«Den Zürchern den Spiegel vorhalten»

Von Monica Müller. Aktualisiert am 09.07.2009 2 Kommentare

Mit Fragen auf Klebern und Plakaten regt die «Aktion für ein kluges Zürich» seit bald zwei Jahren zum Denken an. Jetzt hat sich der Grübler dahinter geoutet.

«Was löst das Glück der anderen in Ihnen aus? a) Neid, b) Spott, c) Glück»: Thomas Meyer.

«Was löst das Glück der anderen in Ihnen aus? a) Neid, b) Spott, c) Glück»: Thomas Meyer.

Thomas Meyer

Nach seinem ersten Praktikum in einer Werbeagentur ist Thomas Meyers «juristische Karriere im Eimer» – und er Texter. Als Juniortexter bei der Werbeagentur GGK entwickelt er unter dem Pseudonym Hans Schmerz den ersten Blog der Zürcher Werberszene und betreibt als einer der ersten Guerilla-Werbung. Später arbeitet er für das Magazin «Kult», wird Textchef bei «Facts», schreibt als freier Journalist für die «Weltwoche» und «Das Magazin». Er hat zwei Kolumnensammlungen publiziert («Die Federhure», «Die Federhure ff») und betreibt eine Werbeagentur. (mom)

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Thomas Meyer, am meisten interessiert mich, wie Sie Ihre eigenen Fragen beantworten. Beispielsweise: Belohnen oder bestrafen Sie sich mit ihrem Verhalten?
Ganz klar: ich belohne mich.

Ehrlich?
Okay, zu 95 Prozent.

Wie reagieren Sie auf Kritik? a) ich lerne, b) ich leugne, c) ich kritisiere.
Ich lerne, vorausgesetzt, die Kritik trifft zu. Ist sie nicht gerechtfertigt, weise ich sie zurück. Manchmal kritisiere ich natürlich auch zurück.

Was löst das Glück der anderen in Ihnen aus? a) Neid, b) Spott c) Glück.
Meistens Glück, manchmal auch Angst.

Finden Sie Ihre Lebensweise nachahmenswert?
Nochmal 95 Prozent.

Warum?
Weil sie auf Respekt und Verantwortung basiert.

Und warum dann doch nur 95 Prozent?
Ich habe keine dauerhaft gültigen Antworten auf meine Fragen, je nach Tagesform beantworte ich sie auch anders. Es gibt Tage, da höre ich mir eine Kritik interessiert an, an anderen finde ich einfach: ach was! Gewisse Fragen würde ich heute auch nicht mehr so stellen.

Wie sind Sie dazu gekommen, die Zürcher mit ihren persönlichen Fragen zu bombardieren?
Eines Tages habe ich begonnen, die Fragen, die mir durch den Kopf schwirrten, aufzuschreiben. Ohne Absicht, aus reinem Interesse. Als es an die 200 waren, habe ich mich gefragt: was soll ich damit tun? Ich wollte sie allen stellen und so habe ich sie auf Kleber gedruckt und verteilt. Die Kleber haben zu angeregten Gesprächen geführt und so habe ich gemerkt: Das trifft einen Nerv.

Was treibt Sie an, eine ganze Stadt zum Hintersinnen zu bringen? Sind die Zürcherinnen und Zürcher besonders oberflächlich?
Die Zürcher sind manchmal schon sehr materialistisch und egoistisch. Ich finde schon, dass man ihnen den Spiegel vorhalten sollte.

Auf Facebook hat Ihre Aktion für ein kluges Zürich 433 Fans, die Ihre Fragen auch kommentieren.
Facebook ist für mich die erste Feedback-Möglichkeit, sonst erlebe ich ja nicht, was die Kleber auslösen.

Welche Antwort hat Sie besonders amüsiert?
Eine Antwort auf die Frage «Was steht zwischen Ihnen und dem Sex, den Sie sich immer erträumt haben?»: Latex.

Mischen Sie sich auch unter Ihre Facebook-Fans?
Ich lese die Kommentare gerne, mische mich aber kaum je ein. Ich habe schon die Fragen gestellt und nicht das Bedürfnis, die Antworten zu werten. Jede ist gültig.

Fast zwei Jahre haben Sie die Aktion anonym betrieben, warum haben Sie sich jetzt geoutet?
Ich wollte nicht mich, sondern die Fragen und die Antworten in den Vordergrund stellen. Kürzlich habe ich aber die Fragen grossformatig aufgezogen und die Einladung eines Galeristen angenommen, die klebenden Plakate auszustellen. Da lag es nahe, sich dazu zu bekennen.

Verkaufen Sie die Plakate auch?
Ja. Eine befreundete Künstlerin sah sie und meinte: Meyer, das ist Kunst. Das grosse Plakat kostet 550 Franken, das kleine 200. Also mache ich es so. Die Frau weiss, wovon sie redet.

Sie sind Werbetexter. Steckt hinter dem Philosophen vielleicht einfach ein geviewfter Werber in eigener Sache?
Genau deswegen bin ich so lange anonym geblieben – um diesen Eindruck zu vermeiden. Mir geht es wirklich darum, etwas auszulösen. Natürlich freue ich mich, wenn ein Fan der Aktion auch einer meiner kommerziellen Arbeit wird, aber das war nie die Absicht.

Über 200 grundlegende Fragen, das klingt nach schlaflosen Nächten...
So schlimm ist es nicht. Aber ruhelose Tage, das gibt es durchaus.

Bis am 20. August widmet die Galerie Mad der Aktion für ein kluges Zürich eine Ausstellung. Zweierstrasse 22, 8003 Zürich. Jeweils ab 10 Uhr morgens.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2009, 20:20 Uhr

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2 Kommentare

Walter Kunz

10.07.2009, 11:58 Uhr
Melden

Den Balken im eigenen Auge nicht sehen (, aber den Splitter im fremden) Antworten


Jens Gloor

10.07.2009, 14:19 Uhr
Melden

Schöne Aktion - sehr gut! Antworten



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