Den Stadtzürchern bleibt wenig vom Lohn übrig

Die verfügbaren Einkommen der Zürcher auf dem Land sind meist höher als in den Städten. Dort verdienen sie weniger und zahlen erst noch höhere Preise. Das zeigt eine neue Studie.

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«Die Zürcher mit ihren hohen Löhnen können sich das ja leisten», denken Auswärtige oft, wenn sie in einem Restaurant in der Stadt die Preisliste studieren: 8 Franken für einen halber Liter Mineralwasser! Aber die Besucher irren sich: Die Kaufkraft der Stadtzürcher ist keinen Rappen höher als jene aller Schweizer; bei beiden beläuft sie sich auf 39'500 Franken. Die Bevölkerung des ganzen Kantons steht mit einem verfügbaren Einkommen von durchschnittlich 43'800 Franken besser da. Diese Summe bleibt einem Steuerpflichtigen (und seiner Familie) vom Jahreslohn, nachdem er Sozialabgaben, Steuern, Wohnkosten und obligatorische Krankenversicherung bezahlt hat.

Zum ersten Mal liegen Zahlen über die Kaufkraft der Bevölkerung jeder Schweizer Gemeinde vor. Berechnet hat sie die Waadtländer Firma Microgis für das Jahr 2008 - mit Daten der eidgenössischen und kantonalen Steuerverwaltungen und der Bundesämter für Gesundheit und Statistik. Nicht berücksichtigt wurde das Preisniveau in jeder Gemeinde - diese Daten existieren nicht. Laut Geschäftsleiter Christophe Fischer lassen sich damit aussagekräftigere Angaben zum Wohlstand der Bevölkerung machen als aufgrund des Einkommens. Mikrogis befasst sich mit geografischen Analysen und Geomarketing - und bereitet unter anderem auch für das Schweizer Fernsehen Karten von Abstimmungsresultaten auf.

Zuger und Schwyzer haben mehr Geld

Die Zahlen von Microgis zeigen aber auch, dass die «reichen Zürcher» so reich nicht sind. Wohl ist ihr verfügbares Einkommen (43'800 Franken) im Schnitt etwas höher als jenes in den Nachbarkantonen Aargau oder St. Gallen. Es bleibt aber weit hinter jenem in den Kantonen Zug (60'400) oder Schwyz (52'000) zurück.

In welcher Zürcher Gemeinde bleibt der Bevölkerung nach Abzug ihrer regelmässigen Zahlungsverpflichtungen am meisten vom Lohn - und wo am wenigsten? Tendenziell schrumpft er vor allem in kleinen Gemeinden an der Kantonsgrenze am stärksten, in manchen gar auf unter 50 Prozent, so etwa in Schlatt, Altikon oder Hochfelden; der kantonale Durchschnitt liegt bei 53,7 Prozent. Viel besser ist es aber auch in den grösseren Städten nicht, Zürich, Winterthur, Dietikon, Dübendorf und Uster bleiben ebenfalls unter dem Durchschnitt. Komfortabel ist die Situation bei den verfügbaren Einkommen in den Seegemeinden Zumikon, Küsnacht und Rüschlikon - sowie in Andelfingen.

Die statistischen Ausreisser

Andelfingen: Die Gemeinde im Weinland hat keinen tiefen Steuerfuss. Dennoch bleibt den Steuerpflichtigen - wie in den reichen Gemeinden - viel verfügbares Geld: 51'500 Franken (oder 58 Prozent des Einkommens). Weshalb? Die Löhne sind klar über dem kantonalen Durchschnitt, die Ausgaben für Wohnen und Krankenkasse tiefer. Die etwas höhere Steuerbelastung ändert dieses günstige Verhältnis nicht grundlegend. Auch in anderen ländlichen Gemeinden wie Laufen-Uhwiesen oder Flurlingen lässt es sich gut leben.

Zürich: Die Schweizer Stadt der Superlative ist, was die finanzielle Situation der Privathaushalte anbetrifft, nur Schweizer Durchschnitt: Ausgaben und Einnahmen des Durchschnittszürchers pendeln nah um das Schweizer Mittelmass. Das Einkommen ist etwas höher, die Wohnkosten auch. Eher überraschend zahlt die Bevölkerung der «Steuerhölle Zürich» etwas weniger Steuern als der Durchschnittsschweizer.

Winterthur: Die Verhältnisse sind hier ganz ähnlich wie in der Stadt Zürich. Löhne und Auslagen bewegen sich aber durchwegs auf einem leicht tieferen Niveau. Die Winterthurer verfügen über eine Kaufkraft von 37'200 Franken.

Rheinau: Die Steuerpflichtigen verdienen hier im Durchschnitt viel weniger als im Kanton, und der Steuerfuss verharrt auf dem Maximalwert von 123 Prozent. Dennoch bleibt der Bevölkerung mit 41'400 Franken viel von ihrem Lohn (56,6 Prozent) - weil die Wohnkosten nirgends so tief sind (12'200 Franken) wie hier.

Zumikon: Die Gemeinde der Superlative. Ihre Bewohner verfügen im Durchschnitt über die höchsten Löhne (177'000 Franken brutto) und zahlen am meisten Steuern (27'100 für Bund, Staat, Gemeinde und Kirche). Dennoch bleibt den Steuerpflichtigen am meisten Geld zum Ausgeben (106'300 Franken).

Fischenthal: Auch dies eine Gemeinde der Superlative, aber am anderen Ende der Skala: Die Bevölkerung verdient hier kantonsweit am wenigsten (62'900 Franken) und hat nach fixen Ausgaben auch am wenigsten Geld zur Verfügung (32'900). Noch besser als in Zumikon lebt es sich aber ausserhalb des Kantons - etwa im angrenzenden Wollerau im Kanton Schwyz, das seinem Ruf als Steuerparadies voll gerecht wird: Die Löhne sind zwar etwas tiefer (171'800 Franken) als in Zumikon, am Ende verfügen die Steuerpflichtigen aber über mehr Geld (110'300 Franken) - weil sie weniger Steuern zahlen (18'600).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2008, 10:35 Uhr

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