Der Baum hat Vortritt

Früher fällte man alte Bäume sorglos. Heute versuchen Städte, ihren Bestand zu vermehren. Auch Zürich hat seine Strategie geändert – dank Filippo Leutenegger.

Junge Bäume brauchen bis zu 40 Jahre, um ihre volle Grösse zu erreichen: Zwei Exemplare beim Bahnhof Wiedikon. Foto: Samuel Schalch

Junge Bäume brauchen bis zu 40 Jahre, um ihre volle Grösse zu erreichen: Zwei Exemplare beim Bahnhof Wiedikon. Foto: Samuel Schalch

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Die Zürcher lieben ihre Bäume. Und sie verachten jene, die sich an ihnen vergreifen. Immer wenn die Stadt Bäume fällt, bekommen die Verantwortlichen Post. Viel Post. Wütende Post.

«Am heftigsten reagieren die Menschen, wenn es Bäume trifft, die bereits blühen und auf denen Vögel brüten», sagt Axel Fischer. Er leitet die Abteilung Unterhalt von Grün Stadt Zürich, jenem Amt, das sich um das Leben und Sterben der Stadtbäume kümmert. Wann immer es geht, lässt Grün Stadt ­Zürich im Winter holzen. Dann sind die Äste kahl.

Doch das geht nicht immer. Mitte April rissen Bagger am General-Guisan-Quai 14 Trompetenbäume und Rosskastanien aus dem Boden. Die Bäume hatten bereits Knospen. Und bald kommen 36 weitere weg. Zusammen bildeten sie einen Hain, der seit fast 100 Jahren das Seeufer beschattete. Nun sind sie krank, Pilzbefall. Die Äste drohten abzubrechen und Passanten zu verletzen, sagt Grün Stadt Zürich. Einziges Gegenmittel: Notfällung.

«Kultur der Kettensäge»

Das überzeugt nicht alle. Neben den Medienberichten über diesen «Kahlschlag» standen Kommentare, wie man sie oft liest bei ähnlichen Aktionen: Zürich holze viel zu früh ab, nehme keine Rücksicht auf Gewachsenes.

Gross war auch die Empörung, als das städtische Elektrizitätswerk (EWZ) in diesem März 60 gesunde Bäume auf dem Lettendamm rodete. Begründung diesmal: Bei Hochwasser hätten deren Wurzeln die Stabilität des Damms gefährdet. Eine «Kultur der Kettensäge» herrsche in Zürich, kommentierte ­Andreas Diethelm. Er ist Biologe und prangert die städtische Baumstrategie regelmässig an.

Immer wieder versuchen Zürcher auch, geplante Rodungen in ihrer Nachbarschaft zu verhindern. Wenige Bäume reichen, um den Kampfgeist zu wecken: Für drei bedrohte Robinien neben der Haltestelle Nordstrasse wehrten sich Anwohner mit einer Petition und einer Kunstaktion.

Mehrfacher Nutzen der Stadtbäume

Solche Baumliebe ist nicht lokal verwurzelt, in vielen europäischen Städten lösen Abholzungen Proteste aus. Im englischen Sheffield etwa demonstrierten über 10'000 Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt von elf Linden. Auch in Berlin wird um fast jeden alten Baum gerungen.

Bei den Baumfreunden handelt es sich keineswegs um antiurbane Naturverklärer. Im Gegenteil. Stadtbäume nützen Städten gleich mehrfach, das zeigen Studien: Im Sommer kühlen sie, im Winter halten sie die Umgebung warm; ihre Blätter holen tonnenweise CO2 aus der Luft und filtern Feinstaub weg; allein ihr Anblick kann das Wohlbefinden der Anwohner verbessern. Diese Vorteile schlagen sich auch finanziell nieder. Laut einer Untersuchung aus den USA kosten Häuser an Strassen mit Bäumen mehr als solche mit kahlem Asphalt.

Viele Städte haben die Wichtigkeit der Bäume erkannt. Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson (der heutige Aussenminister) liess in acht Jahren 20'000 neue Bäume an Strassen pflanzen. Torontos Bürgermeister bringt es auf 100'000 neue Bäume – und das Jahr für Jahr. Barcelona hat gerade bekannt gegeben, dass es seinen Baumbestand verdoppeln will. Nur so bleibe die Stadt während der immer heisser werdenden Sommer bewohnbar.

Der frühere Zeitgeist

In Zürich haben bisher die Planer des Tiefbauamts über die Stadtbäume bestimmt. Die Politik setzte Leitplanken, sonst mischte sie sich nur selten ein. Kein Wunder. Die Frage, ob ein Baum weg muss, wird sehr schnell technisch. Es geht um Wurzellängen, Lausbefall, um die Höhe von Trottoirkanten. So blieben die Stadtbäume Verwaltungssache.

Das soll nun vorbei sein. Filippo Leutenegger, seit drei Jahren FDP-Stadtrat und Vorsteher des Tiefbauamtes, hat die Stadtbäume zur Chefsache erklärt. «Ich habe den Umgang damit grundlegend geändert», sagt Leutenegger. Früher habe man beim Tiefbauamt eher begründen müssen, warum man Bäume bei Neuplanungen vor dem Fällen verschonen solle. «Seit zwei Jahren haben die Projektleiter den Auftrag, die Strassenbäume bei Bauprojekten zu erhalten oder zu mehren.»

Filippo Leutenegger hat ein Herz für Pflanzen, insbesondere für Bäume – auch wenn er hier rigoros gegen Neophyten vorgeht. Foto: Raisa Durandi

Daniel Tremp, Bauingenieur beim Tiefbauamt, sagt es so: Bis vor kurzem hätten alte Bäume bei der Neugestaltung von Strassen oder Plätzen nicht immer oberste Priorität gehabt. «Wenn sie technischen Anforderungen im Weg standen oder nicht in ein gestalterisches Konzept passten, kamen sie weg oder wurden durch neue ersetzt.» Dieser Ansatz habe auch dem früheren Zeitgeist entsprochen. Das Neue, Praktische ging vor. Das bekamen die 119 Linden an der Bahnhofstrasse zu spüren, welche die Stadt bei der Strassensanierung 2013 ­fällen liess. Nur 58 alte Bäume überlebten.

Ein solches Vorgehen störte Filippo Leutenegger. Zürichs viel gelobte Aufenthaltsqualität nehme ab, wenn ständig alte Bäume verschwinden, sagt er. «Im Sommer würde sich die Stadt in eine Hitzeinsel verwandeln. Das will ich verhindern.»

Schwieriger Wechsel

Entscheidend für die Wirksamkeit der Stadtbäume ist ihr Blattvolumen. Dieses geht beim Fällen ausgewachsener Exemplare fast vollständig verloren. Denn Grün Stadt Zürich ersetzt sie meistens durch ungefähr 15-jährige Jungbäume. Diese kosten weniger. Und passen sich der neuen Umgebung leicht an. «Ältere, grössere Bäume dagegen haben Mühe, von der Baumschule in die Stadt zu wechseln. Oft hören sie auf zu wachsen und sterben früher», sagt Axel Fischer von Grün Stadt Zürich.

Die schmächtigen Jungbäume haben aber einen Nachteil: Bis sie die Ausmasse ihrer Vorgänger erreichen, müssen sie bis zu 40 Jahre lang weiterwachsen. «Darum ist es so wichtig, alte Bäume zu erhalten», sagt Leutenegger.

Um diesen «Policy-Wechsel» durchzusetzen, tut er etwas, was Stadträte selten tun: Er mischt sich ein in konkrete Projekte, stoppt sie, lässt nach baumschonenderen Varianten suchen. Dem Vernehmen nach frustriert das manche der zuständigen Planer. Aber es wirkt: Beim Beckenhof bewahrte Leutenegger mehrere Bäume, am Cassiopeiasteg drei. Auch die drei Robinien an der Haltestelle Nordstrasse bleiben stehen. Bei der Neu­gestaltung des Stauffachers wollte das Tiefbauamt erst 33 Bäume fällen. Es gab Reklamationen, nun müssen noch elf Bäume weichen. Sie alle werden ersetzt. Auch drei der fünf beliebten alten Kirschbäume vor der Kirche dürfen weiterblühen.

Grün Stadt Zürich unterzieht jeden Baum alle zwei Jahre einem Gesundheitscheck. Kränkelt ein Exemplar, führen die Baumpfleger Nachfolgetests durch.

Solche Kompromisse funktionierten nicht an allen Orten, sagt Leutenegger. Manchmal stünden den alten Bäumen stärkere Interessen gegenüber, ein neuer Veloweg etwa wie an der Albisriederstrasse. Oder schwierige Bauarbeiten wie an der Bellerivestrasse. Manchmal würden unheilbare Krankheiten wie gerade das Eschentriebsterben keine Wahl lassen als ein rasches Absägen.

Den allermeisten Stadtbäumen gehe es aber gut, sagt Axel Fischer. Grün Stadt Zürich unterzieht jeden Baum alle zwei Jahre einem Gesundheitscheck. Kränkelt ein Exemplar, führen die Baumpfleger Nachfolgetests durch. Erst danach entscheiden sie, ob ein Baum als gefährlich gilt. «Soviel ich weiss, wurde in Zürich noch nie jemand von einem herunterfallenden Ast ernsthaft verletzt», sagt Fischer.

Gleditschien statt Kastanien

Insgesamt florieren die Zürcher Strassenbäume. Ihre Anzahl ist von 20 842 im Jahr 2011 auf 21 945 im Jahr 2015 gestiegen (jene in den Pärken nicht mitgezählt). Die Neubaugebiete tragen viel zur Baumvermehrung bei. Ein Grund dafür liegt aber auch darin, dass das Tiefbauamt bei vielen Sanierungen zusätzliche Bäume pflanzt.

Brauchte es also – nach zwölf Jahren links-grüner Kontrolle über das Tiefbauamt – ausgerechnet einen Freisinnigen, um den Wert von Zürichs alten Bäumen zu erkennen? Selbst Leuteneggers Kritiker bestätigen dessen Selbsteinschätzung als «Baumretter» – zumindest teilweise. «Er hat sicher eine neue Sensibilität für alte Bäume ins Tiefbauamt gebracht», sagt der grüne Gemeinderat Markus Knauss. Doch dürfe die selbst deklarierte Baumliebe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für Leutenegger wichtigere Interessen gebe als Bäume: Parkplätze und den Schutz des Privateigentums.

Mehr Baumschutzgebiete gefordert

Knauss führt mehrere Fälle an (Uetlibergstrasse, Rautistrasse), bei denen Leutenegger den Erhalt von Parkplätzen dem Erhalt von Bäumen vorziehe. In Leimbach verzichte er wegen Parkplätzen auf das Anlegen einer Allee.

Die Grünen wollten ausserdem die Baumschutzgebiete in Zürich ausweiten. Dadurch hätten auch Private eine Bewilligung gebraucht, wenn sie grosse Bäume auf ihrem Grundstück fällen wollten. Leutenegger lehnte das Ansinnen ab. Den Privaten müsse man danken für ihre Baumpflege, statt sie mit Verboten zu behelligen. «Hier hätte er sich als wahrer Baumretter zeigen können», findet Knauss.

Exoten bevorzugt?

Der Biologe Andreas Diethelm geht noch weiter, er hält die Rede von einem Paradigmawechsel für «Geschwätz». Ohne ständigen Druck passiere auch unter Filippo Leutenegger nicht viel. In den verantwortlichen Ämtern herrsche nach wie vor ein technokratisches Denken vor. Man behandle Bäume als abstrakte Gestaltungselemente, als Kostenfaktoren oder Versicherungsrisiko. Entsprechend unzimperlich würde man sie entfernen.

Diethelm kritisiert weiter, dass Zürich bei Neupflanzungen exotische Arten bevorzuge: Tulpenbäume, Gleditschien, Steppensorten wie den Zürgelbaum. «Bäume bilden den wichtigsten Lebensraum für die städtische Artenvielfalt. Auf den neuen Arten bewegt sich aber kaum etwas. Die einheimische Baumfauna kann nichts mit ihnen anfangen.» Zudem änderten die neuen Arten das Stadtbild, sagt Diethelm. Traditionelle mitteleuropäische Stadtbäume wie Linden, Ulmen, Eschen oder Kastanien würden langsam verschwinden. «Dabei würde man besser die Lebensbedingungen für sie verbessern, also weniger Salz streuen und die Böden nicht so stark versiegeln.» Doch auf den Zürcher Ämtern gebe es eine «Abneigung gegen das Urwüchsige».

Die Stadt begründet ihre Bevorzugung fremdländischer Arten mit den härteren Bedingungen. «Stadtbäume hatten es immer schwer. Ihnen fehlt es an Platz, sie sind grosser Hitze und vielen Schadstoffen ausgesetzt», sagt Axel Fischer. In den letzten Jahrzehnten hätten die Belastungen zugenommen, deshalb gingen viele Bäume schneller ein. Dies bestätigt der Landschaftsarchitekt und ETH-Professor Günther Vogt. «In den Städten wird es heisser. Das macht den Bäumen zu schaffen.» Zürich und andere Städte weichen deshalb auf Arten aus, die Hitze, Staub und Trockenheit besser ertragen. Günther Vogt sieht darin kein Problem. «Einheimisch» sei eine relative Kategorie. Platanen zum Beispiel stammten ursprünglich aus Südosteuropa.

Die letzten Dinge

Überhaupt, findet Günther Vogt, klage man in Zürich auf hohem Niveau. Die Behörden verfolgten eine kluge Baumstrategie. Und Zürich sei rundherum mit herrlichen Grünräumen gesegnet. Zudem gehöre der Zyklus aus Fällen und Neuwachsen von Strassenbäumen zu jeder Stadt, man müsse ihm gelassen gegenüberstehen, findet Vogt.

Gleichzeitig hat er eine Erklärung dafür, warum das Schicksal der Bäume so viele Menschen berührt: Es erinnere an die eigene Vergänglichkeit. «Das Blätterdach des Kastanienhains am See werden viele von uns in voller Pracht nie mehr sehen. Denn bis die neuen Bäume auf heutige Grösse nachgewachsen sind, gibt es uns nicht mehr.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2017, 21:59 Uhr

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