Zürich

Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


«Das Monaco am Zürichsee»

Aktualisiert am 13.07.2011 163 Kommentare

Mehr Markt als Mittel gegen die angespannte Lage am Immobilienmarkt? Das Beispiel Zürich zeige, dass damit nicht einmal mehr der obere Mittelstand eine Wohnung fände, sagt Ökonomin Jacqueline Badran.

Lassen sich bald nur noch ganz Reiche in der Limmatstadt nieder? Blick über Zürichs Innenstadt.

Lassen sich bald nur noch ganz Reiche in der Limmatstadt nieder? Blick über Zürichs Innenstadt.
Bild: Keystone

Kämpft gegen Auswüchse am Immobilienmarkt: Ökonomin und Gemeinderätin Jacqueline Badran.

Hochbaudepartement widerspricht Schellenbauer

Der Avenir-Suisse-Forscher Patrik Schellenbauer macht für einen Teil des Zürcher Immobilienproblems die Stadt verantwortlich. Es werde zu wenig gebaut, «weil man in Zürich eine Dichteaversion hat (…) das schlägt sich in der Bauordnung nieder», so Schellenbauer. Der Infochef des Hochbaudepartements, Urs Spinner, entgegnet: «Das ist falsch. Die Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich hat noch sehr viel Baureserve.» Und auch den Vorwurf der Dichteaversion will er nicht stehen lassen: «Das stimmt nicht. Es gehört zu unserer erklärten Strategie, das verdichtete Bauen in der Stadt zu fördern.» Es sei allerdings eine grosse Herausforderung für die Planung, Dichte ins Bauen zu bringen und gleichzeitig die Qualität des Wohnens zu halten. Dass in Zürich zu wenig gebaut wird, dem stimmt Spinner indirekt zu: «Was gebaut wird, wird gleich wieder weggefressen.» Und: «Man könnte mehr bauen. Es steht den Privaten frei, hier aktiv zu werden. Spinner verweist aber auch auf die Probleme, welche die Bautätigkeit mit sich bringt: «Es geht auch um die Verträglichkeit des Bauens. Durch die Bautätigkeit darf die Lebensqualität nicht zu stark beeinträchtigt werden.»

Ungern gesehene Zweitwohnungen in Zürich

Ein Problem – wenn auch nicht das grösste –, das zur angespannten Situation im Zürcher Immobilienmarkt beiträgt, sind die Zweitwohnungen. «Wir haben in Zürich zunehmend ein Problem mit Zweitwohnungen. Das ist eine Entwicklung, die wir nicht gerne sehen», sagt der Infochef des Zürcher Hochbaudepartements, Urs Spinner. Taten in diesem Bereich fordert Badran: «Wir müssen die Zweitwohnungen in Zürich und den Agglomerationen dringend kontingentieren. Diese nehmen den Leuten Wohnraum weg, und die Besitzer zahlen weder Einkommensteuern noch nehmen sie am gesellschaftlichen Leben teil. Und die Lex Koller muss verschärft werden.»

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«Wenn wir jetzt nichts machen, dann ist der Mittelstand draussen. Ausser diejenigen, welche eine Genossenschaftswohnung haben. Und dabei meine ich auch den oberen Mittelstand, also Haushaltseinkommen ab 12'000 Franken im Monat.» Das sagt Jacqueline Badran, Zürcher SP-Gemeinderätin und Nationalratskandidatin.

Badran ist Ökonomin und beschäftigt sich seit Jahren mit den Mechanismen des Immobilienmarktes. Was gestern Avenir-Suisse-Forscher Patrik Schellenbauer in einer Studie vorgestellt und in einem grossen Interview im «Tages-Anzeiger» ausgeführt hat, gefiel ihr gar nicht. Der Forscher plädiert für mehr Markt und weniger Regulierung im Immobiliensektor. Statt gemeinnützigem Wohnungsbau stellt er direkte Hilfe für einkommensschwache Haushalte zur Debatte. Die Argumentationskette von Schellenbauer sei «ökonomisch nicht haltbar», so Badran.

Braucht es Durchmischung überhaupt?

Schellenbauer untersuchte auch die Gründe für die angespannte Situation auf den Immobilienmärkten in den Ballungszentren. Und dann sagte er Sätze wie: «Als Ökonom möchte ich Sie fragen: Was ist genau der Nutzen dieser Durchmischung für die Allgemeinheit?» Ein Stich ins Wespennest.

Mit Durchmischung ist das Zusammenleben verschiedener sozialer Schichten in einem bestimmten Lebensraum gemeint. In diesem Fall der Stadt Zürich, auch wenn Schellenbauer seine Aussage auf «gewisse Quartiere» bezog. Die Angst in bestimmten Kreisen ist gross, dass in Zürich nur noch Menschen – seien das Neuzuzüger oder Wohnungswechsler – mit hohen Einkommen eine neue Bleibe finden. Zwar gibt es noch immer einen grossen Prozentsatz an Menschen, die verhältnismässig günstig wohnen. Mit der Fluktuation wird sich dieser Anteil aber über die Jahre hinweg verkleinern.

Immogesellschaften die treibende Kraft

Für die derzeitige Entwicklung, wie sie sich in der grössten Schweizer Stadt, aber auch beispielsweise in Genf manifestiert, macht Badran einen doppelten Strukturwandel verantwortlich: «Einerseits haben sich die Anbieter professionalisiert und globalisiert. Immer mehr börsenkotierte Immobiliengesellschaften und Fonds drängen in den Markt. Andererseits gibt es immer mehr sehr zahlungskräftige Nachfrager. Die Einkommensschere macht sich klar bemerkbar.»

Bekämpfen will sie die Entwicklung im Zürcher Immobilienmarkt mit einer Initiative, über die im Herbst abgestimmt wird. Darin fordert sie eine Erhöhung des gemeinnützigen Wohnungsbaus auf 33 Prozent. Derzeit sind es 25 Prozent. Ohne die Stiftungen und Genossenschaften, die nicht gewinnorientiert wirtschaften, sieht Badran schwarz für Zürich: «Wir werden das Monaco am Zürichsee.» Die Mieten würden dramatisch steigen, der Druck auf die Einkommen massiv zunehmen. «Das ist ein volkswirtschaftlicher GAU.»

Der Vorteil der Genossenschaften

Die Ökonomin nimmt dabei aber auch die Stiftungen und Genossenschaften in die Pflicht. Diese müssten aggressiver am Markt auftreten. Sie sollten sich Land für neuen Wohnraum sichern, auch wenn der teuer sei. «Dann zahlt man halt für eine 4,5-Zimmer-Wohnung einen Anfangspreis von 3500 Franken, und es wohnt vielleicht eine WG darin. Aber diesen Preis hat man auch in 20 Jahren noch, und dann kann sich das auch eine Familie leisten.» Am freien Markt würde die Anfangsmiete 4000 Franken betragen, weil man immer noch die Gewinne mitzahlen müsse. Und in 20 Jahren würde der Preis bis 6500 Franken hochgehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2011, 16:51 Uhr

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163 Kommentare

Nikolai Prawdzic

13.07.2011, 19:25 Uhr
Melden 101 Empfehlung 0

Und wieder einmal will uns Avenir Suisse sagen, wohin's gehen soll,was die richtigen Rezepte sind. Die Antwort, die ist immer dieselbe:"Der Markt wird's schon richten."Das hören wir seit ihrem neoliberalen Vordenker Friedman. Wohin's führt:Ein paar Bonzen werden immer reicher, zahlen immer weniger Steuern, die Schere öffnet sich immer weiter... Und wer verliert? Die grosse Mehrheit. Antworten


Mario Metzler

13.07.2011, 17:10 Uhr
Melden 98 Empfehlung 0

"dene wos guet geit
giengs besser
giengs dene besser
wos weniger guet geit
was aber nid geit
ohni dass's dene
weniger guet geit
wos guet geit" Mani Matter
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