Zürich

Der Abfalldeuter

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 09.08.2010 7 Kommentare

Reinigungsmeister Mark Günther kann aufgrund des Mülls sagen, welches Fest am Abend zuvor gefeiert wurde. Der Abfall verrät auch viel über die Zürcher selber.

Bierdosen, Plastikbecher, Chips-Packungen: Mark Günther begutachtet frischen Festmüll im Sihlhölzli.

Bierdosen, Plastikbecher, Chips-Packungen: Mark Günther begutachtet frischen Festmüll im Sihlhölzli.
Bild: Sophie Stieger

Am Morgen danach sieht es an der Bushaltestelle aus, als hätten die Fahrgäste während des Wartens eine wilde Party gefeiert: Büchsen, Flaschen, Zigarettenpäckli und Papiersäcke vom Happy Beck liegen zerstreut auf dem Boden, dazwischen Dutzende von Zigarettenkippen. Es ist gewissermassen der Bodensatz des Nachtlebens, der sich hier an der Langstrasse bis in die frühen Morgenstunden hinein abgelagert hat.

«Das ist hier jeden Tag so», sagt Mark Günther unbeeindruckt. Den Reinigungsmeister, der mit seinen Männern die Kreise 3 und 4 sauberhält, kann nichts mehr überraschen. Er hat schon alles Mögliche auf der Strasse zusammengelesen – oder auch auf Bäumen. Einmal hat ein Mitbürger seine Wohnungseinrichtung mitsamt Kleidern aus dem Fenster geschmissen. Günther musste sie mithilfe von Schutz & Rettung aus den Baumkronen bergen.

Festmüll wandert

Mark Günther hat am frühen Sonntagmorgen auch schon ein Sofa, einen Kühlschrank und einen Fernseher an der Weststrasse entsorgt. «Gratis zum Mitnehmen», stand auf einem Papier. Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) machte von diesem Angebot sofort Gebrauch. «Wenn wir das nicht täten, entstünde innert kürzester Zeit eine Mülldeponie – auch andere Anwohner würden unverzüglich ihren Abfall dazustellen.»

Günther kennt die Psyche der Zürcher Bevölkerung und deren Schmutzecken. Dafür benötigt er keine Fachliteratur, keine Studien – er liest den Abfall, den sie hinterlässt, ständig darauf bedacht, die Reinigung der Stadt weiterzuoptimieren. «Das hier», sagt er und deutet auf den Abfall, den seine Männer bereits zum Muldenplatz Sihlhölzli gebracht haben, «das hier ist Festmüll.» Er setzt sich hauptsächlich aus Bierdosen von der Tankstelle zusammen – «vom billigsten Bier» –, aus Plastikbechern, Zigarettenkippen und leeren Pommes-Chips-Packungen.

Arbeitsbeginn vier Uhr morgens

Der Festmüll fällt zwischen Donnerstagabend und Sonntag an, und es ist nicht einfach, seiner habhaft zu werden, denn Festmüll wandert. Natürlich gibt es Orte, wo er sich bevorzugt ablagert: in Pärken, an Verkehrsknotenpunkten und rund um Klubs und Tankstellen. Aber es genügt schon, dass ein Uetlibergtunnel eröffnet wird, und plötzlich steht die Putzequipe an der Endstation Albisgüetli morgens vor einer Riesensauerei, hinterlassen von Partygängern, die hier den Abend haben ausklingen lassen, bevor sie sich ins parkierte Auto setzten und durch den Uetliberg zurück in den Aargau fuhren. Den Festmüll bekommen die wenigsten Zürcherinnen und Zürcher je zu Gesicht; die Angestellten des ERZ rücken jeweils um 4 Uhr morgens mit Besen und den Reinigungsmaschinen (City-Cats) aus. Zwei Stunden später ist das Gröbste weggeräumt.

Ganz anders als der Festmüll verhält sich der Pendlermüll. Er fällt vor allem unter der Woche während der Ladenöffnungszeiten an. Sein Grundteig besteht nicht aus Bierdosen, sondern aus Essbehältern, Servietten, Plastikbesteck und PET-Flaschen. Mark Günther kann sogar anhand des Abfalls sagen, welches Fest die Stadt gerade feiert: Findet er ungewöhnlich viele Spiesschen und abgenagte Maiskolben, dann ist es das Knabenschiessen. Dominieren Wassermelonenschalen und Dosen von Energy-Drinks, dann ist es eindeutig die Street- Parade. Trotz dieser Grundlagenforschung, so räumt Mark Günther ein, hinkt das ERZ den Abfallerzeugern immer einen Schritt hintendrein, denn die verschieben sich praktisch täglich.

Tram kommt, Zigi muss weg

Inzwischen ist es 8 Uhr. An der Tramhaltestelle Sihlcity-Nord wischt ein Mitarbeiter des ERZ der City-Cat Dutzende von Zigarettenkippen vor die Bürsten. Dabei ist die Haltestelle noch am späten Samstagabend gereinigt worden. Dass es so viele sind, liegt nicht daran, dass es keine Eimer hätte; zwei der vier «Haie» sind mit Aschenbechern ausgerüstet. Aber Günther weiss, was sich in den Stunden zwischen den Reinigungen abgespielt hat: Die Fahrgäste haben während des Wartens noch rasch eine Zigarette angezündet, haben, als das Tram heranfuhr, hastig die letzten Züge genommen, und am Ende blieb ihnen keine Zeit, den einen Meter zum Aschenbecher zu laufen.

Aufregen mag sich Günther darob nicht. «Das passiert halt», sagt er oft oder «das ist einfach so». Und immerhin zeigen sich auch Erfolge: Der Abfall, der sich in seinem Gebiet auf Strassen und in Abfallkübeln ansammelt, hat sich innert nur dreier Jahre von 944 auf 763 Tonnen jährlich reduziert. Gelungen ist dies der Stadtverwaltung, weil sie über die Departementsgrenzen hinweg zusammenarbeitet. Von Grün Stadt Zürich etwa kam der Tipp, die Hecken einer Anlage zu stutzen, die von Drogenkonsumenten, Prostituierten und Vandalen verwüstet und verschmutzt wurde. Der Tipp war gut.

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Erstellt: 08.08.2010, 21:40 Uhr

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7 Kommentare

Markus Hutter

09.08.2010, 09:10 Uhr
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Da sage ich einfach einmal... DANKE! Dank Leuten wie Herrn Günther ist Zürich Zürich. Antworten


arno meyer

09.08.2010, 10:11 Uhr
Melden

ein dankeschön für die saubere stadt. Antworten



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