«Das Lifting ist gelungen – man merkt nichts»
«Tagi bleibt Tagi bleibt Tagi»: Peter Rothenbühler, Mitglied der Direktion des Verlagshauses Edipresse.
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Sie wollen meine Meinung zum neuen Tagi? Schwierig, denn der Tagi ist meine Lieblingszeitung. Aber ich sag schon (und trotzdem oder gerade deshalb), was ich denke: Das Lifting ist total gelungen; man merkt nichts. Ich meine, nach zwei Tagen wird niemand mehr wissen, wie der Tagi vorher ausgesehen hat. Das war doch wohl die Absicht, oder? Tagi bleibt Tagi bleibt Tagi, und das ist die wichtigste Message des neuen Designs: Man ist mit sich selbst eher zufrieden. Sonst hätte man ja radikalere Schritte gewagt.
Aber schauen wir uns die kleinen Änderungen doch mal näher an. Auch das Tagi-Lifting hält meinem Lieblingsvergleich mit der Wandlung der «Financial Times» von einem tristen Traditionstitel zu einer anmutigen, modernen Qualitätszeitung mit Pep nicht aus. Eher mutlos hat man die Anpassung angepackt. Nur die Agenda kommt wirklich frisch daher.
Farbenspiel: «Mutig, aber nicht unbedingt richtig»
Und echt mutig, wenn auch für eine ernsthafte Zeitung nicht unbedingt richtig, ist dieser Gag mit dem Farbenspiel: Merkel trägt lila, dann macht man den Zierbalken oben auch lila. Wow! Das Inserat «Gebären in Geborgenheit» auf Seite 17 ist grasgrün, also braucht Schaad in seiner Zeichnung exakt das gleiche Grün. Hurra! Aber warum nur? Hat man nur die eine Schmuckfarbe zur Verfügung, findet man das originell? Ist das ein Angebot an Inserenten: wenn du mit einem blauen Volvo kommst, kriegst du die Merkel auch blau?
Was sehe ich zuerst, wenn ich die Zeitung vor mich hinlege? Die Seite eins ist ärmer als vorher. Der Zeitungskopf eher schwer bepackt, unaufgeräumt. Das Datum darf doch nicht wie ein gleichwertiges Element des Anrissbalkens daherkommen. Das verwirrt. Dann dieser Trennstrich. Titel soll man unterstreichen, wenn nötig, aber sicher nicht überstreichen, und wenn schon, dann nicht so nahe. Diese Trennstriche über den Seitentiteln geben mir Kopfweh. Ein Titel muss Raum haben, vor allem oben (Siehe NZZ).
Frontseite erinnert an Bluewin-Homepage
Was mir fehlt, ist der Kommentar auf Seite eins, ich habe ihn immer gerne gelesen. Gerade weil die Seite eins ein prominenter Ort ist. Und so etwas wie die Visitenkarte der Zeitung. Man kann nicht «mehr Analyse», «mehr Eigenleistung» und «setzen von Schwerpunkten» predigen und das einzige Element, das auf Seite eins eine journalistische Visage hat, den Kommentar, wegnehmen. Es bleiben dann eigentlich auf dieser Seite eins nur noch Nachrichten und ein Bild. Das ist doch genau das, was ich auf der Bluewin-Homepage auch habe.
Ein Kommentar auf Seite zwei ist sicher auch gut, aber ich lese erstens nach wie vor lieber vertikal als horizontal und die Seite zwei ist nun mal nicht die Seite eins. Sie ist harmloser, aber ich verstehe schon, dass die Redaktion nicht mit dem Zwang leben will, zum Aufmacherthema der Eins einen Kommentar zu schreiben, aber der Leser hat es geschätzt, gerade dies hat der Zeitung eine gewisse Einmaligkeit gegeben. Aber lassen wir die Sache erst mal anlaufen. Auf die Inhalte kommt es an. Und die werden über die nächsten Wochen zu beobachten sein.
NZZ und Tagi gleichen sich immer mehr
Ich hab jetzt den Tagi noch kurz neben die neue NZZ gelegt. Und es wurde mir fast schwindlig: die beiden sehen sich – von Lausanne aus gesehen - immer ähnlicher. Beide haben nur minimale Veränderungen vorgenommen, beide halten am sehr vom Deutschen inspirierten Konservatismus des Zeitungsdesigns fest. Warum? Da fahren doch zwei riesige Schiffe voll aufeinander zu. Noch eine Reform auf beiden Seiten, und man kann sie fusionieren.
*Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Peter Rothenbühler gebeten, den neuen «Tages-Anzeiger» unter die Lupe zu nehmen. Rothenbühler ist derzeit Mitglied der Direktion beim Verlagshaus Edipresse. Er war in seiner Laufbahn unter anderem Chefredaktor der Westschweizer Tageszeitung «Le Matin», zuvor stand er unter anderem der Redaktion der «Schweizer Illustrierten» vor.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.09.2009, 22:54 Uhr



