Zürich

Das Seefeld staunt über sein vergessenes «Nagelhaus»

Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 15.12.2010 4 Kommentare

Über Jahrzehnte hat sich in Zürich ein Riegelhaus in einem Innenhof versteckt. Abrissbirnen verhalfen ihm nun zum grossen Auftritt.

Nur für kurze Zeit sichtbar: Das Riegelhaus an der Färberstrasse 31.

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Bild: Doris Fanconi

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In seltenen, meist vorweihnächtlichen Fällen schaffen Abrissbirnen nicht nur Platz für Neues, sondern legen auch den Blick frei auf scheinbar längst Vergessenes. So geschehen dieser Tage an der Seefeldstrasse. Und seither gibt es im 2er-Tram zwischen Opernhaus und Bahnhof Tiefenbrunnen nur noch ein Gesprächsthema: Das kleine Riegelhaus im Innenhof gegenüber der Haltestelle Kreuzstrasse. Vorwitzig präsentiert es sich vor der gläsernen Fassadenkulisse der Ringier-Büros an der Dufourstrasse – und scheint den befristeten Auftritt vor grossem Publikum zu geniessen. «Das muss einem Menschen mit eisernem Willen gehören», vermutet ein Mann, der seit Jahrzehnten im Seefeld arbeitet und erst kürzlich – freudig überrascht – der Existenz des Häuschens gewahr wurde.

«Wir verkaufen nicht!»

Ein Anruf bei der Besitzerin der Liegenschaft verschafft nur vage Klarheit, die Frau sagt wenig, dafür umso energischer: «Das Häuschen gehörte schon meinem Grossvater, wir verkaufen nicht!» Dann legt sie den Hörer auf. Dass die Denkmalpflege das Objekt nicht in ihrem Inventar der schützenswerten Bauten führt, hält die Frau ganz offensichtlich nicht davon ab, dem Riegelhaus einen besonderen Platz in ihrem ganz persönlichen Inventar zu gewähren. Und so werden Erinnerungen an die Geschichte vom chinesischen Nagelhaus wach, wo sich eine Familie lange Zeit standhaft weigerte, ihren kleinen Holzbau, der überhaupt nicht mehr ins Stadtbild passen wollte, zu verkaufen.

Ein Überbleibsel

Laut Jürg Keller von der Liegenschaftsverwaltung hat sich die Stadt indes nie darum bemüht, die Parzelle zu erwerben: «Unser Areal ist genügend gross.» Genügend gross für 28 Alterswohnungen, die dort bis Ende 2012 entstehen. Vor ein paar Tagen haben Arbeiter mit den Vorbereitungen zur Sicherung des Aushubs begonnen.

Der Architekt der Siedlung Seefeldstrasse ist Beat Jaeggli. Das Riegelhaus, sagt er, sei nicht «entwurfsbestimmend» gewesen, ignorieren habe man es aber auch nicht wollen. Dem bestehenden Giebeldach Richtung Seefeldstrasse begegnet sein Neubau ebenfalls mit einem – wenn auch viel moderneren – Giebeldach Richtung Dufourstrasse. Mit dieser Verzahnung würde das Überbleibsel eingebunden und der Raum aufgewertet, sagt Jaeggli. Da die Stiftung für Alterswohnungen der Stadt Zürich als Bauherrin viel Grünfläche im Hof gewünscht habe, sei der Bau ein gewisser Befreiungsschlag für das Riegelhaus.

Bald wieder vergessen

Gewohnt wird im Riegelhaus nicht. Zu den Mietern gehört seit Juni eine Kinderkrippe. Die Geschäftsführerin Joanna Hochuli spricht von einer «Insel», auf der es sich wunderbar lebe. Ihr sei aufgefallen, dass plötzlich alle im Seefeld über ihren Arbeitsplatz sprechen würden: «So herzig!» Bald schon, prophezeit Joanna Hochuli, wenn die Gebäude der Alterssiedlung in die Höhe schiessen werden, würde das kleine Riegelhaus im Seefeld aber wieder in Vergessenheit geraten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2010, 11:20 Uhr

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4 Kommentare

Tom Greutert

15.12.2010, 12:04 Uhr
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Gerne möchte ich hier ein weiteres Nagelhaus in der Stadt erwähnen, der um 1910 angefangene Blockrand im heutigen Maag-Areal, Turbninenstrasse/Pfingstweidstrasse. Da wurden Hochhäuser und bürokomplexe gebaut, die Strasse um die Häuser gezogen; zeitweise hat es wirklich so ausgesehen wie das Pendant in China. Antworten


Franziska Eicher

15.12.2010, 12:32 Uhr
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Ich möchte den Eigentümern dieses Hauses ganz herzlich gratulieren! Es sollte in unserem Land noch viel mehr von diesen Menschen geben, die noch Werte + Wertschätzung haben. Zu oft werden Zeitzeugen abgerissen und durch viel grössere, modernere aber auch hässlichere Neubauten ersetzt... Profit scheint alles zu sein, was unsere Welt noch versteht. Dieser Artikel macht mir Mut, es geht noch anders! Antworten



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