Dealer bedrohen und verprügeln Anwohner

Drogenhandel und Gewalt sind für die Menschen an der Hellmutstrasse Alltag. Jetzt haben sie genug und fordern die Polizei zum Handeln auf. Für Samstag ist eine Demo geplant.

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Sandro Fischbacher (Name geändert) wohnt seit Jahren an der Hellmutstrasse. Konflikte in seinem Quartier ist er sich gewohnt. Er nimmt sie hin wie schlechtes Wetter und scheint im Laufe der Zeit eine dicke Haut entwickelt zu haben. Sieht er einen Drögeler, der sich in den Kellerräumen seines Wohnhauses einen Schuss setzt, weist er ihm ruhig, aber bestimmt den Weg. In den vergangenen Monaten habe sich aber die Situation im Häusergeviert Hellmut-/Brauer-/Diener-/Magnusstrasse verschlechtert, sagt Fischbacher.

Dealer schlugen Anwohner zusammen

Seine Gutmütigkeit schlug um in Verzweiflung und Wut. Gemeinsam mit anderen Anwohnern schilderte er Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) in einem Brief vor rund sieben Wochen die Zustände im Quartier. Weil eine Antwort ausblieb, sandte die Gruppe kürzlich erneut einen Hilferuf: Wegen des offenen Drogenhandels drohe die Situation zu eskalieren, heisst es in einem weiteren Schreiben an Maurer. «Einer unserer Mitbewohner wurde am 5. September von drei Schwarzen aus der Iroko-Bar brutal auf offener Strasse zusammengeschlagen. Ähnliche Vorfälle haben sich schon im Dutzend abgespielt.» Der junge Mann erlitt einen Rippenbruch, wie sich später herausstellte. Mehr als ein Dutzend Polizisten sicherten in jener Nacht den Tatort ab. Beamte in Kampfmontur und mit Gummischrotgewehren im Anschlag stellten sich auf der Strasse auf. Drei Verdächtige wurden festgenommen. Die Polizei ist vorsichtig: Das Grossaufgebot steht auch im Zusammenhang mit einer wenige Tage zuvor durchgeführten Razzia auf dem Kanzlei-Areal, wo Beamte mit Steinen und Flaschen attackiert wurden.

In ihrer Verzweiflung hängten Fischbacher und seine Freundin vor ein paar Tagen ein Transparent aus dem Fenster ihrer Hochparterrewohnung, die unmittelbar an die Brauerstrasse grenzt. «Stopp dem Drogenhandel und der Gewalt. Mehr Respekt», stand darauf. Der Aufruf blieb nicht lange unbemerkt. Einer der Drogendealer habe versucht, das Transparent anzuzünden, sagt Fischbacher. Als dies misslang, sei er hochgesprungen und habe es runtergerissen. Als das Paar protestierte, wurde es vom Dealer mit einer vollen Flasche beworfen. Er sei offenbar der Chef der im Geviert verkehrenden Drogendealer. «Der Mann benimmt sich wie ein Warlord. Er sagt, die Strasse gehöre ihm. Meine Freundin lasse er in Ruhe, weil sie ein gutes Herz habe. Aber wenn er wolle, könne er auch den Hund des Nachbarn zu Tode beissen.» Seit wenigen Tagen zirkuliert ein Privatwachmann im Quartier.

Fischbacher kann nicht verstehen, warum die Polizei nicht gegen die Dealer vorgeht, die in der Brauerstrasse mit Dutzenden von Kokain-Kügelchen herumlaufen und sie verteilen. Seit die Polizei verstärkt an der Langstrasse kontrolliere und einen mobilen Posten aufgestellt habe, verlagere sich der Handel in die Seitenstrassen, stellt Fischbacher fest.

Das Problem sei erkannt, die Polizei gehe auf verschiedenen Ebenen dagegen vor, sagt Rolf Vieli, Leiter des Projekts Langstrasse Plus. Details könne er aus taktischen Gründen nicht nennen. Vieli spricht sich für eine härtere Gangart und Rayonverbote aus, die bei Dealern mit Bewilligung B oder C noch nicht ausgesprochen werden können. «Ich bin für eine Nulltoleranz bei Drogendelikten. Wird aber ein Händler mit einer Kleinstmenge festgenommen, ist er am nächsten Tag wieder auf der Strasse.» Dies führe auch zu einem Frust bei den Polizisten. Vieli kritisiert auch, dass Dealer zu wenig rasch verurteilt werden können.

Wenig Zeit wollen die Anwohner bis zu ihrer nächsten Aktion verstreichen lassen: Für Samstagnachmittag ist eine Protestkundgebung geplant. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2008, 10:52 Uhr

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