby des Gesundheitspersonals, die im Jahr 2000 die grossen Protestpausen organisiert hat und für bessere Arbeitsbedingungen in den Spitälern kämpft, hat die Texte in einem «Schwarzbuch» veröffentlicht. Die Herausgeberin kennt alle Autorinnen und weiss, auf welchen Stationen sie arbeiten. Im Buch bleiben sie aber anonym.

Das Tempo nimmt zu

Die AGGP will mit dieser Publikation der Bevölkerung einen ungefilterten Einblick gewähren – und eine Debatte lancieren. «Die Spitäler betonen ständig, wie gut sie für den Wettbewerb gewappnet sind», sagte Vorstandsmitglied Susi Wiederkehr gestern vor den Medien. Ausgeklammert werde dabei, was der steigende Spardruck für die Qualität bedeute. «Stellen werden nicht ersetzt oder abgebaut, das Tempo nimmt zu und die Pflegenden können sich nicht einmal mehr eine Essenspause leisten.»

Ein schlechtes Zeugnis stellen die Pflegenden auch ihren Vorgesetzten aus. Es fehlt oft an Anerkennung. Teils offen, teils verdeckt werde das Personal stattdessen aufgefordert, schlechtere Arbeit zu leisten. Oder besser zu delegieren. Wiederkehr: «Das entspricht aber nicht unserem Berufsverständnis, wie man mit Patienten umzugehen hat.» Früher habe es zwischen dem Kader und seinen Untergebenen «am Bett» einen Grundkonsens über gute Pflege gegeben, sagt Heinrich Tobiska von der AGGP. Heute übernehme dagegen schon das untere und mittlere Kader die kostenorientierte Optik der Spitalleitung. «Von oben werden sie unter Druck gesetzt, von unten hören sie nur Vorwürfe: Das ist eine bedenkliche Entwicklung.» Gegensteuer lasse sich nur geben, wenn Pflegefachleute bis in die obersten Führungsorgane vertreten sind.

Spitäler bewegen sich auf Abwärtsspirale

«Die Pflegenden in Spitälern, Heimen und bei der Spitex leiden – und das haben sie in ihren Berichten zum Ausdruck gebracht», sagt Pierre Gobet, Dozent an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Lausanne. Er spricht gar davon, dass die Leute an der Front inzwischen einer «strukturellen Gewalt» ausgesetzt seien, weil sie sich täglich im Spannungsfeld zwischen Managementlogik und Berufsphilosophie aufreiben.

Das ernüchternde Fazit der AGGP: «Die Zürcher Spitäler bewegen sich auf einer Abwärtsspirale, die sich nächstes Jahr mit der flächendeckenden Einführung der Fallpauschalen noch schneller drehen wird.» Angesichts des drohenden Pflegenotstands sei das fatal. «Wenn Pflegende am Limit sind, steigt nicht nur die Gefahr von Burn-outs. Es wandern auch gut ausgebildete Fachkräfte in andere Berufe ab», sagt Pflegefachfrau Sonja Bächi.Ihre AGGP-Vorstandskollegin Susi Wiederkehr fordert deshalb, dass die Spitalarbeit wieder entschleunigt wird und die Pflegenden ihre verdiente Anerkennung bekommen – vor allem beim Lohn und auch bei der Weiterbildung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2011, 13:03 Uhr

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24 Kommentare

Fred Kramer

30.04.2011, 14:24 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Da jetzt die Grenzen offen sind und billiges Pflegepersonal aus den Ostländern hierherkommt, haben die Pflegeberufe nichts mehr zu sagen und werden zu den selben Konditionen arbeiten müssen, wie es die Zuwanderer tun.
Bedankt Euch bei unseren Politikern.
Der Patient wird froh sein, wenn die Kosten dadurch sinken werden.
Antworten


Marc Peer

30.04.2011, 13:14 Uhr
Melden 23 Empfehlung

"Die Spitäler sind für den Wettbewerb gewappnet."
Für welchen Wettbewerb eigentlich? Das Buhlen um reiche Zahlungskräftige Kunden? Was genau bringt diese Ideologie eigentlich bei Spitälern? Die Leistungen von und Anforderungen an Spitäler sind doch seit Jahrzehnten dieselben, bloss die wirtschaftlichen und politischen Dogmen haben sich geändert. Hat sich damit irgendwas zum Besseren gewendet?
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