Der Antikuschelknast

Er gilt als modernster Gefängnistrakt für Jugendliche – und er ist wegen Personalmangels stillgelegt. Ein Sozialpädagoge glaubt zu wissen, weshalb keiner in Uitikon arbeiten will.

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39 Millionen Franken: So viel kann Nüchternheit kosten. Als der Kantonsrat vor fünf Jahren den Kredit für die Sanierung der geschlossenen Jugendabteilung des Massnahmenzentrums bewilligte, hatten die Bauverantwortlichen die Vision eines «Superknasts». Im «modernsten Jugendgefängnis der Schweiz» sollen sich die Insassen keinesfalls wohlfühlen. Im Gegenteil: Gerade die spartanische Inneneinrichtung soll wieder Ordnung in die Köpfe verwirrter Jugendlicher bringen.

David Vogt von der kantonalen Baudirektion rechtfertigte die ungemütlichen Zellen kurz nach der Eröffnung: «Keiner der Insassen soll das Gefühl erhalten, dass er es hier gut hat. Ihr Wunsch sollte sein, alles schnell und effizient hinter sich zu bringen.» Allein 15'000 bis 20'000 Franken kosteten die dicken Türen der Einzelzellen, welche die Straftäter von anderen Insassen abschotten.

Betriebsstopp wegen Personalmangels

Dass diese Antithese zur Kuscheljustiz nicht jedermanns Sache ist, war abzusehen. Der jugendliche Straftäter Carlos wehrte sich mit Händen und Füssen gegen seine Verlegung nach Uitikon und trat in den Hungerstreik. Doch nicht nur Häftlinge fühlen sich von der nüchternen Atmosphäre abgestossen, sondern offenbar auch Sozialpädagogen. Aufgrund akuten Personalmangels ist der Betrieb der zehn Zellen zurzeit stillgelegt.

«Es ist ein Gefängnis, kein Freizeitzentrum.» (Video: Anja Metzger)

Und es wird noch einige Zeit dauern, bis die Abteilung, in die so viel Geld investiert wurde, wieder genutzt werden kann: «Wir arbeiten unter Hochdruck auf eine Wiedereröffnung hin. Bis es so weit ist, dauert es allerdings noch mehrere Wochen bis mehrere Monate», sagt Rebecca de Silva, Sprecherin des Amts für Justizvollzug des Kantons Zürich auf Anfrage. Inzwischen seien zwar genügend Sozialpädagogen rekrutiert worden. Allerdings müssten diese noch entsprechend eingeschult werden.

«Gestiegener Druck»

Die Verantwortlichen haben offenbar nicht erwartet, dass die Personalsuche derart schwierig wird. Vergleichbare Institutionen in anderen Kantonen geben an, dass sie stets genügend Personal zur Verfügung hätten, schreibt der «Beobachter». Ein freischaffender Sozialpädagoge, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist vom Betriebsstopp allerdings nicht überrascht. «Es ist alles auf Effizienz ausgelegt. Der Druck auf schnelle Therapieresultate ist enorm gestiegen.» Der Sozialarbeiter arbeitete jahrelang mit hochproblematischen Jugendlichen zusammen – auch solchen, die vorübergehend in Uitikon inhaftiert waren. Viele von ihnen hätten den Sprung in die Gesellschaft wieder geschafft.

Ende Februar möchte sich der Sozialarbeiter aus dem Geschäftsbereich mit schwerstkriminellen Jugendlichen zurückziehen. Als Hauptgrund nennt er die Politik, die unaufhörlich Resultate fordere, ohne selbst genügend von der Materie zu verstehen: «Da kann einem die Lust auf diese Arbeit schon vergehen.»

Wendepunkt Carlos?

Für den Sozialarbeiter stellt der Fall Carlos eine Zäsur dar. Die damalige Kritik an Kosten und Dauer der gescheiterten Reintegration habe die Arbeit der Institutionen nachhaltig verändert. Heute probiere man krampfhaft, positive Resultate herbeizuzaubern, die jedoch oft nur auf dem Papier existierten. «Eine Beurteilung ist heute oftmals nur noch schwarz oder weiss», sagt der Experte.

Ein Beispiel sei die Behandlung von Drogenproblemen von Jugendlichen. Einer, der jahrelang gekifft habe, würde dies nicht einfach so über Nacht aufgeben. «Heute wird gedroht: Entweder du hörst damit auf, oder die Massnahme für deine Reintegration wird abgesetzt.» So werde vieles auf rabiate Weise durchgesetzt, was jedoch eine nachhaltige Therapieform so gut wie verunmögliche. Einen Jugendlichen «aus der Unterwelt zu holen und wieder gesellschaftsfähig» zu machen, könne bis zu zehn Jahre dauern. Nun würde dazu allerdings deutlich weniger Zeit zur Verfügung gestellt. «Das ist nicht praktikabel. Ich habe die Schnauze gestrichen voll», sagt der Sozialarbeiter.

Hartes Klima

De Silva vom Amt für Justizvollzug möchte die Kritik, dass Effizienz vor Nachhaltigkeit steht, nicht gelten lassen. «Unsere Massnahmen bewegen sich auf höchstem fachlichem Niveau. Alles beruht auf den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen.» De Silva bestätigt, dass es schwierig sei, Sozialpädagogen zu finden, die den schwierigen Arbeitsanforderungen mit delinquenten Jugendlichen gewachsen seien: «Es ist ein hartes Umfeld mit strengen Sicherheitsvorkehrungen.» Das sei aber auch notwendig, weil in Uitikon die schwierigsten und gewaltbereitesten Jugendlichen stationiert seien. «Gewisse Sozialpädagogen lassen sich durch dieses Umfeld wohl abschrecken.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2016, 15:14 Uhr)

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