Das Randstein-Casting in Zürich-West

Auf einem kurzen Strassenabschnitt in Zürich wird entschieden, wie Randsteine künftig schweizweit genormt werden sollen. Acht Varianten werden getestet. Jeder Zentimeter zählt im Kampf um mehr Sicherheit.

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Der Randstein – in Zürich immer wieder Stein des Anstosses für Kritik und Interessenkonflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern. Während ihn Rollstuhl- und Velofahrer am liebsten ganz abschaffen würden, ist er für Sehbehinderte zur Orientierung unerlässlich.

Mit einer Versuchsreihe will man nun nach neuen Lösungen für das Problem suchen – und das sogar mit landesweiter Ausstrahlung. Das Bundesamt für Strassen (Astra), das die Tests zusammen mit dem eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Behinderten EBGB und dem Tiefbauamt der Stadt Zürich finanziert, will die Ergebnisse aus Zürich in die Erarbeitung neuer Normen für einen hindernisfreien Strassenbau einfliessen lassen. Auf einem kurzen Abschnitt der Förrlibuckstrasse wird also getestet, was künftig schweizweit Gültigkeit haben soll.

Tests mit Velo, Rollstuhl und Rollator

Dort hat das Tiefbauamt acht Randsteinvarianten zu einem sogenannten Randsteinlabor zusammengestellt. Sie unterscheiden sich in Höhe, Ausgestaltung und Material, sind teils rechtwinklig zur Strasse angelegt, teils abgeschrägt oder sogar geschwungen.

Der Ort sei für die Versuchsanlage optimal, weil die Verkehrslage dort relativ ruhig sei und man genügend Platz habe, erklärt Tiefbauamt-Sprecherin Evelyne Richiger die etwas abgelegene Lage des Randsteinlabors. «Ausserdem konnten wir dort sämtliche Randsteinmodelle gleich nebeneinander einbauen, da dieser Abschnitt der Förrlibuckstrasse ab März 2013 ohnehin rundum erneuert wird.»

«Der Zeitpunkt ist nicht optimal»

Die Fachstelle für behindertengerechtes Bauen und Pro Velo haben Gruppen zusammengestellt, die diese Randsteine seit dem 21. November in strukturiertem Rahmen testen. Die Teilnehmer befahren die Anlage mit dem Rollstuhl, dem Velo und dem Rollator, Sehbehinderte laufen die Strecke mit dem Blindenführhund oder dem Stock ab und tragen danach ihre Bewertung auf einem Testbogen ein. Bis zum 11. Dezember sollen alle Probefahrten und Begehungen abgeschlossen sein – falls es die Witterung zulässt.

Aufgrund des einsetzenden Schneefalls mussten bereits Termine abgesagt werden. «Es ist uns bewusst, dass der Zeitpunkt für die Testreihe nicht optimal ist», gibt Dave Durner von Pro Velo Zürich zu. Die Versuchsanordnung hätte bereits Anfang Oktober getestet werden sollen, doch es gab Verzögerungen. Den Frühling abzuwarten, war laut Durner ebenfalls keine Option. «Da die Resultate der Probefahrten in die Richtlinien für den Schweizer Strassenbau einfliessen sollen, die derzeit überarbeitet werden, müssen wir sie bis Ende Jahr vorlegen.»

Abschrägungen sind für Sehbehinderte schlechter zu ertasten

Es ist allerdings nicht der erste Test dieser Art. Bereits 2003 gab es eine ähnliche Versuchsanordnung, die damals aber nur von Rollstuhlfahrern und Sehbehinderten getestet wurde. «Wir wissen schon lange, welche Randsteingestaltungen als Kompromiss für Geh- und Sehbehinderte geeignet sind», sagt denn auch Eva Schmidt von der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen. Vertikal seien dies 3 cm hohe Randsteine, bei Abschrägungen müsse der Niveauunterschied 4 cm betragen und die schräge Fläche zwischen 13 und 16 cm breit sein.

«Abschrägungen sind für Sehbehinderte immer schlechter zu ertasten als ein Absatz», betont Schmidt. «Wenn sie den Randstein zwischen Trottoir und Fahrbahn nicht ertasten und erkennen, können Sehbehinderte den öffentlichen Raum nicht selbstständig nutzen.» Sind die Rampen zu steil oder zu lang gezogen, haben wiederum Rollstuhlfahrende Mühe, den Niveauunterschied zu schaffen.

Es geht um Zentimeter

Trotzdem sind in der neuen Testanordnung einige Modelle mit schrägen Randsteinen dabei, die laut Schmidt teilweise nicht rollstuhlgängig sind, sich aber für Velofahrer eignen könnten. Neu wird dabei auch die sogenannte Zahnlückenlösung geprüft, bei der nur kurze Teilstücke im Randstein abgesenkt werden. «Es gilt zu klären, wie breit diese Absenkung sein darf, damit der Fahrbahnrand für Sehbehinderte ertastbar bleibt und die Lücke für die Velo- und Rollstuhlfahrer noch einen Nutzen bringt», so Schmidt.

Die Testanlage zeige dabei, dass vieles im Detail liege. «Zwischen den Randsteinen und dem angrenzenden Strassenbelag kann nochmals ein Niveauunterschied von ein bis zwei Zentimetern entstehen. Das lässt sich kaum vermeiden, hat aber wiederum grossen Einfluss auf die Befahrbarkeit mit dem Rollstuhl. Wie man dieses Problem vermindern könnte, weiss ich allerdings nicht.» Diese Beobachtung macht auch Dave Durner. «Es geht stark ums Detail, um die Art und Weise, wie etwas gebaut wird», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Neue Norm soll Anfang 2014 in Kraft treten

Welche der acht Varianten von den verschiedenen Organisationen bevorzugt wird, will noch niemand kommentieren. Die Auswertung der Fragebogen übernimmt die Metron AG, ein unabhängiges Dienstleistungsunternehmen für die Fachbereiche Architektur, Raumentwicklung, Verkehr, Landschaft und Umwelt. Die Ergebnisse sollen bis Ende Jahr bekannt gegeben werden. Die besten Lösungen sollen in das Normenwerk des VSS (Verband der Schweizer Strassenfachleute) einfliessen, die derzeit in Überarbeitung sind. Im kommenden Frühling sollen die neuen Normen in die Vernehmlassung gehen und dann Anfang 2014 in Kraft treten.

Durner hofft, dass mit den Tests in Zürich möglichst gute Ergebnisse für alle Verkehrsteilnehmer gefunden werden können. «Aber die verschiedenen Interessenkonflikte werden wir wohl kaum alle aus dem Weg räumen können. Es grenzt an eine Quadratur des Kreises – vielleicht finden wir eine halbwegs vernünftige Ellipse.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.12.2012, 10:06 Uhr)

Hier kann das Randsteinlabor getestet werden

Wer will testen?

Mit dem Randsteinlabor wird bereits eine Massnahme des Masterplans Velo umgesetzt. Bis März 2013 können die verschiedenen Randsteine auch von der breiten Öffentlichkeit getes-tet und beurteilt werden. Ein entsprechender Fragebogen steht auf www.zuerich.ch/masterplanvelo und www.provelozuerich.ch zur Verfügung. Die Förrlibuckstrasse ist auch während der Tests für den allgemeinen Verkehr offen. Es ist daher auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge zu achten.

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