Das tägliche Brot ist teuer geworden
Von Michael Meier. Aktualisiert am 03.12.2008 10 Kommentare
Yuppisierung des Römerhofs die Stadt schaut tatenlos zu
Das jüngste Opfer der teuren Mieten am Römerhof ist das Thairestaurant WI'S, das im Januar nach nur acht Monaten schliessen wird. Für Barbara Vögele, Präsidentin des Gewerbevereins Zürich-Ost, sind die teuren Mieten ein Phänomen in der ganzen Stadt, das sich aber zugespitzt in den Kreisen 6, 7 und 8 zeige. Im Yuppiequartier des Kreises 7 könnten sich noch einige Leute Wohnungen von 3000 bis 5000 Franken leisten, für das Gewerbe aber seien die hohen Mietzinse kaum mehr tragbar. Leider habe der Stadtrat wenig Musikgehör für die Klage des Gewerbevereins, dass die Kleingewerbler in Zürich diskriminiert seien.
Auch der Quartierverein Hottingen ist besorgt über die hohen Mieten und die dadurch bedingte geringere soziale Durchmischung des Quartiers. Präsident Martin Schmassmann erklärt, man habe den Stadtrat bei seinem Quartierbesuch im Juni und beim Treffen mit allen Quartiervereinspräsidenten für die Yuppisierung Hottingens zu sensibilisieren versucht. Dieser verweise jedoch auf die Marktgesetze. Als auf dem Pflegi-Areal statt der versprochenen günstigen Familienwohnungen Luxuswohnungen entstanden seien, habe die Stadt nichts unternommen – im Gegenteil, sie habe betont, dass sie an guten Steuerzahlern interessiert sei.
Hingegen habe sich die Stadt dafür eingesetzt, dass im UBS-Gebäude das Café Le Pain Quotidien einziehen konnte. Der Quartierverein allerdings hätte einen Familienbetrieb bevorzugt. Für die ebenfalls interessierte Bäckerei Jung mit einer Produktionsstätte im Quartier war die Miete zu teuer. Die Grünliberale Kreispartei 7/8 will jetzt in ihrer gerade gegründeten Projektgruppe Wohnen die Wohnsituation analysieren. (mm)
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Jetzt bin also auch ich in einem Alter, in dem man wehmütig die guten alten Zeiten zurücksehnt. War es früher nicht objektiv besser, damals, vor 18 Jahren, als ich an den Römerhof gezogen bin? Da gabs im Quartier noch eine Post, ein Spital, eine Metzg, velofreie Trottoirs, erschwingliche Restaurants und zahlbare Wohnungen. Und damals war die Post noch eine Post, die Apotheke eine Apotheke und das Kirchgemeindehaus ein Kirchgemeindehaus.
Fangen wir bei der Post an. Kaum war aus unserer Post am Römerhof auch ein Laden geworden, verschwand sie eines Tages sang- und klanglos. Dafür ist jetzt die Apotheke beim Hottingerplatz auch eine Post, eine halbe Post jedenfalls, zuständig für Päckli und Briefe. Den Zahlungsverkehr kann man hier nicht tätigen, dafür muss man zur Poststelle an der Forchstrasse. Luftlinie zwei Kilometer.
Das tägliche Brot zu 18 Franken
Und dort, wo früher am Römerhof die Post war, geschäftet jetzt ein Café, das auch ein Brotladen ist. Das ist weiter nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist zunächst der Name, der an Jesus und seine Vaterunser-Bitte anknüpft: «Le Pain Quotidien», das tägliche Brot. Die Rückkehr der Religion schlägt eben auch bei uns am Römerhof durch. Die belgische Kette mit dem biblischen Namen will «das Brot zu seiner grundlegenden und unverzichtbaren Bedeutung zurückführen, welche es über viele Jahrhunderte hatte». Wann eigentlich hat das Brot seine unverzichtbare Bedeutung verloren? Wie auch immer. Zum Konzept gehört eine rustikale Einrichtung. Trotz hochstehender Produkte ist Einfachheit Programm. Am Römerhof hat auch das Rudimentäre seinen Preis. Exakt 20 Franken zahlt man für einen 2-Kilo-Laib Bioweizen-Brot und 18 Franken für ein Kilo Dinkelbrot, ein Kilo wohlverstanden.
Wer kauft hier täglich sein Brot? Die Fünfsternegäste, die gleich nebenan die Dolderbahn zum Dolder Grand nehmen? Nein, die brauchen ja gar kein Brot und benutzen eh nicht den ÖV. Aber all die Familien vielleicht? Familien gibt es am Römerhof doch keine mehr; hier zu wohnen, können sich nur Doppelverdiener ohne Kinder leisten.
Und wer ist schuld daran, dass unser tägliches Brot am Römerhof so sündhaft viel kostet? Sagen wirs frei heraus: Marcel Ospel, der mit den fetten Boni. Jetzt zahlen wir Brotkonsumenten seine Zeche. Le Pain Quotidien ist für teures Geld im UBS-Gebäude eingemietet. Dieses ist just vor dem Abgang von Herrn Ospel und dem Ausbruch der Finanzmarktkrise nochmals für 12 Millionen saniert worden.
Das schlägt sich natürlich auch auf die Wohnungsmieten im UBS-Haus nieder. Die 3-Zimmer-Wohnung – exklusiver Ausbau für gehobenes Segment – kostet 6000 Franken, die Dachwohnung unter der Kuppel 15'000 Franken. Kaum saniert, sind alle zehn Wohnungen vermietet, auf Jahre hinaus. Die UBS kann für einmal von Glück reden.
Denn hohe Mieten sorgen sonst für eine hohe Fluktuation. Wer etwa zu reellen Preisen am Römerhof wirtet, hat kaum Überlebenschancen. Das erstklassige Thairestaurant WI'S, im Mai erst vom Hölderlinsteig ins Eckhaus vis-à -vis der UBS gezogen, wird Ende Januar schliessen. Vor gut vier Jahren musste schon das Vorgängerrestaurant Thai Cuisine «infolge konkursamtlicher Beschlagnahme» dichtmachen. Dazwischen stand die Liegenschaft drei Jahre leer. Ausgerechnet jetzt, wo die Wiederbelebung des Platzes im Gange ist, wird sie wohl wieder zum Geisterhaus.
Yuppisierung heisst das Stichwort. In Hottingen machte es erstmals die Runde, als die volkstümliche Wirtschaft Sonnenberg wegen Sepp Blatter und der Fifa dem Haute-Cuisine-Restaurant von Jacky Donatz weichen musste. Ein Wurststand ist das einzige Zugeständnis ans gemeine Volk. Nur: Wann verkauft Jacky Donatz eigentlich seine Würste? Komme ich auf meinem Routinespaziergang am Sonnenberg vorbei, reisst mich mein geruchssensibler Hund kaum je aus den Gedanken. Und lässt mich den Zusammenhang zwischen Yuppisierung, Privatisierung und Abbau des Service public zu Ende denken: Beiz weg. Post weg. Auch Spital weg.
Christliche Stiftung als Preistreiberin
Um die Jahrtausendwende musste die frühere Pflegerinnenschule oberhalb des Römerhofs der Überbauung Pflegi-Areal weichen. Statt der versprochenen günstigen Familienwohnungen sind Yuppiewohnungen entstanden. 48 Wohnungen zu Preisen wie an der Côte d'Azur. Die 5-Zimmer-Wohnung mit Terrasse zu monatlich 6500 Franken oder die 4-Zimmer-Wohnung ohne Terrasse zu 5600 Franken sind keineswegs die teuersten Objekte. Die Besitzerin, die christliche Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule, setzte im Quartier neue Standards bei den Mieten.
Wie stark christlich geprägt unser Quartier ist, wurde mir erst bewusst, seit die gleiche Stiftung unterhalb des Römerhofs den Schulthesspark mit 75 neuen Alterswohnungen zugebaut hat. Die Stiftung ist gemeinnützig und steuerbefreit. An ihrer Spitze steht eine Zürcher Kirchenrätin. Gemäss Leitbild orientiert sie sich – die Kirchenrätin, aber auch die Stiftung – an der «immer neu zu interpretierenden Menschenfreundlichkeit Gottes, wie sie Jesus Christus verkörpert hat». Gemäss Interpretation der Stiftung liegt heute der menschenfreundliche Preis für eine 3- Zimmer-Wohnung – 110 Quadratmeter, oberste Etage bei 4700 Franken. Das erzählt mir eine Bekannte, die für ihre betagte Mutter eine Wohnung sucht, mit christlichem Frösteln.
Den Geldfluss erhöhen
Immerhin sind das 1300 Franken weniger, als die 3-Zimmer-Wohnung im UBS-Haus kostet. Und im Unterschied zur Bank kümmert sich die von der Menschenfreundlichkeit Gottes motivierte Kirche um ihre Kunden. So können die Alten vom Schulthesspark im benachbarten Kirchgemeindehaus Hottingen Lebenshilfe aller Art buchen. Richtig angewendet, holen sie dort sogar locker ihre kostspieligen Mieten herein. Im Seminar von Colin Tipping zu 400 Franken lernt man, «die eigenen Träume und Visionen mit der notwendigen Energie aufzuladen», so dass Herzenswünsche Realität werden – selbst der Wunsch, «den Geldfluss zu erhöhen». Das Forum im Licht führt im Kirchgemeindehaus Hottingen auch mit vielen anderen Kursen zur Erleuchtung.
Und mich, wer weiss, zur nostalgiefreien Einsicht, dass in unseren Tagen, wo eine Apotheke auch eine Post und eine Post auch ein Laden ist, ein Kirchgemeindehaus getrost auch ein Esoteriktempel sein kann.
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Erstellt: 03.12.2008, 21:30 Uhr
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10 Kommentare
Wir sind letztes Jahr von Zürich nach Bäretswil gezogen, da wir, Familie mit kleinem Kind, keine Chance hatten eine zahlbare Wohnung zu finden. Entweder akzeptiert mann ein Dreckloch für über 2'000.00 Fr. Oder bezahlt für eine 4 Zimmerwohnung 3'800 Fr aufwärts. Nach 12! Monaten vergeblicher suche gaben wir auf. Ich pendle halt jeden Tag nach Zürich meistens mit OeV manchmal mit dem Auto. Antworten


































