«Das Nagelhaus ist keine triste Hütte» – «Schön ist sie also schon gar nicht!»

Die Kontroverse um ein Kunstprojekt am Escher-Wyss-Platz: Der Grüne findet das geplante Nagelhaus eine «sehr, sehr gute Investition» – in den Augen des SVPlers ist sie völlig unnütz.

Sind sich gar nicht einig: Bernhard Piller (links) und Mauro Tuena diskutieren, was für den Escher-Wyss-Platz am besten ist.

Sophie Stieger

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Herr Tuena, Sie müssten Feuer und Flamme für das Nagelhaus sein, denn die Stadt schlägt damit drei Fliegen mit einer Klappe: Es ist ein Restaurant, es ist Kunst, und es erhöht die Sicherheit am Escher-Wyss-Platz. Wirtschaftlicher kann man Steuergelder kaum einsetzen.
Tuena: Wir sprechen von einem Betrag von 5,9 Millionen Franken. Für dieses Geld kann man eine Luxusvilla bauen. Das Restaurant wird von der Stadt massiv subventioniert, und zur Sicherheit trägt das Nagelhaus nichts bei. Man kann mitnichten sagen, es sei ein Glücksfall für den Steuerzahler

Piller: Von den 5,9 Millionen gibt die Stadt aber nur die Hälfte für Kunst aus. Der Rest sind kapitalisierte Kosten, denn die Betreiber von Restaurant, Kiosk und Bancomat zahlen Miete. Sagen wir jetzt Nein zum Nagelhaus, bleibt der Platz über Jahre leer. Wenn die SVP auf ihren Plakaten schreibt, «5,9 Millionen für e Schiissi» frage ich mich, ob ihr in den nächsten Jahren gar kein WC wollt.

Tuena: Das grenzt ja an Erpressung. Wenn ihr Nein sagt, haben wir kein WC. Im Notfall kann man wie am Sihlquai für wenig Geld als Übergangslösung ein mobiles WC hinstellen. Ihr wollt die 5,9 Millionen einfach «ums Verroden» ausgeben. Die Kosten müssen wir schon noch etwas genauer anschauen. Der Bodenpreis ist darin nicht einkalkuliert, der Restaurantpächter wird mit einer nicht marktkonformen Miete subventioniert. Das verzerrt den Wettbewerb!

Ja, schauen wir die Kosten genauer an. Die SVP schreibt auf Plakaten «5,9 Millionen für e Schiissi». Damit führt sie das Volk bewusst in die Irre.
Tuena: Man hat immer davon gesprochen, dass es an diesem Ort ein WC braucht. Deshalb muss alles, was noch hinzukommt, selbsttragend sein. Faktisch geben wir also 5,9 Millionen für ein WC mit etwas Ware drum herum aus.

Weshalb gönnen Sie einem lärmbelasteten Quartier nicht, dass es ein Wahrzeichen bekommt?
Tuena: Das Quartier bekommt mit dem Nagelhaus weder einen Lärmschutz, noch wird es dadurch aufgewertet. Das Nagelhaus ist einfach völlig unnütz! Und das wollen wir in einer Zeit bauen, in der die Stadt weiss Gott kein Geld hat. Ich verstehe nicht, weshalb man die Mittel nicht braucht, um tatsächliche Probleme zu lösen. Die gleiche Stadtregierung, die 5,9 Millionen für ein Nagelhaus ausgeben will, will aus finanziellen Gründen keine zusätzlichen Polizisten einstellen, um die Sicherheit zu erhöhen und ihre Überstunden nicht auszahlen.

Piller: Ich sage einfach: Die 5,9 Millionen sind sehr, sehr gut investiertes Geld. An einem Ort, der sensibel ist, der über Jahre geschunden wurde, will sich die Stadt engagieren und etwas bauen, das den Leuten gefallen wird. Stellen wir uns vor, die Stadt würde nur noch das absolut Notwendige tun und es gäbe gar nichts Besonderes mehr!

Tuena: Aber wie sagt man es der Bevölkerung, dass die Stadt 5,9 Millionen für Kunst ausgeben will, aber keinen Rappen mehr hat, um zusätzliche Polizisten anzustellen?

Wenn das Nagelhaus den Platz auch nachts belebt, braucht es vielleicht weniger Polizisten.
Tuena: Das glauben sie ja selber nicht. Wegen des Nagelhauses braucht die Stadt nicht einen Polizisten weniger.

Herr Piller, das Nagelhaus wirkt wie eine triste Hütte. Ist sie imstande, diesen tristen Platz aufzuwerten?
Piller: Also erstens ist es aus unserer Sicht keine triste Hütte.

Tuena: Schön ist sie also schon gar nicht!

Piller: Es ist eine spannende «Hütte», und vor allem ist es ein Haus, das schief in dieser sonst so akkurat ausgerichteten Betonlandschaft steht. Es ist mutig von der Stadt, dass sie etwas zu bauen wagt, das eine Provokation, ja einen Widerstand in sich trägt, nämlich gegen diese unsinnige Brücke, die das Quartier zerschneidet. Und das alles mit einem Nutzen zu verbinden, mit dem Restaurant, mit dem Kiosk, das finde ich stark.

Tuena: Wenn man diese Brücke weghaben will, dann muss man nicht irgendwelche Nagelhäuser bauen, sondern den Waidhaldentunnel. Dann kann man die Brücke abreissen, und das ist es schliesslich, was die Bevölkerung will.

Herr Piller, weshalb kann die Stadt nicht einfach ein Restaurant, einen Kiosk und ein WC auf den Platz stellen? Muss immer alles gestaltet, immer alles Kunst sein?
Piller: Natürlich muss nicht alles Kunst sein. Aber es gibt eine Regel, nach der 1 Prozent der Bausumme für Kunst eingesetzt werden soll. Nimmt man alles zusammen – Escher-Wyss-Platz, Sanierung Hardbrücke und Tram Zürich-West – dann ist man deutlich unter 1 Prozent.

Ist es nicht zynisch, wenn diereiche Stadt Zürich mit dem Leid einer chinesischen Hausbesitzerin Kunst macht?
Piller: Diesen Schluss kann man nicht ziehen. Das betrifft nur ein Element des Nagelhauses, nämlich den Widerstand einer Restaurantbesitzerin gegen eine Grossüberbauung.

Tuena: Aber was hat das mit Zürich zu tun?

Piller: Es geht nicht nur um Zürich. Das Projekt zeigt, dass wir in einer globalisierten Welt leben, in der Ideen ausgetauscht und miteinander kombiniert werden. Auf diese Weise kann wieder etwas Neues entstehen. Daher finde ich das Nagelhaus ein spannendes Projekt.

Das Nagelhaus, so schwärmenBefürworter, werfe die Frage auf, was zuerst da war: Brücke oder Haus. Das hat etwas Pseudohaftes – im Alltag wollen die Leute einfach rasch von A nach B kommen.
Tuena: Ja, am Anfang wird man ein paar Mal hinschauen, und nachher sind die chinesischen Glaslampen nur noch eine Einladung an die Vandalen zuzuschlagen. Ich möchte ja nicht wissen, wie das Haus nach einem Jahr aussehen würde.

Piller: Das sehe ich anders. Erfahrungen zeigen, dass Städte Vandalismus verhindern können, wenn sie ein Gebiet sorgfältig gestalten und dafür auch Geld in die Hand nehmen. Der Platz wird aber von einer unterschiedlichen Klientel frequentiert: von Pendlerinnen und Pendlern, von Menschen, die in den Ausgang gehen. Auch Touristinnen und Touristen sind eingeladen zu verweilen. Die könnten sich die Frage schon stellen, ob die Brücke oder das Haus zuerst da war.

Tuena: Ist euch das 5,9 Millionen Franken wert?

Piller: Sie beharren sehr auf den 5,9 Millionen. Dabei betreibt die SVP selber eine unglaublich widersprüchliche Politik: Einmal will sie sparen und dann wieder Geld verschleudern. Das zeigt sich schön bei den kommenden Abstimmungsvorlagen. Beim Nagelhaus wollt ihr sparen, dafür befürwortet ihr, dass die Stadt Geld verschleudert, indem sie das Stück Land an der Pfingstweidstrasse viel zu günstig verkauft. Der Investor muss sich nicht einmal verpflichten, günstige Wohnungen zu bauen. Es ist nicht Aufgabe der Stadt, Land zu verscherbeln.

Tuena: Ist es denn Aufgabe der Stadt, auf Kosten der Steuerzahler irgendwelchen Fantasten Gelegenheit zu geben, sich selber zu verwirklichen?

Das Nagelhaus könnte tatsächlich über die Schweiz hinaus ausstrahlen und Touristen anziehen. Darüber wäre das Gewerbe auch nichtunglücklich, Herr Tuena?
Tuena: Ich will dann den Touristen sehen, der wegen dieses Nagelhauses nach Zürich kommt. Bis man die 5,9 Millionen amortisiert hat, müssten Hunderttausende kommen und hier zünftig konsumieren. Die Stadt hat einfach zu viele Ideen, was man noch alles bauen könnte: chinesische Nagelhäuser, Hamburger Hafenkräne – es würde mich nicht wundern, wenn die Tiefbauvorsteherin auch noch eine amerikanische Freiheitsstatue rekonstruieren wollte – alles auf Kosten der Steuerzahler.

Piller: Bereits der Schiffbau strahlt über die Schweiz hinaus. Wenn wir jetzt ein zweites solches Objekt haben, steht dies der Stadt sehr gut an.

Was würden Sie sonst amEscher-Wyss-Platz bauen?
Tuena: Es ist völlig unbestritten, dass der Platz nicht leer bleiben soll. Das verträgt es nicht. Ein Kiosk, ein WC und ein Restaurant, wo man im Sommer auch draussen sitzen und eine Bratwurst essen kann, das genügt. Das kann die Stadt aber viel günstiger haben.

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Erstellt: 04.09.2010, 09:19 Uhr

So soll es aussehen: das Nagelhaus
am Escher-Wyss-Platz.

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Die Positionen

Bernhard Piller – Befürworter

Der Grüne Bernhard Piller ist Projektleiter bei der Schweizerischen Energiestiftung mit Spezialgebiet Klima und fossile Energien. Er politisiert seit 2004 im Zürcher Stadtparlament.
(jho)

Mauro Tuena – Gegner

Mauro Tuena ist Computertechniker und mit 38 Jahren bereits ein alter Politfuchs – er sitzt seit 1998 für die SVP im Stadtzürcher Gemeinderat und ist seit vier Jahren Präsident der SVP-Fraktion. (jho)

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