Das Maushaus im Hönggerberg

Nach vier Jahren Bauzeit ist die moderne Labortieranlage an der ETH Zürich fertig. Jetzt beginnen die Reinigungsarbeiten, bevor dort Mäuse für Tierversuche gezüchtet und gehalten werden.

Hier werden die Käfige vollautomatisch gewaschen und mit Streu gefüllt: Ein Teil der Tieranlage im neuen ETH-Gebäude, die Platz für 40'000 Labormäuse hat.

Hier werden die Käfige vollautomatisch gewaschen und mit Streu gefüllt: Ein Teil der Tieranlage im neuen ETH-Gebäude, die Platz für 40'000 Labormäuse hat. Bild: Dominique Meienberg

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Der Lift fährt drei Stockwerke hinunter in den Untergrund des Hönggerbergs auf dem Gelände der ETH Zürich. Denn das neue Lehr- und Forschungszentrum der molekularen Gesundheitswissenschaften mit seinem prunkvollen Skelettbau aus Stahlbeton und grossen Fenstern hat auch einen grosszügigen unterirdischen Bereich. Dort befindet sich die zentrale Einheit für tierexperimentelle Forschung. Dieser Ort ohne jegliches Tageslicht wurde extra so ausgewählt, weil Labormäuse am Tag im künstlichen Dämmerlicht aktiv sind.

«Mäuse sind in der Forschung immer noch unerlässlich, um grundlegende naturwissenschaftliche Prozesse und Einflussfaktoren etwa bei Krebs oder Diabetes zu verstehen», sagt Wilhelm Krek, der Leiter des neuen Forschungsgebäudes. Durch die fachübergreifende Technologieplattform habe man jetzt eine erstklassige Infrastruktur und könne in der Lifesciences-Forschung im internationalen Wettbewerb an der Spitze mithalten.

Ziel der Forschung ist es etwa, verschiedenste Arten von Tumoren anhand einer Blutuntersuchung zu diagnostizieren und zu charakterisieren. «Dies ist uns vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit Zellbiologen, Proteinforschern, Informatikern und Medizinern bei Prostatakrebs gelungen», sagt Krek. «Und zwar nur, weil wir zuerst das Gen Pten im Modellorganismus Maus getestet hatten und danach bestimmte Proteine als Indikator für die Krankheit im Blut des Patienten identifizieren konnten.» Das Verfahren müsse nun noch in grösseren klinischen Studien auf seine Zuverlässigkeit geprüft werden.

Das Maushaus soll nicht von Anfang an voll sein

Bisher befinden sich noch keine Mäuse im Tierhaltungsbereich des neuen Gebäudes, da erst die aufwendigen Reinigungsarbeiten abgeschlossen werden müssen. Dies ist wichtig, damit keine Krankheitserreger die Nager infizieren können. «Aus diesem Grund werden zuerst alle Räume mit Wasserstoffperoxid begast, danach mit Formaldehyd gereinigt und anschliessend über längere Zeit mit gefilterter Luft durchströmt», sagt Daniel Emmenegger, der Projektleiter für den Bau ist. Die Vorschriften seien sehr streng und würden einem hohen Sicherheitsstandard entsprechen.

Der neue Tierhaltungsbereich bietet Platz für bis zu 40'000 Nager und ist in vier Funktionseinheiten unterteilt. Derzeit hat die ETH Zürich rund 20'000 Labormäuse an verschiedenen Standorten. «Die Tierversuche mit Mäusen werden in Zukunft in der Grundlagenforschung wieder zunehmen», sagt Markus Stauffacher, Tierschutzdelegierter der Leitung ETH Zürich.

«Denn durch die Entschlüsselung des Genoms und Fortschritte in der Gentechnik lassen sich Fragestellungen, die in Computersimulationen und Gewebsuntersuchungen entwickelt worden sind, heute am Organismus Maus gezielt überprüfen.» «Wir werden die tierexperimentelle Forschung in den kommenden Jahren Schritt für Schritt ausbauen», betont Krek. Denn man wolle nicht, dass das Maushaus schon von Anfang an voll sei. Man habe extra eine grössere Dimension gewählt, damit dort maximal 40'000 Nager gehalten werden könnten.

In Quarantäne verpaart

Die rund 3000 Quadratmeter grosse Tieranlage auf dem Hönggerberg ist von der Aussenwelt vollständig abgeschirmt. Hermetisch dichte Barrieren trennen die einzelnen Haltungseinrichtungen. «Jetzt ist die letzte Gelegenheit, die Räume noch zu besichtigen», sagt Emmenegger. Danach hätten nur noch berechtige Personen mit einem speziellen Badge Zutritt. Dieser sei individuell programmiert, sodass man nicht überall hinein könne. Hinzu komme, dass man nur über WLAN, Telefon und Pager Kontakt mit der Aussenwelt haben könne. Und persönliche Sachen wie Handys dürften aus hygienischen Gründen nicht mit reingenommen werden.

Wer in den Tierhaltungsräumen arbeitet, muss in einer Umkleidekabine einen Overall, Mundschutz, Haube, Handschuhe und Schuhüberzieher anziehen. Danach folgt eine Dusche, die entweder mit Luft aus 30 Düsen oder mit Wasser erfolgt. Männer und Frauen haben separate Personenschleusen. Überdruckzonen sorgen dafür, dass Luft in der Anlage nur vom reinen in den unreinen Bereich gelangen kann und nicht andersherum. Öffnet man eine Tür, werden alle anderen automatisch verriegelt, und man muss einen Moment warten, bis man seines Weges gehen kann.

Kommt Material oder Ware von aussen, muss es deshalb erst einmal mit Hilfe eines Autoklaven sterilisiert werden. Und Versuchstiere, die aus einer anderen Tieranlage stammen, werden in Quarantäne isoliert gehalten und dort verpaart. Kurz nach der Befruchtung entnehmen Experten dann die Embryonen und schleusen sie in die saubere Tieranlage ein, wo sie letztlich in Leihmütter transferiert werden.

Gebäude kostete 112 Millionen

Im Käfig werden die Mäuse nach international anerkannten Standards gehalten. In einem Raum mit rund zwanzig Quadratmeter Fläche werden ihre durchsichtigen Plastikkäfige in Gestellen übereinandergestapelt, sodass dort ein paar Hundert Mäuse gehalten werden können. «Sie werden von geschulten Tierpflegern versorgt», sagt Stauffacher. Die Mäuse haben in ihrem Käfig ein Häuschen als Rückzugsraum und erhalten neben Einstreu regelmässig ein Kleenextuch, um sich dort ihr Nest zu bauen.

Unmittelbar über den Tierhaltungsräumen befindet sich ein Geschoss, voll- gestopft mit Technik, und darüber ein Raum mit vollautomatischer Waschstrasse und Streuabfüllmaschine. Wie in der Industrie werden hier die Getränkeflaschen entleert, geputzt und gefüllt. Oder Käfige in Körben gewaschen und wieder mit frischer Streu ausgestattet. Seit September 2012 arbeiten in dem 112 Millionen Franken teuren Gebäude bereits ein Dutzend Forschungsgruppen.

Direkt mit der Zucht beginnen

In der Tieranlage ist derzeit der Probebetrieb in Gang, der Mitte Mai zu Ende geht. «Wenn alles nach Plan läuft, kommen die ersten Mäuse im Juni oder Juli an», sagt der Immunologe Manfred Kopf, der für die Planung der Tieranlage mitverantwortlich ist. «Sie werden mithilfe künstlicher Befruchtung in den USA gezüchtet, wo wir an eine spezialisierte Firma tiefgefrorenes Sperma von mehr als 400 verschiedenen, gentechnisch veränderten Mausstämmen aus unseren Labors geschickt haben.»

Im Alter von sechs Wochen gelangen die Tiere mit dem Flugzeug nach Zürich. «Um sicher zu gehen, dass sie frei von jeglichen Krankheitserregern sind, haben wir diesen grossen Aufwand betrieben», erklärt Kopf. Deshalb müssten sie auch nicht mehr in Quarantäne. Und man könne gleich direkt mit der eigenen Zucht beginnen, sodass die ersten Tierversuche vermutlich im Herbst stattfinden würden.


Laborbesuche im neuen Forschungshaus anlässlich der Veranstaltung «Treffpunkt Science City»: So, 24. März, ab 11 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2013, 10:15 Uhr

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